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Mittelstand: Die Einschränkung des Ausbildungsangebots ist kurzsichtig


Azubis im Mittelstand
Mehr als 80 Prozent der Lehrlinge werden in kleinen und mittelständischen Unternehmen ausgebildet. (Foto: Industrieblick – stock.adobe.com)

Deutschlands Mittelständler haben 2020 merklich weniger Auszubildende eingestellt als eigentlich geplant. Das zeigt eine KfW-Studie. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Kommentar aus unserer Printausgabe 4/2021, die sie natürlich auch als E-Paper bei uns lesen können – einen Monat lang sogar kostenlos.

Zu Deutschlands Exportschlagern gehörten in
den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Autos,
chemische Produkte oder erfolgreiche Fußballtrainer
und -spieler. Zahlreiche Länder
begannen auch damit, Teile der dualen
Ausbildung nach deutschem Vorbild zu
übernehmen. Auch weil innerhalb kurzer
Zeit aus dem “kranken Mann Europas”,
einem Land mit einer schwächelnden Wirtschaft,
vielen Arbeitslosen und noch mehr
Schulden wieder eine robuste und erfolgreiche
Volkswirtschaft geworden war. Die mangelhafte Digitalisierung
in vielen Unternehmen trübte zwar zuletzt das Bild
genauso wie der immer schlimmer werdende Fachkräftemangel.
Doch gerade für Zweiteres gab es ja einen Teil der Lösung: die
duale Ausbildung. Dann kam die Pandemie.

Während die große Pleitewelle bislang ausgeblieben ist, sorgt
eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
(IAB) für dunkle Wolken am postpandemischen Horizont
.
Demnach plant ein Zehntel der ausbildungsberechtigten
Betriebe, ihr Angebot an Lehrstellen im kommenden Jahrgang
einzuschränken – oder ganz auf die Ausbildung zu verzichten.
Unter den besonders stark von der Pandemie betroffenen Betrieben
will das sogar jeder vierte. Auch Klein- und Kleinstbetriebe
planen deutlich weniger Ausbildungsstellen ein als größere
Unternehmen.

Rückgrat der Wirtschaft und des Ausbildungsmarktes

Das ist folgenreich, weil genau diese Betriebe das Rückgrat
nicht nur der Wirtschaft im Allgemeinen, sondern auch des
Ausbildungsmarktes im Besonderen sind: Mehr als 80 Prozent
der Lehrlinge werden in kleinen und mittelständischen Unternehmen
ausgebildet. Wobei es diese Unternehmen auch aufgrund
ihrer geringen Bekanntheit über die regionalen Grenzen
hinaus traditionell schwerer haben, passende Bewerber und
Bewerberinnen zu finden. Umso wichtiger ist es eigentlich, den
eigenen Nachwuchs selbst auszubilden. Denn können Stellen
mit ausgelernten Azubis nachbesetzt werden, müssen Unternehmen
keine passenden Kandidaten und Kandidatinnen auf
dem Arbeitsmarkt suchen. Auch das Einarbeiten entfällt.
Nun gibt es unterschiedliche Gründe für die Zurückhaltung
bei der Azubi-Einstellung. Unsichere Geschäftserwartungen
und finanzielle Aspekte wurden in der Umfrage des IAB am
häufigsten genannt. Das sind valide Gründe.

Erfreulich ist, dass die Bundesregierung nicht
nur plant, die Ausbildungsprämie für Unternehmen,
die von Corona betroffen sind, zu
verlängern, sondern auch, diese zu verdoppeln.
Bis zu 6000 Euro sollen Unternehmen
bekommen, wenn sie trotz Pandemieauswirkungen
einen Ausbildungsplatz neu
schaffen. Immerhin 4000 Euro sollen sie erhalten,
wenn sie einen bestehenden nicht abbauen.
Dem einen oder anderen Betrieb könnte so die
Entscheidung pro Azubi leichter fallen.

Frischer Wind

Andere Gründe, die auch schon vor Beginn der Pandemie aufgeführt
wurden, klingen mehr nach fauler Ausrede. Natürlich
ist es schwieriger, mit interessanten Kandidaten in Kontakt zu
treten, solange alle Ausbildungsmessen weit und breit abgesagt
sind. Doch gibt es in Zeiten der Digitalisierung genügend Möglichkeiten,
trotzdem auf sich aufmerksam zu machen. Zum
Beispiel auf digitalen Messen und in sozialen Netzwerken. Hier
können und müssen Unternehmen kreativ sein – übrigens
genau wie vor und sicher auch nach der Pandemie. Die Sorge,
nicht genügend geeignete Bewerbende zu finden, ist altbekannt.
Sie darf aber kein Grund sein, es erst gar nicht zu versuchen.
Und vielleicht liegt ein Teil der Antwort auch darin, die eigenen
Ansprüche und Vorstellungen zu überdenken.

Natürlich: Unternehmen, insbesondere aus dem Mittelstand,
sind – bei allem wirtschaftlichen Erfolg in den vergangenen
Jahren – auch ohne Corona-Pandemie in einer schwierigen
Situation. So stellen Megatrends wie die Digitalisierung und
das absehbare Ende des Verbrennungsmotors die Geschäftsmodelle
ganzer Branchen infrage. Aber ist nicht gerade hier
frischer Wind umso wichtiger? Während mancherorts über
“Abschlüsse zweiter Klasse” gelästert wurde, mussten und müssen
gerade die Schulabgänger und Schulabgängerinnen der
Corona-Jahrgänge 2020 und 2021 sich neben Mathe, Deutsch
und Englisch auch Soft-Skills wie Resilienz und Selbstorganisation
beibringen. Unternehmen sollten gerade jetzt die Fähigkeiten
dieser Schülerinnen und Schüler nicht unterschätzen
und sich um sie bemühen. Denn sie haben sich wohl oder übel
genau jene Fertigkeiten angeeignet, die gerade in volatilen und
von Disruption geprägten Zeiten nützlich sind. Und diese
Zeiten werden auch nach der Pandemie nicht vorbei sein.

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.