Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Fordernd, konservativ und mit Lust auf Zukunft

Foto: Mudassar Iqbal/Pixabay
Foto: Mudassar Iqbal/Pixabay

+++ Grafiken und Kurzinfos zur Studie finden Sie in › dieser Bilderstrecke. +++

Verstärkter Trend zum Kandidatenmarkt

Ausbildungsunternehmen müssen sich mehr denn je darauf einstellen, Bewerber für sich zu gewinnen. Denn der Trend zum Kandidatenmarkt verstärkt sich in der dualen Ausbildung. Während im vergangenen Jahr 57,2 Prozent der befragten Jugendlichen mehr als ein Ausbildungsplatz angeboten wurde, ist die Zahl 2019 auf 74,9 Prozent gestiegen. Die Zeiten, in denen Azubi-Bewerber Berge von Bewerbungen verfassen müssen, sind für die meisten vorbei. Nur 36,8 Prozent schreiben aktuell mehr als zehn Bewerbungen.

Schichtarbeit? Nein, danke!

Mit zunehmendem Bewusstsein der eigenen Marktmacht steigen die Ansprüche der Azubi- Bewerber. Sie möchten an den Wochenenden frei haben (90,6 Prozent), bevorzugen flexible Arbeitszeiten (74,6 Prozent) und lehnen Schichtarbeit für sich ab (70,4 Prozent). Im Kampf um die besten Bewerber wird es schwierig für Unternehmen, die auf starre Arbeitszeiten setzen oder kaum auf Schichtarbeit verzichten können, wie in der Produktion oder Pflege. Sie brauchen gute Argumente oder neue Konzepte.

Eine Sache des Geldes

85,5 Prozent der befragten Jugendlichen ist ein hohes Gehalt nach der Ausbildung “sehr wichtig” oder “eher wichtig”. Bei der Ausbildungsvergütung liegt dieser Anteil bei immerhin noch 68,8 Prozent. Ab 150 Euro mehr würden sich 42,3 Prozent der Befragten für ein alternatives Ausbildungsangebot entscheiden. Geld wird zum Zünglein an der Waage. Informationen über die Ausbildungsvergütung und Verdienstperspektiven, die der Zielgruppe verständlich sind, gehören daher in Anzeigen und auf die Azubi-Seiten im Internet.

Wohlfühlen und Sicherheit als Jobziele

Welche Ziele sind den Azubis nach der Ausbildung für ihr Berufsleben besonders wichtig? 97,3 Prozent der Azubis charakterisieren eine gute Arbeitsatmosphäre als “wichtig” oder “sehr wichtig”. Diesem Wunsch eng auf den Fersen folgen die Jobsicherheit (95,3 Prozent) und die ebenfalls auf das Sicherheitsbedürfnis einzahlende Festanstellung (94,0 Prozent). Der in der jungen Generation tief verankerte Wunsch nach Sicherheit passt offensichtlich nicht zu den viel gepriesenen New-Work Konzepten, die die starke Autonomie der einzelnen Arbeitnehmer propagieren.

Informationsmängel zu gewerblich-technischen Ausbildungsberufen

Bei den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen mangelt es den Bewerbern an Informationen, Berufsbilder bleiben unbekannt. Schule und Elternhaus erledigen den Rest, weil sie es nicht schaffen, “technisches Interesse” zu wecken. 66,7 Prozent der Befragten, die keine gewerbliche Ausbildung absolvieren, entscheiden sich gegen eine solche Ausbildung, weil sie kein Interesse an diesen Berufen haben. “Technisches Interesse” ist umgekehrt für das Gros der gewerblichen Azubis das Hauptmotiv, sich für ihre Ausbildung zu entscheiden.

Ausbildung rund um den Kirchturm

Ausbildung findet de facto immer noch rund um den Kirchturm statt. 84,1 Prozent der Jugendlichen machen ihre Ausbildung in einem Umkreis von 30 Kilometern. Die Azubis bewerten ihre eigene Disposition zur beruflichen Mobilität zwar höher, aber Betriebe sollten nicht auf den massenhaften Umzug von Bewerbern aus anderen Regionen hoffen. Wenn sie überregional rekrutieren wollen, müssen sie zudem mit starken Anreizen punkten. Aktuell bietet die Hälfte der Ausbildungsbetriebe potenziellen Azubis aber überhaupt keine Unterstützung bei der Wohnungssuche.

Bewerbung auf gewohnten Wegen

Videobewerbungen finden 39,7 Prozent der Ausbilder “sehr gut” oder “eher gut”. Bei Azubi-Bewerbern dagegen stoßen moderne Bewerbungsformate auf wenig Gegenliebe: Nur 0,7 Prozent von ihnen würden sich gerne per Video bewerben. Die aktuelle Bewerbergeneration ist mittlerweile in fast allen Lebensbereichen digital unterwegs. Doch sind diese Gewohnheiten kontextbezogen, bei Bewerbungen bleiben Azubi-Bewerber konservativ. Ausbildungsbetriebe sollten schauen, was und wie viel sie ihren Bewerbern hier zumuten wollen.

Tests lieber nicht auf dem Smartphone

70,1 Prozent der Ausbilder sind überzeugt, dass die junge Generation ein Testverfahren gerne auf dem Smartphone durchführen würde. Aber nur 38,3 Prozent der Bewerber könnten sich vorstellen, das tatsächlich zu tun. In den Freitextfeldern führen die Jugendlichen vor allem das ungünstige Handling auf kleinen Bildschirmen an sowie das Risiko, durch eingehende Nachrichten während des Tests abgelenkt zu werden.

Suche nach dem Ausbildungsplatz per Google

Google hat bei der Ausbildungsplatzsuche unter den Recherchekanälen die Nase vorne: 84,3 Prozent der Bewerber nutzen die Suchmaschine “sehr oft” oder “oft” für die Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ausbildungsbetriebe sind darauf nicht eingestellt: Nur 9,1 Prozent von ihnen glauben, dass ihr Ausbildungsplatzangebot unter den ersten fünf Treffern in der organischen Suche gefunden wird, lediglich 10,1 Prozent nutzen die werblichen Google Ads zur Rekrutierung des Azubi-Nachwuchses. Unternehmen sollten die Einführung von Google Jobs zum Anlass nehmen, die Auffindbarkeit der eigenen Ausbildungsangebote zu optimieren.

Digitale Berufsschule – Lust auf Zukunft

Digitales Lernen gilt heute als zentraler Baustein für eine zukunftsfeste Bildung. An den Berufsschulen geht diese Diskussion bislang weitgehend vorbei, selbst WLAN ist dort noch nicht selbstverständlich, E-Learning besitzt Seltenheitswert. Mit anderen Worten: Die Berufswelt wandelt sich in immer schnellerem Tempo – das Schulsystem ist fast das Gleiche wie vor 100 Jahren. Dabei könnten sich 67,1 Prozent der befragten Jugendlichen den Berufsschulunterricht durchaus in virtuellen Klassenräumen vorstellen. Azubis haben Lust auf Zukunft – davon zeugen die über 2000 Azubi-Kommentare mit ihren konkreten Vorschlägen dazu, wie ein zeitgemäßer Berufsschulunterricht aussehen sollte.

+++ Eine grafische Darstellung der Studienergebnisse finden Sie in › dieser Bilderstrecke. +++


Über die Studie
Die Azubi-Recruiting Trends sind Deutschlands größte doppelperspektivische Befragung zum Thema Azubi-Marketing und Recruiting. Seit sieben Jahren wird die Studie jährlich wiederholt – mit jeweils anderen inhaltlichen Schwerpunkten. Für die aktuelle Ausgabe hat der Initiator U-Form Testsysteme von Januar bis März diesen Jahres 3542 Schüler und Azubis sowie 1634 Ausbildungsverantwortliche online befragt. Professor Dr. Christoph Beck (Hochschule Koblenz) hat die Studie wissenschaftlich begleitet. Unterstützt wurden die „Azubi-Recruiting Trends 2019“ von dem Studienpartner AUBI-plus und dem Sozialpartner Teach First. Weitere Informationen unter: www.testsysteme.de/studie.

Dieser Beitrag is Teil des Specials „Ausbildung“, der in der Personalwirtschaft Ausgabe 07/2019 erschienen ist. Das Heft können Sie › hier im Shop bestellen.