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Zum Heulen – Tränen am Arbeitsplatz

Ein Mann wischt sich tränen aus den Augen
Foto: StockSnap/pixabay

In Japan bietet eine Firma eine weltweit einzigartige Dienstleistung an: Männer kommen in ein Unternehmen und bringen dessen Mitarbeiter zum Weinen. Danach sollen die sich entspannt und gelöst fühlen. Weinen zum Stressabbau. Es stimmt: Langfristig hat das Fließen von Tränen positive Effekte, zumindest falls jemand den Weinenden dabei tröstet. Das haben Psychologen der Universität Tilburg herausgefunden. Außerdem soll es eine bessere Arbeitsatmosphäre schaffen. Tränen für das Teambuilding – klingt zunächst skurril, ist aber nicht ganz abwegig: Mit seinen Vorgesetzten zu weinen, soll das gegenseitige Vertrauen stärken. Wer vor anderen weint, so die Logik, zeigt Verletzlichkeit und öffnet sich seinen Kollegen.

Die Japanischen Klagemänner sind ein extremes Beispiel, doch die Diskussion um mehr Gefühle in der Arbeitswelt wird von Arbeitspsychologen, Personalern und Karriereberatern längst geführt. Vor allem Psychologen plädieren dafür, auch am Arbeitsplatz Gefühle zeigen zu dürfen. Schließlich verlange die moderne Managementtheorie auch von Führungskräften, menschlich und authentisch zu sein. Personaler wissen zudem: Trauer, Wut und Unzufriedenheit drücken Mitarbeitern nicht nur aufs Gemüt, sondern lassen sie auch unkonzentriert und müde werden. Und durch Verdrängen und Zurückhalten wird alles nur noch schlimmer.

Karriere und Tränen – ein No-go

Karriereberater wiederum warnen: “Weinen ist ein Signal, das stark irritiert und meist als Schwäche ausgelegt wird”, sagt Jan Bohlken, Sozioökonom und Karrierecoach. Oder, noch schlimmer: “Viele Menschen betrachten Tränen als Manipulation oder Waffe, um sich aus Auseinandersetzungen herauszuziehen.” Zwar ist es schwer, Tränen vorzutäuschen, selbst Schauspieler üben dafür jahrelang. Doch echte Tränen wirken tatsächlich entwaffnend, das haben Biologen nachgewiesen: Israelische Wissenschaftler ließen Probanden an emotionalen Tränen schnüffeln. Die chemisch hochkomplexe Flüssigkeit ließ deren Testosteronwerte innerhalb von 15 Minuten sinken.

Dass der japanische Ansatz sich hierzulande durchsetzt, kann sich Jan Bohlken nicht vorstellen: “Grundsätzlich ist die deutsche Kultur dafür zu steif und zu verbohrt”, sagt er. Es gelte der Grundsatz: Wer weint, verliert an Autorität. Andrea Och war Bereichsleiterin einer großen Unternehmensberatung und coacht heute Frauen, die Karriere machen wollen. Sie meint, wer weint, werde als wenig belastbar, unprofessionell und instabil bewertet. Und es werde schlimmer, je weiter oben auf der Karriereleiter man sich befinde: “Wer in die Top-Etage will, sollte seine Emotionen im Griff haben und notfalls auch verstecken können.” Die Expertin nennt das “Maskierung”.

Nicht schwach, sondern authentisch

Ob Weinen zum Karrierekiller wird, hängt also davon ab, welche Funktion der Weinende hat, vom Anlass, der Unternehmenskultur – nicht zuletzt auch davon, wie oft jemand weint. “Viele Unternehmenskulturen basieren immer noch auf Status, Macht und Hierarchie und sind von authentischer Führung weit entfernt”, sagt Och. Frauen sind besonders im Nachteil, denn sie weinen im Schnitt vier Mal häufiger als Männer. Das hat körperliche Gründe. Sie sind buchstäblich näher am Wasser gebaut, haben kleinere Tränendrüsen, deshalb kommt die Flüssigkeit schneller raus, wenn sie streiten oder frustriert sind. Männer neigen eher dazu herumzuschreien oder Sachen an die Wand zu werfen.

Dennoch gesteht die Geschäftswelt Frauen keine Gefühlsausbrüche zu, sagt Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin von Facebook. Sie beschreibt in ihrem Buch, wie sie einmal vor einem Vorgesetzten in Tränen ausbrach, und wie unwirsch der reagierte: “Vielleicht wird es eines Tages nicht mehr als peinlich oder schwach gelten, am Arbeitsplatz Tränen zu vergießen”, hofft Sandberg. “Vielleicht werden Tränen dann schlicht als offen gezeigte, authentische Gefühle wahrgenommen. Und vielleicht werden das Mitgefühl und die Sensibilität, die Frauen ausgebremst haben, sie in Zukunft zu Führungspersönlichkeiten machen.” Führungskräfte, die einen offeneren Umgang mit dem Weinen im Unternehmen etablieren wollen, brauchen viel Empathie. Die Situation ist verzwickt, denn man steht sich in beruflichen Rollen gegenüber. “Ein Anfang ist zum Beispiel, sich das Problem als solches bewusst zu machen und einen Plan zu haben, wie man mit Tränen umgeht”, sagt Kornelia Rappe-Giesecke, die Führungskräfte coacht.

Getimtes Weinen

Tränen können also auch im beruflichen Umfeld heilsam und gesund sein – Führungskräfte sollten sich nur fragen, ob die Umstände stimmen. “Wir setzen uns selbst als Standard und überlegen: Würde ich in dieser Situation auch weinen?”, erklärt Tränenforscher Vingerhoets. Jeder hat zum Beispiel Verständnis, wenn ein Witwer um seine tote Frau weint oder eine Tochter um die Mutter. Doch auch dann darf man es mit der Trauer nicht übertreiben, sagt der Tränen-Forscher: “Wer schnieft und schreit und ihm dabei der Rotz aus der Nase läuft, wird als unangenehm empfunden. Menschen, die still weinen, werden hingegen als sensible Geschöpfe bewertet.” Profisportler, die nach einem Sieg oder einer Niederlage weinen, finden wir sympathisch.

Als der für seine Coolness bekannte Barack Obama in seiner Rolle als “mächtigster Mann der Welt” aus Mitgefühl in einer seiner Reden gegen Waffengewalt Anfang 2016 weinte, lagen ihm seine Fans noch mehr zu Füßen. Karriereberaterin Andrea Och hält die Tränen des Ex-Präsidenten zwar für echt. Gleichzeitig bewertet sie den Auftritt aber auch als “mächtigen Schachzug”.

Tränenforscher Vingerhoets bestätigt: Wenn bewunderte und respektierte Menschen weinen, dann könne das große Sympathien erzeugen. “Dabei kommt es aber aufs Timing an”, sagt er. Selbst ein harter Hund wie Norman Schwarzkopf, US- amerikanischer Chief Commander im zweiten Golfkrieg, darf weinen. Zumindest wenn er das an Weihnachten tut, wenn seine Soldaten ihre Familien vermissen. Und nicht kurz bevor er seine Einheit in den Kampf führt.

Wie reagieren Führungskräfte am besten, wenn Mitarbeiter weinen?

Obwohl laut Statistiken die meisten Menschen zu Hause zwischen sieben und zehn Uhr abends in Anwesenheit ihrer Mutter oder ihres Partners weinen, gibt es Situationen, in denen Mitarbeiter während der Arbeit in Tränen ausbrechen. Was tun bei einer unerwarteten Tränenflut?

Für private Probleme der Mitarbeiter müssen Führungskräfte sich nicht verantwortlich fühlen. Hier gilt es, schlicht Mitgefühl zu zeigen. Es kann aber auch an zu viel Stress liegen, Teammitglieder streiten sich vielleicht oder jemand verträgt keine Kritik: Sobald der Gefühlsausbruch berufliche Gründe hat, lohnt es sich für den Vorgesetzten, genau hinzuschauen. Womöglich gibt es Schwachstellen im Unternehmen. Führungskräfte-Coach Kornelia Rappe- Giesecke erklärt, welche Fragen sich Chefs stellen sollten, wenn ein Mitarbeiter weint:

  1. Fühle ich mich der Sache gewachsen?


    Es besteht kein Grund, aus Pflichtgefühl das Gespräch zu suchen. Sie sollten authentisch und ehrlich mit der Situation umgehen können, sonst ist ein Gespräch für beide Seiten unangenehm. Ist das nicht der Fall, fragen Sie den Mitarbeiter, wem er genügend vertraut – sei es in der Firma oder privat. Überlegen Sie, ob er mit dieser Person sprechen könnte, und ob dies in ihrem Sinne ist.
  2. Habe ich überhaupt Zeit, mich darum zu kümmern? 


    Sie sollten das Gespräch in jedem Fall während der Arbeitszeit führen, wenn es sich um ein Arbeitsproblem handelt. Hier gilt: Sehen Sie nicht von sich und ihren eigenen Bedürfnissen ab. Sie müssen nicht während der Mittagspause Psychologe ihrer Mitarbeiter sein. Bieten Sie einen Termin an, der ihnen gut passt.
  3. Passt es gerade, auf den Kollegen zuzugehen?


    Aufgabe von Führungskräften ist es, Schutz zu bieten. Bricht ein Mitarbeiter vor anderen in Tränen aus, zum Beispiel im Teammeeting, klären sie, ob die Person vor den anderen darüber sprechen will. Falls nicht, fragen Sie ihn, was er jetzt braucht und zeigen Sie verschiedene Optionen auf, wo, wie und mit wem die Ursache dieses emotionalen Ausbruchs zu klären wäre. Die Maxime ist, im Team nur das zu klären, was das Team angeht, persönliches und die eigene Arbeit Betreffendes aber besser im Einzelgespräch.
  4. Lässt sich das Gespräch verschieben?


    Sind Sie bereits in einem geschützten Raum, können Sie den Mitarbeiter direkt auf den Grund der Tränen ansprechen. Das muss aber nicht sein. Verabreden Sie gegebenenfalls für einen späteren Zeitpunkt ein Gespräch, falls andere Dinge gerade dringender erledigt werden müssen. Auch wenn Sie das Gefühl haben, dass ein Mitarbeiter eine lange Frustrationsphase durchmacht und öfters den Tränen nahe ist, verabreden Sie einen Termin. Dann können Sie sich an einem ruhigen und ungestörten Ort unterhalten.
  5. Kann ich Vertraulichkeit garantieren?


    Mitarbeiter haben oft große Angst, dass etwas in den Personalakten landen könnte. Machen Sie klar, dass sie sich offen unterhalten können und halten Sie dieses Versprechen danach auch unter allen Umständen ein. Hören Sie erst zu und lassen sich das Problem erzählen.
  6. Habe ich genug Geduld?
    Stellen Sie Nachfragen, wenn Sie etwas nicht nachvollziehen können, aber argumentieren Sie noch nicht. Oft werden Menschen wieder emotional, wenn sie das Problem im Gespräch nochmals durchgehen. Hinzu kommt: Die Gefühle, die sich hinter den Tränen ihres Mitarbeiters verbergen, können sich unmittelbar auf Sie übertragen. Ist derjenige traurig, gekränkt, wütend oder peinlich berührt, kann das auch in Ihnen Trauer, Kränkung, Wut, oder Scham auslösen. Helfen Sie demjenigen zu sortieren: Was klärt er privat, was zum Beispiel im Team oder mit dem Vorgesetzten? Überlegen Sie beide zum Schluss, wie die nächsten Schritte aussehen und ob Inhalte des Gesprächs weitergegeben werden dürfen.
  7. Bin ich auf Vorwürfe vorbereitet?


    Wenn sich herausstellt, dass Sie beispielsweise das Selbstwertgefühl des Mitarbeiters verletzt haben, ist es für beide Seiten schwierig, auf der Verhandlungsebene zu bleiben. Machen Sie sich ihre Rolle als Führungskraft klar und trennen Sie diese Ebene von der persönlichen. Sie sollten in der Lage sein, sich die Vorwürfe ruhig anzuhören und abzuwägen, ob diese berechtigt sind. Sie können Ihre Sicht schildern und erklären, wie man die Situation vielleicht anders sehen und bewerten könnte. Dann überlegen Sie gemeinsam, wie Sie das Problem lösen oder was sie ändern können. Merken Sie, dass das schwierig für Sie wird, ziehen Sie einen neutralen Dritten zur Konfliktmoderation hinzu.

Autorin: Lara Gohr, freie Journalistin

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