Es ist ein bisschen wie bei einem Blind Date: Der Betrieb hat Erwartungen, der Azubi auch. Beide hoffen auf einen glücklichen Ausgang. Und wie so oft im Leben gilt: Erwartungen und Realität können auseinanderklaffen. Besonders dann, wenn es um die Kompetenzen von Berufseinsteigerinnen und -einsteigern geht.
Was sind Kompetenzen eigentlich?
„Kompetenzen“ sind mehr als nur gute Noten. Es geht um Wissen, Können und Wollen. Fachliche Grundlagen, soziale Fähigkeiten, Selbstorganisation, Kommunikationsgeschick, digitale Grundkenntnisse – das alles spielt mit hinein. Wer mit 16, 17 oder 18 Jahren die Schule verlässt, bringt zwar meist einen Schulabschluss mit, aber welche Kompetenzen tatsächlich vorhanden sind, variiert stark.
Was bringen Jugendliche mit?
Realität ist: Viele Jugendliche bringen keine perfekt geschnürten Kompetenzpakete mit. Sie kommen mit großen Unterschieden im Gepäck: im Alter (15 bis Anfang 20 Jahre), im Schulabschluss (von Hauptschulabschluss bis Abitur) und in der Lebenserfahrung. Während Jugendliche mit Abitur häufig stärker im theoretischen Wissen sind, punkten Haupt- und Realschüler und -schülerinnen oft mit Praxisbezug. Wer älter ist, hat meist schon mehr Eigenverantwortung übernommen – sei es durch Nebenjobs oder familiäre Verpflichtungen.
Und dann ist da noch die Sache mit der Reife. Nicht jeder 16-Jährige hat die gleiche emotionale Standfestigkeit, nicht jede 19-Jährige das gleiche Selbstbewusstsein. Das ist kein Makel, sondern schlicht menschlich.
Ausbildungsreife – ein dehnbarer Begriff
Betriebe sprechen gern von „Ausbildungsreife“. Gemeint sind Basiskompetenzen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft und Grundkenntnisse in Mathe und Deutsch. Viele Unternehmen wünschen sich zudem ein Mindestmaß an Selbstorganisation und Teamfähigkeit. Klingt nach nicht viel, ist aber in der Summe anspruchsvoll – besonders für junge Menschen, die aus weniger stabilen sozialen Kontexten kommen oder in der Schule nie wirklich gefordert oder gefördert wurden.
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Was können Unternehmen konkret tun?
- Auswahlprozesse überdenken: Schulnoten allein sagen wenig aus. Setzen Sie auf Probearbeitstage, Gespräche mit Interviewleitfaden, mehreren Beteiligten und strukturierten Beobachtungen.
- Erwartungen kommunizieren: Was genau bedeutet „Teamfähigkeit“ oder „Zuverlässigkeit“ in Ihrem Unternehmen? Klarheit hilft beiden Seiten.
- Individuelle Einstiege ermöglichen: Ausbildungsintegrierte Vorbereitung, gestufte Einstiege oder Teilzeitmodelle können Barrieren abbauen.
- Ressourcen bereitstellen: Sozialpädagogische Begleitung, Lernhilfen, Feedbackrunden und Mentoring sind keine Luxusausstattung, sondern Investitionen in die Zukunft.
Wunsch trifft Wirklichkeit: Die Passungsproblematik
Seit einigen Jahren ist auf dem Ausbildungsmarkt außerdem von der sogenannten „Passungsproblematik“ die Rede: Auf der einen Seite bleiben tausende Ausbildungsplätze unbesetzt, auf der anderen Seite finden viele Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. Das liegt oft nicht an mangelndem Willen, sondern an Diskrepanzen in den Erwartungen. Und die Passungsprobleme variieren: je nach Region und Beruf gibt es große Unterschiede.
Betriebe suchen oft die „eierlegende Wollmilchsau“: Jugendliche, die motiviert, belastbar, kommunikativ, praxiserprobt sind und bestenfalls Führungspotenzial aufweisen. Die Bewerberinnen und Bewerber bringen hingegen nicht selten Unsicherheiten, Schulmüdigkeit und begrenzte Kenntnisse mit. Doch genau hier liegt eine Chance.
Realität anerkennen, Potenzial erkennen
Der erste Schritt: Realitäten anerkennen. Viele Jugendliche haben während der Schulzeit keine kontinuierliche Berufsorientierung erhalten. Praktika wurden (pandemiebedingt) gestrichen, Lehrkräfte sind überlastet und oft auch keine Experten für Berufsorientierung, Eltern nicht immer eine Hilfe. Kurz: Die „Startvoraussetzungen“ sind unterschiedlich.
Deshalb müssen Betriebe umdenken. Statt auf das perfekte Profil zu warten, könnten sie mehr auf das Potenzial achten. Motivation, Lernwille, ein ehrliches Interesse am Beruf – das sind Faktoren, die sich nicht anhand von Schulnoten ablesen lassen, aber in Gesprächen mit den richtigen Fragen durchaus sichtbar werden.
Unterstützungsangebote statt Absagen
Was tun mit Jugendlichen, die nicht dem Idealbild entsprechen? Zunächst: nicht vorschnell aussortieren. Viele Kammern, Agenturen und Bildungswerke bieten Programme wie Einstiegsqualifizierung, Sprachförderung oder sozialpädagogische Begleitung (zum Beispiel im Rahmen der assistierten Ausbildung) an. Auch innerbetriebliche Unterstützung – etwa durch Mentoring-Programme oder verbesserte Feedbackstrukturen – kann viel bewirken.
Ein betriebliches Buddy-System, bei dem ältere Azubis den Neuen zur Seite stehen, fördert nicht nur die Integration, sondern auch Verantwortungsgefühl. Zusätzliche Nachhilfe in Fachthemen oder Soft Skills kann ebenfalls hilfreich sein. Wichtig ist: nicht nur fordern, sondern auch fördern.
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Mehr zum „Fördern und Fordern“ finden Sie beim KOFA: Fördern und Fordern: Ausbildungsförderung – KOFA
Generation Z: Faul oder nur anders?
Und dann wäre da noch die Gen Z. Die Jugend, über die oft gesagt wird, sie sei faul, bequem und nicht belastbar. Stimmt das überhaupt? Oder ist sie einfach reflektierter, sensibler und kompromissloser, wenn es um Work-Life-Balance geht?
Wer mit 17 Jahren sagt, er wolle nicht für einen Job leben, sondern mit einem Job leben, verdient kein Stirnrunzeln, sondern ein Gespräch. Junge Menschen haben Werte und Erwartungen, und sie sind bereit, sich zu engagieren – wenn man sie ernst nimmt. Betriebe, die zuhören und Dialoge auf Augenhöhe führen, sind klar im Vorteil.
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Lesen Sie hier Generation Z aktiv und zielgruppengenau ansprechen – KOFA mehr zum Thema Gen Z.
Und die Haltung?
Jugendliche sind nicht defizitär, sondern in Entwicklung – und sie sind die einzigen, die wir haben. Wer das versteht, ändert seine Perspektive: Weg vom „früher war alles besser“, hin zu einem „was brauchen sie, um hier erfolgreich zu sein?“. Der Blick fürs Potenzial statt für die Lücken macht den Unterschied.
Fazit
Betriebe, die in junge Menschen investieren, gewinnen mehr als nur Azubis. Sie sichern sich die Fachkräfte von morgen, die Treue von übermorgen und einen Ruf, der auch im übernächsten Bewerbungsgespräch noch nachklingt. Es lohnt sich also, genau hinzusehen, ein bisschen Mut zur Unvollkommenheit zu zeigen und der Generation Z nicht nur einen Platz im Unternehmen zu geben, sondern eine Perspektive.
Info
Die Autorinnen der Kolumne „Wie Ausbildung gelingt” sind Expertinnen des KOFA Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V.
Anna Schopen ist Senior Projektmanagerin mit Themenschwerpunkt Ausbildung.
Miriam Schöpp ist Referentin für Berufliche Bildung.
Hier finden Sie alle Beiträge der Kolumne.
