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Leistung, Leistung, Leistung zählt – und Potenzial

Wissenschaftler mit Reagenzgläsern
Bild: vitranc/istock

Bei der Nachwuchsförderung in der Wissenschaft sind die Hochschulen nur dann völlig frei, wenn sie mit eigenem Geld fördern. Für die vom Staat und der Wirtschaft gemeinsam finanzierten Deutschlandstipendien müssen sie sich an die im Stipendiengesetz vorgeschriebenen Auswahlkriterien halten. Gesiebt wird nach Leistung und Werdegang, gesellschaftlichem Engagement und besonderen persönlichen Umständen. Studierende und Wissenschaftler müssen sich selbst als Talent einschätzen und bewerben. So wird das an allen deutschen Hochschulen gehandhabt.

Am Berliner Universitätsklinikum Charité schicken jedes Jahr zwischen 300 und 400 Studierende Leistungsnachweise und Referenzen über soziales Engagement ein, um eines der 10 bis 30 neu zu vergebenden Stipendien zu erhalten. Nur etwa ein Drittel der Bewerber erfüllt die Voraussetzungen. “Manche sind noch sehr jung”, zeigt Anja Bondke Persson, Medizinerin mit MBA-Abschluss und Koordinatorin der Nachwuchskommission der Charité, Verständnis. “Die sagen sich: Probiere ich’s halt.” Ein kleines Team trifft die Vorauswahl. Übrig blieben etwa 70 Bewerber, die wirklich alle Voraussetzungen erfüllen und anschließend von einer akademischen Auswahlkommission auf Herz und Nieren geprüft werden.

Die Bewerter halten Ausschau nach wirklicher Exzellenz,

versichert Bondke Persson.

Erst recht bei Human- und Zahnmedizinern sowie Masterabsolventen, die schon mit dem Studium durch sind. Mehrmals im Jahr werden fakultätseigene Förderprogramme für Wissenschaftler über Intranet, Newsletter und Rundmail ausgeschrieben. Unter Arbeit vergrabene Nerds müssen trotzdem schon mal vom Professor angestupst werden. Bondke Persson: “Anders kommen wir an die Talente ja nicht heran.” Bei Nachwuchswissenschaftlern zählen die im Studium erbrachte Leistung sowie die zu erwartende Bedeutung des wissenschaftlichen Projektes für die Medizin sowie die Höhe der eingeworbenen Drittmittel.

600 000 Euro im Jahr lässt sich die Universität Siegen die Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses kosten, erzählt Daniel Müller mit hörbarem Stolz. Der promovierte Historiker leitet das erst im letzten Jahr eingerichtete “House of Young Talents”, in dem von Mentoring über Coaching bis hin zu finanziellen Zuschüssen alles aufgeboten wird, um hellwache Geister zu Höchstleistungen anzuspornen. “Wir vergeben im Jahr zwölf Promotions- und 24 Masterstipendien”, sagt Müller, “und bei uns zählt nur eines, nämlich wissenschaftliche Exzellenz.” Soziales Engagement oder Bedürftigkeit geben nur im allergrößten Zweifel den Ausschlag. Geschaut wird auf die erzielten Noten und auf das im jeweiligen Studienabschnitt anstehende Projekt, also das Thema der Master- oder Doktorarbeit. “Die Studienleistungen sind wichtige Kriterien”, sagt Müller. “Aber auch die Tendenz, die sich im Notenverlauf ausdrückt.” Wer in den ersten Semestern ein paar Vieren kassiert hat, soll nicht für immer von einer Förderung ausgeschlossen sein. “Darüber hinaus achten wir stark auf das Potenzial des Nachwuchses”, erklärt der Wissenschaftler.
Die Bewerber müssen ihre Projekte eingehend beschreiben und Gutachten beifügen. Die Stipendien werden für die Dauer von zwei Jahren gewährt. Und jetzt der Clou: Der empfehlende Professor muss sich verpflichten, für das dritte Jahr der Promotion einen Finanzier für die Fortsetzung des Stipendiums zu suchen. “Damit wird der Mentor mit in die Pflicht genommen”, erklärt Daniel Müller. “Wenn der sagt, eine Person ist gut, dann soll er auch Förderer finden. Das erzeugt Commitment.” Nebeneffekt: So ziehen sich die Promotionsprojekte auch nicht in die Länge.

Die Messung des Erfolgs der Talentförderung ist auch für die Wissenschaft ein Problem. “An den Fachbereichen werden die Karrieren der Talente sicher beobachtet”, sagt Anja Bondke Persson für die Charité. Im Moment evaluiere die Nachwuchskommission die Wirksamkeit der Förderung. Erste Ergebnisse werden Anfang kommenden Jahres erwartet. Auch die Uni Siegen plant ein Monitoring. Daniel Müller weiß schon jetzt: “Wenn relativ viele den Abschluss nicht schaffen, dann müssen wir etwas ändern.”

Autorin: Christine Demmer


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