Die Mehrheit der (jungen) Menschen, die eine duale Ausbildung absolvieren, gehen an sich gern zur Berufsschule, hadern jedoch mit Digitalisierungs-Defiziten und der Art der Wissensvermittlung dort und im Betrieb. Zugleich bemängeln viele Ausbildungsverantwortliche in den Betrieben, dass Ausbildende oft nicht ausreichend geschult werden und für eigenständiges Lernen der Nachwuchskräfte häufig nicht genug Raum ist.
Das zeigen Ergebnisse des zweiten Teils der Studie „Azubi-Recruiting Trends 2024“, die unserer Redaktion vorliegen. Dafür hat der Ausbildungsdienstleister U-FORM Testsysteme rund 4.900 Schülerinnen, Schüler und Azubis sowie gut 1.700 Ausbildungsverantwortliche befragt.
Berufsschule? Ja, aber…
Den Angaben zufolge finden es 55 Prozent der Azubis „grundsätzlich gut, zur Berufsschule zu gehen“. Allerdings ist das Gros der Befragten mit der praktischen Wissensvermittlung dort nicht einverstanden. „Sehr zufrieden“ oder „zufrieden“ mit dem Unterricht und den Lernformaten zeigt sich laut U-Form lediglich eine Minderheit von rund 47 Prozent.
Zudem möchte eine knappe Mehrheit von 51 Prozent der Auszubildenden keine allgemeinbildenden Fächer wie Deutsch und Sport an der Berufsschule. Unter den Ausbildungsverantwortlichen befürworten das hingegen lediglich 36 Prozent.
Auf der Mängelliste in puncto Berufsschule sehen viele Auszubildenden und Ausbildungsverantwortliche zudem
- zu lange Schulwege (Azubis: 33,7 Prozent, Ausbildungsverantwortliche: 24,8 Prozent)
- nicht zeitgemäße Lehrmethoden (Azubis: 32,3 Prozent, Ausbildungsverantwortliche: 48,4 Prozent) sowie
- eine mangelnde Passung der Inhalte zu den praktischen Anforderungen des Berufs (Azubis: 32,0 Prozent, Ausbildungsverantwortliche: 34,7 Prozent).
Künstliche Intelligenz: Alle reden drüber, kaum einer macht’s
Ein weiterer Aspekt der Befragung beleuchtet, wie es um die digitale Ausbildungspraxis bestellt ist – vor allem im Bereich Künstliche Intelligenz. Eine Mehrheit von 58,2 Prozent der Auszubildenden befürwortet es demnach, dass der Umgang mit KI fester Bestandteil der dualen Ausbildung wird – jedenfalls in bestimmten, technikaffinen Berufen. Weitere 31,8 Prozent geben an, dass KI grundsätzlich in die Ausbildung integriert werden sollte. Nur 9,9 von Hundert lehnen den Einsatz artifizieller Systeme in der Ausbildung hingegen ab.
Spannend ist: Den Daten zufolge vermitteln derzeit weniger als ein Zehntel der Betriebe entsprechende Inhalte im praktischen Alltag (9,7 Prozent), ein Viertel (25,7 Prozent) plant dies zumindest.
Die Studienverantwortlichen finden das „erschreckend“. Laut Felicia Ullrich, Geschäftsführerin der U-Form Testsysteme GmbH & Co. KG, ist KI „mehr als ein Buzzword oder ChatGPT. Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt maßgeblich verändern. Dass nur 10 Prozent der Unternehmen KI-Themen in der Ausbildung vermitteln und nur 26 Prozent planen, dies zu tun, empfinde ich fast als fahrlässig“. Ihr Votum: Um die duale Ausbildung als gleichwertigen Partner zum Studium zu positionieren, „müssen wir aktuelle Innovationen aufgreifen“.
Doch auch aus Sicht der Ausbildungsverantwortlichen gibt es offenbar nach wie vor Reibungspunkte beim Einsatz elektronischer Systeme oder künstlicher Helferlein. Auf die Frage „Wie finden Sie es, wenn die folgenden Bereiche durch künstliche Intelligenz unterstützt oder ersetzt werden?“, antwortenden die teilnehmenden Ausbildungsexpertinnen und -verantwortlichen wie folgt:

„Die Zahlen aus unserer Studie weisen eindeutig darauf hin, dass die betriebliche Ausbildung immer noch zu wenig digital ist“, sagt Ullrich dazu. Das verwundere, da vom Gesetzgeber „eindeutig mehr Digitalisierung in der Ausbildung“ gewünscht sei, so Ullrich, die dabei auch auf das so genannte Berufsvalidierungs- und Digitalisierungsgesetz verweist. Zudem gebe es vielfach veränderte Standardberufsbildpositionen, die ab August 2024 speziell für neue Ausbildungsberufe gelten.
Azubis offen für digitale Tools in der Ausbildung
Aus Usersicht – also der Azubiperspektive – gibt es dabei laut der Studie eine große Offenheit gegenüber digitalen Tools, die die eigentliche Ausbildung flankieren. Die Top 5 darunter sind
- Digitale Verfügbarkeit deines Ausbildungsplans (90,3 Prozent Zustimmung)
- Anzeigen eigener Lernfortschritte (83,6 Prozent Zustimmung)
- Schreiben und Verwalten von Ausbildungsnachweisen sowie Berichtsheften (79,2 Prozent Zustimmung)
- E-Learning-Angebote zu Ausbildungsinhalten (75,2 Prozent Zustimmung) sowie
- Austausch mit der Berufsschule (73,3 Prozent Zustimmung)
Kein ‚Beef‘ zwischen den Generationen
Aufmerken lässt, dass in der öffentlichen Diskussion vielfach von einem möglichen Generationenkonflikt zwischen der so genannten Gen Z – also den bis 2010 Geborenen – und älteren Mitarbeitenden in puncto Arbeitsmoral, Work-Life-Balance und Leistungsbereitschaft berichtet wird. Dafür sieht die Studie nur jedoch bedingt Anhaltspunkte. So gaben 64 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen an, keine vermehrten Spannungen zwischen den Generationen wahrzunehmen.
Dass es in Betrieben dennoch mitunter zu Konflikten zwischen verschiedenen Altersgruppen – unabhängig von Hierarchien – kommen kann, ist dabei nicht ausgeschlossen. So hat kürzlich eine Umfrage der Jobbörse Indeed gezeigt, dass in allen Altersgruppen viele Führungskräfte die Zusammenarbeit mit Kollegen aus der gleichen Generation bevorzugen. Und zwar allen voran die Millennials (Jahrgänge 1981 bis 1996, wir berichteten).
Mehr Ausbildung für die Ausbildenden nötig
Augenfällig ist hingegen, was die Autorinnen und Autoren zum Thema Weiterqualifizierung der vor Ort tätigen Ausbildenden zu berichten wissen: Denn während 56 Prozent der Azubis die Meinung vertreten, ihre Ausbilder könnten gut erklären können und rund die Hälfte ihnen Motivation bescheinigt, haben die Ausbildungsverantwortlichen selbst oft einen sehr viel kritischeren Blick auf den Alltag ihrer Ausbildenden:
Nur 19 Prozent geben demnach an, dass ihre Ausbildenden regelmäßig größere Aufgaben stellen, die den Azubis im Betrieb eigenständiges Lernen ermöglichen. Zudem kritisieren sie, dass Ausbildende sehr häufig nicht ausreichend geschult werden. Ferner bestätigen lediglich 17 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen, dass ihre Ausbildenden regelmäßig Weiterbildungen erhalten. Und nur ein gutes Drittel hat demnach uneingeschränkten Zugriff auf hilfreiche Materialien, die ihre Arbeit erleichtern würden.
Felicia Ullrich zeigt dafür wenig Verständnis: „Ausbildungsbeauftragte werden nach unserem Eindruck aktuell in vielen Betrieben einfach noch nicht genug unterstützt“ Dabei sei deren Engagement „für den Erfolg der betrieblichen Ausbildung absolut entscheidend“. Abhilfe schaffen können dabei ihrer Auffassung nach konkrete Initiativen wie „Sprechstunden, Online-Trainings oder ein Tag der Ausbildenden“.
Info
Die Untersuchung „Azubi-Recruiting Trends“ ist nach Angaben der Verantwortlichen „Deutschlands größte doppelperspektivische Studie zur dualen Ausbildung“ und wird seit zehn Jahren zu unterschiedlichen Themen durchgeführt. Datenbasis ist 2024 eine Online-Umfrage, die das Unternehmen U-Form-Testsysteme zusammen mit AUBI-plus durchgeführt hat. Dazu wurden insgesamt 4.941 Schulpflichtige und Azubis sowie 1.752 Ausbildungsverantwortliche befragt.
Wissenschaftlich begleitet hat das Vorhaben Prof. Dr. Christoph Beck von der Hochschule Koblenz, der dort unter anderem den Studiengang Master of Science Human Resource Management leitet.
Frank Strankmann ist Redakteur und schreibt off- und online. Seine Schwerpunkte sind die Themen Arbeitsrecht, Mitbestimmung sowie Regulatorik. Er betreut zudem verantwortlich weitere Projekte von Medienmarken der F.A.Z. Business Media GmbH.

