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Statistisches Bundesamts: Ausbildungsmarkt leidet durch Corona-Krise

Junge Frau vor Tafel mit Fragezeichen
Infolge der Corona-Krise haben sich die Ausbildungschancen für junge Menschen verschlechtert. Foto: © Liudmyla-stock.adobe.com

Auch in den Jahren vor Corona war die Zahl der Ausbildungsverträge hierzulande bereits tendenziell zurückgegangen. 2020 allerdings war der Einbruch so hoch wie nie zuvor. Die Krise hat die Situation drastisch verschärft.

9,4 Prozent weniger neue Ausbildungsverträge

Im vergangenen Jahr wurden rund 465.200 neue Ausbildungsverträge in der dualen Berufsausbildung abgeschlossen – 9,4 Prozent weniger als in 2019. Fast zwei Drittel der neuen Verträge (63,8 Prozent) entfielen auf männliche Auszubildende, gut ein Drittel (36,2 Prozent) auf weibliche. Bei den Frauen nahm die Zahl der Neuverträge um 10,2 Prozent ab, bei den Männern sank sie um 8,9 Prozent. Insgesamt gab es mit Stichtag zum 31. Dezember rund 1,289 Millionen Azubis in Deutschland gegenüber 1,329 Millionen zum Vorjahreszeitpunkt. Das geht aus einer Auswertung des Statistischen Bundesamts (Destatis) hervor. Welche Berufe Mädchen und Jungen jeweils wählten, zeigt eine weitere > Analyse.

Größter Einbruch in Industrie und Handel

Die Analyse nach Branchen zeigt, dass der Einbruch der neuen Ausbildungsverträge in Industrie und Handel mit 11,9 Prozent am größten ist. Vor allem im Handel sind viele Unternehmen von der Krise betroffen. Es folgen die Hauswirtschaft (mit einem Minus von 9,6 Prozent), das Handwerk (minus 6,6 Prozent), Freie Berufe (minus 6,5 Prozent) und Öffentlicher Dienst (minus 3,1 Prozent). Der einzige Bereich, in dem die Zahl der Verträge nicht zurückging, ist die Landwirtschaft, die sogar einen leichten Zuwachs von 3,6 Prozent verbuchte.

Westliche Bundesländer am stärksten betroffen

Die Betrachtung der Lage in den einzelnen Bundesländern ergibt, dass zwar Betriebe und Jugendliche in allen Ländern betroffen waren, sich das Ausmaß des Rückgangs der neuen Ausbildungsverträge jedoch regional stark unterscheidet. Mit einer Abnahme um 13,5 Prozent liegt Hamburg an der Spitze der negativen Entwicklung, gefolgt vom Saarland (Rückgang um 12,4 Prozent), Berlin (minus 12,1 Prozent) und den westlichen Ländern Hessen (minus 11,9 Prozent), Nordrhein Westfalen (11,0 Prozent) und Niedersachsen (10,1 Prozent). Am geringsten war der Rückgang der Neuverträge in den östlichen Bundesländern Brandenburg (minus 2,8 Prozent), Sachsen (minus 4,8 Prozent) und Sachsen-Anhalt (minus 5,1 Prozent).

Neben Lockdowns führen auch Transformationsprozesse zu einem Rückgang der Ausbildungsplätze

Ein > Bericht der Arbeitsagentur (BA) vom März dieses Jahres bestätigt die rückläufige Entwicklung und stellt zusätzlich fest, dass sich die Ausbildungsaktivitäten vor allem derjenigen Unternehmen verringern, die vom Lockdown besonders betroffen sind, beispielsweise Hotel-, Gaststätten- und Tourismusberufe sowie Friseure. Aber auch in technischen Berufen, etwa Kfz-Mechatroniker/-in oder Industriemechaniker/-in, ging die Zahl der Ausbildungsplätze überdurchschnittlich stark zurück. Laut BA dürften sich hier neben der Corona-Krise auch die aktuellen Transformationsprozesse der Unternehmen niederschlagen, insbesondere in der Automobil- und Zuliefererindustrie.

Im März 2021 sieben Prozent weniger Ausbildungsangebote als im Vorjahr

Was den Stand der Entwicklung in diesem März betrifft, stellt die BA einen Rückgang der gemeldeten Ausbildungsstellen von sieben Prozent im Vergleich zum März 2020 fest. Da der Ausbildungsmarkt jedoch noch stark in Bewegung ist, handelt es sich nur um eine vorläufige Einschätzung, so die Arbeitsagentur. 196.600 Bewerber auf Ausbildungsplätze waren im März noch unversorgt und 259.800 Ausbildungsstellen waren noch nicht besetzt – zehn Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Gleichzeitig lag die Zahl der gemeldeten Bewerber mit 322.800 um zwölf Prozent niedriger als im März 2020. Die BA geht davon aus, dass der Rückgang der Bewerberzahl weder demografische Gründe hat noch mit einem sinkenden Ausbildungsinteresse zusammenhängt, sondern auf die Krise zurückgeführt werden kann. Einige junge Menschen würden angesichts der aktuellen Situation vermutlich auch von einer betrieblichen Ausbildung absehen und stattdessen eine höhere Schulbildung oder ein Studium anstreben.

Jeder zehnte Betrieb will im Herbst weniger Lehrstellen anbieten

Eine > Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) prognostiziert, dass die deutschen Unternehmen im Herbst wegen der unsicheren Geschäftserwartung noch weniger neue Azubis aufnehmen werden als in 2020. Etwa jeder zehnte Ausbildungsbetrieb wird voraussichtlich sein Lehrstellenangebot reduzieren, das gelte vor allem für kleine und besonders krisengeschüttelte Unternehmen. Die derzeitige Entwicklung wird nicht ohne Folgen bleiben: Das IAB warnt davor, dass sich der Fachkräftemangel verstärken könnte. Und für die jungen Menschen wird es schwieriger, sich verlässliche berufliche Perspektiven zu erarbeiten und das vor dem Hintergrund, dass ein Ende der Krise bisher nicht abzusehen ist.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.