Drei Stunden am Tag. Das ist die durchschnittliche Zeit, die Millionen Menschen hierzulande für die Pflege ihrer Angehörigen aufbringen – neben dem Job. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Instituts des deutschen Wirtschaft IW unterstützten 2022 (aus dem Jahr stammen die Daten des zugrundliegenden sozio-ökonomischen Panels) fast sechs Millionen Menschen ihre Angehörigen mit Pflegetätigkeiten.
Dazu zählen neben Pflege im engeren Sinne auch beispielsweise Hilfeleistungen im Haushalt oder die Betreuung von Bewohnern in Pflegeheimen. Die weitaus meisten Menschen, die solche Hilfe leisten, sind berufstätig – drei von vier der 18- bis unter 50-jährigen Pflegenden haben einen Job. Im Schnitt sind sie 35 Stunden pro Woche beschäftigt.
Die daraus resultierende Doppelbelastung ist groß und hat Folgen – für die Beschäftigten und letztlich auch für ihre Arbeitgeber. Laut der IW-Studie haben Pflegende deutlich seltener eine Vollzeitstelle als Nicht-Pflegende. Viele fahren notgedrungen die Arbeitszeit herunter: Rund 625.000 Beschäftigte reduzierten mit Aufnahme der Pflegetätigkeit ihren Erwerbsumfang. Deutlich weniger – 440.000 Menschen – dehnten trotz Pflegeverantwortung ihre Arbeitszeit aus.

Geschäftsmodell Care-Unterstützung
Menschen dabei zu unterstützen, Job und Pflege unter einen Hut zu bekommen, ist das Geschäftsmodell von Hey Care (Eigenschreibweise heycare), das sich gerade eine Kapitalspritze von vier Millionen Euro gesichert hat. Das 2022 als spezialisierter Care-Anbieter gegründete Unternehmen will sich als Gesundheitsdienstleister weiterentwickeln. Es bietet eine digitale Plattform an, das als Employee Assistance Program und Familienservices etwa zur Vermittlung von Betreuung für Kinder, ältere Menschen oder sogar Haustieren dient.
Unternehmen können diese Leistungen für ihre Beschäftigten als Benefit buchen. Die vier Millionen Euro sollen „in Lösungen für operative Teams“ investiert werden, sagen die Gründerinnen Anna Schneider und Julia Kahle. „Diese Zielgruppe, die oft im Schichtdienst arbeitet, wurde von klassischen Anbietern bisher ignoriert.“ Außerdem solle das frische Kapital genutzt werden, „um technologisch nachzulegen. Wir sind groß genug für komplexe Konzernwünsche, aber als Scale-up flexibel genug, um diese in Wochen, statt in Jahren umzusetzen“, so die Gründerinnen. Investoren sind Scalehouse Capital und Swiss Post Ventures.
80 von 1.000 Beschäftigten pflegen
Der Bedarf für solche Leistungen ist enorm. Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW hat errechnet, dass acht Prozent aller Erwerbstätigen parallel zur beruflichen Tätigkeit Pflege oder Betreuungsarbeit für Angehörige im privaten Umfeld leisten. Das entspricht in einem durchschnittlichen Unternehmen mit 1.000 Beschäftigten rund 80 Mitarbeitenden mit Care-Verantwortung. Der typische pflegende Mitarbeitende ist rund 51 Jahre alt und durchschnittlich seit 17 Jahren im Unternehmen tätig. Dabei ist Pflege offenbar nach wie vor allem ein Frauenthema, und geht auch oft mit vielfältigen familiären Verpflichtungen einher: 62 Prozent der Pflegenden sind Frauen, 77 Prozent von ihnen haben Kinder, und 63 Prozent sind verheiratet.
Unterstützung vom Staat
Angesichts der demografischen Entwicklung mit immer mehr alten Menschen wird es bei den acht Prozent Beschäftigten mit Pflegeverpflichtung nicht bleiben. Grund genug, auch in der Politik Maßnahmen zu ergreifen. In NRW etwa wurde Mitte 2024 das Landesprogramm „Vereinbarkeit Beruf & Pflege“ ins Leben gerufen.
Es soll Unternehmen, Behörden und Organisationen bei diesem Wandel unterstützen. Das kommt offenbar an: Bislang haben bereits 690 Unternehmen daran teilgenommen. Sie alle unterzeichneten eine Charta, in der Respekt und Wertschätzung und vielfältige Unterstützung für Beschäftigte mit Pflegeverantwortung im Mittelpunkt stehen.
Konkret stellt das Programm Informationen zu einer pflegefreundlichen Ausrichtung des Unternehmens und Informationsmaterial für die pflegenden Beschäftigten bereit. Außerdem leistet es Unterstützung bei der Qualifizierung sogenannter betriebliche Pflege-Guides als Erst-Ansprechpersonen zur Pflegevereinbarkeit im Betrieb.
Die Unterstützung von Beschäftigten, die Angehörige pflegen, ist kein „Nice-to-have“. Laut dem NRW-Programm schlägt sich die Doppelbelastung in höhere Krankheitszeiten der Pflegenden und geringerer Leistungsfähigkeit sowie einer potenziell höheren Fluktuationsneigung nieder, wenn keine Unterstützung von außen kommt.
Was kann HR tun?
Längst gibt es Unternehmen, die das Problem erkannt und eigene Programme entwickelt haben, um ihre Mitarbeitenden zu unterstützen. Die Wuppertaler Stadtwerke etwa haben bereits seit 1948 eine Sozialberatung, bei der in den vergangenen Jahren immer häufiger die Frage aufkam, was bei der Pflege eines Angehörigen zu beachten ist und wie die Pflegetätigkeit mit dem Beruf in Einklang gebracht werden kann.
Für HR-Manager, die sich jetzt verstärkt mit der Frage auseinandersetzen, sind die Ratschläge aus dem NRW-Programm eine gute Richtschnur: Flexible Arbeitszeiten – etwa Gleitzeit und Arbeitszeitkonten – gehören danach zu den wichtigsten Maßnahmen, um die Pflegenden zu entlasten. Dazu kommt die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten. Allerdings braucht es klare und verlässliche Regeln für das Homeoffice.
Daneben wird in dem NRW-Programm der Auf- und Ausbau von Netzwerken im Unternehmen empfohlen: Dazu gehören beispielsweise interne Gruppen für den Austausch von Erfahrungen sowie Mentoring für Pflegesituationen. Außerdem benötigten die Pflegenden Unterstützung durch Vorgesetzte und ihrer Kolleginnen und Kollegen. Nicht zuletzt brauchen die Pflegenden immer wieder ein offenes Ohr und Zuspruch, auch in den Personalabteilungen.
Weiterhin kann im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung einiges getan werden: Pflegespezifische Module etwa Stress- und Resilienztrainings oder Belastungsanalysen können hier helfen.
Externe Unterstützung als Benefit
Neben solchen internen Maßnahmen haben sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Unternehmen etabliert, die – wie Hey Care – Unterstützungsleistungen unterschiedlicher Art für Mitarbeitende anbieten. Sie können als Benefits den Beschäftigten zur Verfügung gestellt werden. Die Bandbreite reicht dabei von Concierge-Services für Angehörigenpflege, die etwa bei der Suche nach Pflege oder Betreuungsdiensten helfen oder Unterstützung bei Behördenangelegenheiten und administrativen Aufgaben oder Haushaltshilfe anbieten, bis hin zur Vermittlung von Pflegediensten.
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

