Ausbildungsdilemma: Wie kann HR den Nachwuchs trotz Krise fördern?

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Deutschland steckt im Ausbildungsdilemma: Unternehmen bieten immer weniger Ausbildungsstellen an, obwohl es mehr Interessenten für eine Ausbildung gibt. Die Wirtschaftskrise zwingt viele Arbeitgeber, ihre Angebote zu reduzieren, gleichzeitig kann aufgrund des demografischen Wandels nicht auf die Nachwuchsförderung verzichtet werden. 

Das hat Folgen: Die Zahl der Azubis sinkt, wie das Statistische Bundesamt jüngst bekanntgegeben hat. Im vergangenen Jahr wurden 461.800 Ausbildungsverträge abgeschlossen. Das sind 13.300 Ausbildungsverträge weniger als im Jahr zuvor, ein Rückgang von 2,8 Prozent. Diese Zahl klingt erst einmal nicht aufregend. Faktisch bedeutet sie aber, dass so viele junge Menschen weniger als im Vorjahr eine Berufsausbildung machen, wie in einer Kleinstadt wie beispielsweise Rothenburg leben.

Trendumkehr bei der Ausbildung: Das sind die Gründe 

Anders als in früheren Zeiten ist der Rückgang an Ausbildungsverträgen nicht darauf zurückzuführen, dass die Jugendlichen nach dem Schulabschluss nur noch Richtung Hochschule schielen. Tatsächlich ist die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen inzwischen deutlich größer als das Angebot: Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) suchten 560.300 Schulabgängerinnen und -abgänger einen Ausbildungsplatz – das sind 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr. 

Für diese Entwicklung gibt es zwei Gründe: Zum einen gewinnt die Ausbildung wieder an Beliebtheit. Angesichts der sich abzeichnenden epochalen Folgen, die die KI-Revolution gerade auf akademische Berufe hat, steigt die Anziehungskraft mutmaßlich nicht wegdigitalisierbarer Tätigkeiten wie Dachdeckerei oder Kinderbetreuung erheblich an. Laut Barbara Wittmann, Linkedin-Managerin Deutschland,  zeigte sich bei einer Befragung  unter 2.000 Berufstätigen, dass mehr als die Hälfte der Befragten bei der Karrierewahl darauf schauen, wie KI-sicher ein Beruf ist.

Gerade die Gen Z suche krisensichere Alternativen zum klassischen Bürojob. Das Handwerksblatt etwa formulierte frohlockend: „KI hat keine Hände – Handwerksberufe sind zukunftsfest“. Zudem kann eine Ausbildung auch finanziell sehr attraktiv sein. Eine Stepstone- Auswertung ergab, dass in Zukunftsberufen – etwa bei Kaufleuten für Digitalisierungsmanagement oder Chemikanten – schon kurz nach der Ausbildung Gehälter gezahlt werden, die mit denen von Hochschulabsolventen locker konkurrieren können. 

Die steigende Beliebtheit der Ausbildungsberufe ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist aber aufgrund der Wirtschaftskrise das Angebot erheblich geschrumpft: Insgesamt wurden 2025 nur noch 530.300 Ausbildungsstellen angeboten, ein Rückgang von 4,6 Prozent. Besonders gelitten hat die Ausbildung in Industrie und Handel, auch im Handwerk ging die Zahl der Ausbildungsplätze zurück. Dabei gibt es ein deutliches West-Ost-Gefälle – gerade in den traditionell starken Industrieländern NRW, Baden-Württemberg und Bayern wurden überdurchschnittlich viele Ausbildungsplätze gestrichen, weit mehr als in den ostdeutschen Ländern.

Eine weitere Zahl zeigt ebenfalls, wie sich die Zeiten ändern: Die Menge der Ausbildungsplätze, die seitens der Unternehmen nicht besetzt werden können, ist sehr deutlich zurückgegangen. 54.400 Ausbildungsplätze blieben im vergangenen Jahr offen – das sind 21,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Das ist einerseits eine Folge des geringeren Angebots – wenn weniger Plätze angeboten werden, bleiben auch weniger Plätze frei.

Möglicherweise akzeptieren aber auch viele Jugendliche inzwischen einen Ausbildungsplatz, der nicht ihre erste Wahl ist. Betriebe jedenfalls berichten zunehmend davon, auch leistungsschwächere Kandidaten und Kandidatinnen in Kauf zu nehmen, wenn sie nicht die Top-Schulabgänger und -Schulabgängerinnen mit allen Wunscheigenschaften anheuern können.

Nahles: „Die Entwicklung geht in die völlig falsche Richtung“

Weniger Ausbildungsplätze. Weniger Ausbildungsverträge. Weniger offene Stellen. Dazu mehr junge Menschen, die eine Ausbildung machen wollen, aber keine Ausbildungsstelle finden. Laut Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, ist dieser Trend bedenklich: „Die Entwicklung bei den Ausbildungsplätzen geht in die völlig falsche Richtung und ist zu kurzfristig gedacht.“ Bis 2035, so Nahles, würden rund sieben Millionen Fachkräfte fehlen. Es sei also essentiell, den Nachwuchs trotz – oder gerade wegen – wirtschaftlicher Rahmenbedingungen weiterhin auszubilden. 

Doch Ausbildung kostet Geld – und das sitzt bei vielen Unternehmen derzeit nicht mehr so locker. Laut BIBB lagen im Ausbildungsjahr 2022/23 die Bruttokosten für einen Azubi bei 26.200 Euro jährlich, inklusive Ausbildungsentgelt, Kosten für Ausbilder, Sachkosten und Ähnlichem. Die Leistungen der Auszubildenden bezifferten sie mit 18.100 Euro, rund 70 Prozent der Ausbildungskosten würden durch die Erträge gedeckt. Seither sind die Ausbildungsentgelte deutlich gestiegen. Eine neue Berechnung liegt aktuell noch nicht vor. 

Trotzdem, so sagen die Berufsforscher und -forscherinnen, seien diese Kosten im Vergleich zu dem Geld, das für die Neugewinnung von Fachkräften ausgegeben werden müsse, immer noch attraktiv. Was aber sind Lösungen für das Ausbildungsdilemma? Wie können mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden – ohne Unternehmen zu überfordern? 

Berlin führt die Ausbildungsplatzumlage ein 

In der Hauptstadt ist die Unterversorgung mit Ausbildungsplätzen besonders drastisch. Während im Bundesdurchschnitt auf 100 Ausbildungssuchende rund 93 Ausbildungsplätze kommen, sind es in Berlin aktuell nur 78 Plätze, schlechter ist die Relation in keinem anderen Bundesland. Gerade einmal jedes zehnte Unternehmen bildet dort überhaupt noch aus. Nun hat die Politik Konsequenzen gezogen: Vor wenigen Tagen wurde vom Berliner Abgeordnetenhaus eine Ausbildungsplatzumlage beschlossen. 

Berliner Unternehmen müssen künftig in einen Fonds einzahlen, wenn ihre Ausbildungsquote unter dem Bundesdurchschnitt von 4,6 Prozent liegt. Die Abgabe gilt für alle Unternehmen ab zehn Mitarbeitenden. Das Geld soll in einem Fonds gesammelt werden, aus dem ab 2028 zusätzlich geschaffene Ausbildungsplätze in ausbildenden Unternehmen finanziert werden sollen. Zudem sollen Qualifizierungsmaßnahmen für junge Menschen aus dem Fonds bezahlt werden, um sie für eine Ausbildung fit zu machen. Über die Umlage sollen 75 Millionen Euro eingesammelt werden.

Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg haben prompt ihre Bedenken gegen die Ausbildungsplatzabgabe angemeldet – allerdings hatten sie es in den Jahren zuvor nicht geschafft, auf freiwilliger Basis 2.000 zusätzliche Ausbildungsplätze jährlich zur Verfügung zu stellen, um eben diese drohende Abgabe abzuwenden. Besonders stößt es den Berliner Unternehmen auf, dass sie die Abgabe auch dann zahlen sollen, wenn sie keinen geeigneten Bewerber oder keine passende Bewerberin finden können. Auch die IHK Berlin hat sich gegen die Umlage positioniert unter dem Motto: „Ja zur Ausbildung. Nein zur Ausbildungsplatzabgabe“.

Ein ähnliches Modell wurde in Bremen bereits 2023 beschlossen. Über die Rechtmäßigkeit des Bremer Ausbildungsunterstützungsfondsgesetzes wird voraussichtlich in nächster Zeit das Verwaltungsgericht Bremen entscheiden.

Weitere Lösungsansätze, um die Ausbildung zu fördern 

Bei allen Streitigkeiten über Details und spezifische Rechtsfragen gibt es einige Gewissheiten: 

  • Die duale Berufsausbildung ist gerade im KI-Zeitalter wichtig und zukunftsrelevant. 
  • Junge Menschen streben in Ausbildungsberufe.
  • Unternehmen brauchen angesichts des Ausscheidens der Babyboomer in den nächsten Jahren neue Arbeitskräfte – und wer ausbildet, entscheidet, was die künftigen Fachkräfte lernen, und bindet sie außerdem an das Unternehmen.
  • Deutschland braucht eine gut ausgebildete Workforce, um im globalen Wettbewerb mitzuspielen

Die Verantwortung für die Ausbildung nur und ausschließlich die tatsächlich ausbildenden Unternehmen tragen zu lassen, funktioniert offenkundig nicht überall, wie das Beispiel Berlin zeigt. Gerade kleinere Unternehmen können den zeitlichen, organisatorischen und finanziellen Aufwand oft nicht stemmen. Um hier Abhilfe zu schaffen, sind viele Schritte erforderlich. Überbetriebliche Ausbildungszentren, wie sie etwa Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) stärker fördern will, sind ein Ansatz. Ein anderer setzt auf Kooperation zwischen Unternehmen bei der Ausbildung, manche große Unternehmen unterstützen mit ihren Kapazitäten auch kleinere Betriebe mit einzelnen Ausbildungsmodulen. All das gibt es bereits – und es ist ausbaufähig. 

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.