Wie lassen sich Jugendliche für eine Ausbildung gewinnen? Diese Frage treibt Handwerksbetriebe seit Jahren ebenso um wie Handelsunternehmen oder Verwaltungen. Eine gerade veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass die Berufsausbildung grundsätzlich die beliebteste nachschulische Bildungsoption ist: 43 Prozent der Schülerinnen und Schüler streben demnach eine Ausbildung an, weitere 45 Prozent sind noch unentschlossen.
Ohne Ausbildung ins Arbeitsleben
Ein offenbar wachsendes Problem sind jedoch Jugendliche, die zumindest vorübergehend planen, ohne berufliche Qualifikation ins Arbeitsleben zu starten. Jeder fünfte Jugendliche gab in der Befragung an, zunächst ohne formale Qualifikation arbeiten zu wollen. Gerade bei Jugendlichen mit einem niedrigem Schulbildungsniveau zieht es sogar ein Viertel vor, erst einmal eine ungelernte Tätigkeit zu übernehmen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass gerade diese Jugendlichen wenig Vertrauen in ihre eigenen Chancen auf dem Ausbildungsmarkt haben. Laut der Bertelsmann-Studie glaubt von den befragten Jugendlichen jeder Achte mit niedriger Schulbildung nicht daran, einen Ausbildungsplatz zu finden, ein weiteres Viertel ist sich nicht sicher.
Ein relevanter Grund für solche Unsicherheit sind fehlende Kenntnisse rund um Ausbildungsfragen, denn nur ein Drittel der Schülerinnen und Schüler hat das Gefühl, gut informiert zu sein. Und etwa die Hälfte der Jugendlichen beklagt, dass es zwar ausreichend Informationen zur Berufsorientierung gibt, man sich darin aber nicht zurechtfindet.
Schleswig-Holstein zahlt Praktikumsprämie
Viele Informationen rund um Ausbildung – aber wenig Zugang zu den Jugendlichen. Mit diesem Problem kämpfen sowohl die jungen Menschen als auch die ausbildungswilligen Betriebe. In Schleswig-Holstein versucht man einen neuen Weg, um diese Kluft zu überwinden. Das Projekt „Praktikumsprämie 2025“ soll interessierte Schülerinnen und Schüler motivieren, während der Schulferien mindestens fünf Tage lang in einem Handwerksbetrieb in Schleswig-Holstein ein Schnupperpraktikum zu machen. Vom Land gibt es dafür eine Prämie von 120 Euro.
Um die Hemmschwelle niedrig zu halten, ist der Weg zur Praktikumsprämie denkbar einfach gestaltet, erklärt Christian Abend vom Referat Wirtschafts- und Mittelstandspolitik und Handwerk beim Ministerium für Wirtschaftsministerium Schleswig-Holstein. „Die Handwerksbetriebe müssen lediglich Interesse an der Aufnahme von freiwilligen Praktikanten haben. Auf den Internetseiten der Handwerkskammern Lübeck und Flensburg kann man seinen Betrieb in die Online-Börse für Ausbildung und Praktika eintragen, sodass die Schülerinnen und Schüler, die einen Betrieb suchen, so Kontakt aufnehmen können.“ Viele Betriebe gingen aber auch direkt auf Schülerinnen und Schüler zu und bewerben etwa über die regionalen Schulen entsprechende Praktikumsplätze und den jeweiligen Ausbildungsberuf.
Sinn der Praktikumsprämie ist es aber insbesondere, den Jugendlichen einen Anreiz zu geben, um sich mit dem Thema Berufsausbildung zu beschäftigen. Christian Abend erläutert: „Die Hauptinitiative sollte von den Schülerinnen und Schülern ausgehen. Beginnend mit folgenden Überlegungen: Welches Gewerk weckt mein Interesse? Welche Art von handwerklicher Tätigkeit möchte ich einmal ausprobieren und welche Betriebe kommen für mich von der Wegstrecke infrage? Darauf folgt dann die Anfrage beim auserkorenen Betrieb und so finden dann, ganz klassisch, beide Seiten zusammen.“
Wie das Ganze funktioniert, ist auf den Internetseiten der Handwerkskammern Lübeck und Flensburg einsehbar. Die Schülerinnen und Schüler können die Anträge auf die Praktikumsprämie unter Angabe des aufnehmenden Betriebes stellen.
Erfolgreicher Probelauf
Einen Probelauf für die Praktikumsprämie gab es bereits im vergangenen Sommer in Schleswig-Holstein und auch in den Oster- beziehungsweise den Frühjahrsferien 2025 konnten schon Schnupperpraktika gemacht werde. Das (vorläufige) Resultat: Im Frühjahr machten 200 junge Menschen ein Handwerkspraktikum, weitere 75 sind bereits bewilligt.
Anhaltspunkte für den zukünftigen Erfolg können aus einem anderen Bundesland gewonnen werden. Ein vergleichbares Projekt hat das Land Sachsen-Anhalt bereits vor einigen Jahren erfolgreich aufgelegt, dort entschieden sich 2022 ein Fünftel von insgesamt 800 bezahlten Schülerpraktikanten und -praktikantinnen später für eine Ausbildung im Handwerk.
Die bisherigen Erkenntnisse aus dem Premierenjahr 2024 in Schleswig-Holstein fasst Christian Abend so zusammen: „Die Erfahrungen haben unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen. Obwohl die Prämie erst mit Beginn der Sommerferien gestartet ist, konnten insgesamt 637 Anträge bewilligt und abgerechnet werden. Somit konnten unsere Handwerksbetriebe über 600 interessierte Jugendliche begrüßen und ihnen einen unmittelbaren Einblick in handwerkliche Tätigkeiten ermöglichen.“ Seine Überzeugung: „Handwerk lebt vom selbst ausprobieren. Am Ende des Tages zu sehen, was man selbst erreicht hat, ist ein Gefühl, das sich durch Vorträge nicht erzeugen lässt.“
Zulauf im Handwerk
In welchem Umfang aus Praktikanten auch Azubis werden, lässt sich derzeit noch nicht sagen, da die meisten bisherigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch zur Schule gehen. Allerdings habe man immerhin mit Ablauf des Jahres 2024 bereits 65 Ausbildungsverträge, welche bei den Handwerkskammern eingetragen wurden, Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Praktikumsprogramms zuordnen können, sagt der Handwerksexperte des Ministeriums.
Für Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen ist das Projekt jedenfalls ein Erfolg: „Unsere Praktikumsprämie zeigt, dass junge Menschen in Schleswig-Holstein Interesse an handwerklichen Berufen haben. Manchmal fehlt ein kleiner Anstoß, um aus der Komfortzone zu kommen und in der Freizeit in die Arbeitswelt reinzuschnuppern.“
Zurück zur Bertelsmann-Studie. Bei der Befragung von knapp 1.800 Personen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren (teils als Online-Befragung, teils als Face-to-Face-Interview) zeigte sich nach Angaben der Studienautoren und -autorinnen, dass neben einem zu geringen Azubi-Gehalt die mangelnde berufliche Orientierung das wichtigste Hindernis für viele Jugendliche ist, eine Berufsausbildung zu machen.
Zumindest, was die berufliche Orientierung angeht, hat das Praktikumsprojekt in Schleswig-Holstein das Potenzial, interessierten Jugendlichen eine solide Basis für eine Entscheidung pro oder auch contra Ausbildung zu geben. Dass das Land dies mit 120 Euro für jedes Praktikum finanziert, ist offenbar ein sinnvoller Anreiz für die Jugendlichen. Ausbildungswillige Betriebe auch in südlicheren Gefilden könnten sich an dem Modell ein Vorbild nehmen: 120 Euro für einen möglichen späteren Azubi zu investieren, könnte jedenfalls eine gute Entscheidung sein.
Info
So hilft die Praktikumsprämie
Eine Berufsausbildung steht zwar bei Jugendlichen prinzipiell hoch im Kurs, viele verlaufen sich aber im Dickicht der Informationen. Um diese Zielgruppe zu gewinnen, hilft der direkte Kontakt.
Handwerksbetriebe in Schleswig-Holstein oder Sachsen-Anhalt, die in den Ferien Praktika für Schülerinnen und Schüler anbieten, können Unterstützung von den jeweiligen Bundesländern bekommen. Für eine Woche erhalten die Jugendlichen als Anreiz 120 Euro „Taschengelderhöhung“.
Die Chance, dass nach dem Praktikum eine Ausbildung angestrebt wird, sind nicht schlecht: Rund 20 Prozent der Jugendlichen bleiben dem jeweiligen Handwerksbetrieb treu.
Auch ohne staatliche Unterstützung kann eine Praktikumsprämie ein gutes Lockmittel sein, um Jugendliche für ein Schnupperpraktikum zu motivieren.
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Forschung & Lehre sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

