Teilzeitausbildung: Potenzial bleibt ungenutzt – warum, und wie kann HR damit mehr Azubis gewinnen?

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Um 5:30 Uhr beginnt für Sadiye Ay der Tag. Die Kinder müssen versorgt und auf den Weg gebracht, der eigene Weg zur Arbeit oder zur Berufsschule organisiert werden. Danach folgen Ausbildung, Familie und Lernen – oft bis tief in den Abend hinein. Für viele Betriebe klingt das zunächst nach einer kaum zu bewältigenden Doppelbelastung für eine Auszubildende. Für Ay war es die Chance auf einen anerkannten Berufsabschluss.

Lange hatte die junge Mutter auf ihre Bewerbungen nur Absagen erhalten. Eine Ausbildung schien mit drei Kindern nicht in den üblichen Vollzeitplan zu passen. Beim Kunststoffhersteller Niku (Eigenschreibweise NIKU) im niedersächsischen Nienburg bekam sie schließlich eine Zusage: Ay begann eine Ausbildung zur Industriekauffrau – in Teilzeit. Drei Jahre später hatte sie die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Für NIKU war sie nicht die erste Auszubildende in Teilzeit. Geschäftsführerin Johanna Beckurts-Othmer berichtet, dass das Modell gut funktioniert und eine Möglichkeit bietet, neue Potenziale für das Unternehmen zu erschließen. Das Beispiel zeigt, worum es bei Teilzeitausbildung geht: Nicht die Anforderungen der Ausbildung werden niedriger, sondern der Weg dorthin wird so gestaltet, dass er auch mit anderen Lebensrealitäten vereinbar ist. (Weitere Informationen dazu finden Sie hier).

Warum bleibt Teilzeitausbildung bisher eine Ausnahme?

Teilzeitausbildung ist in Deutschland keineswegs neu. Bereits seit 2005 gibt es dafür eine rechtliche Grundlage. Mit dem Berufsbildungsmodernisierungsgesetz wurde die Möglichkeit zum 1. Januar 2020 noch einmal deutlich erweitert. (§ 7a BBiG – Einzelnorm) Seitdem steht sie grundsätzlich allen Auszubildenden offen – unabhängig davon, ob sie Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder aus einem anderen Grund weniger Zeit im Betrieb verbringen können. Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) hat dazu eine Empfehlung zur Teilzeitberufsausbildung gem. § 7a BBiG/§ 27b HwO herausgegeben, um klare Orientierung zur Umsetzung zu geben.

Denn wenn die tägliche oder wöchentliche Ausbildungszeit reduziert wird, verlängert sich die Ausbildungsdauer entsprechend, höchstens jedoch auf das Eineinhalbfache der regulären Dauer. Teilzeit kann für die gesamte Ausbildung oder nur für einen bestimmten Zeitraum vereinbart werden. Auch ein Wechsel von einer begonnenen Vollzeitausbildung in ein Teilzeitmodell ist möglich.

Rechtlich geht also vieles; die zeitliche Flexibilität ist groß. In der Praxis bleibt Teilzeitausbildung trotzdem bislang noch eine Ausnahme. Eine Analyse der Ausbildungsstatistik zeigt: Lediglich rund 0,5 Prozent der Neuabschlüsse im dualen System entfallen auf Teilzeit. Dabei sind (ausländische) weibliche Auszubildende mit Familienpflichten deutlich in der Überzahl.

Teilzeitausbildung wird somit zwar genutzt, aber sie wird noch lange nicht in dem Umfang eingesetzt, der möglich wäre, um zusätzliche Potenziale und Zielgruppen für die Ausbildung zu erschließen. Denn mit einer flexiblen Ausbildung kann die Ausbildungsbereitschaft junger Menschen gesteigert werden und Betriebe können ihre familien- und arbeitnehmerfreundliche Kultur stärken und so ihr Image als attraktive Arbeitgeber festigen.

Wie finden Betriebe geeignete Bewerberinnen und Bewerber?

Warum bleibt die Zahl so niedrig? Ein Teil der Antwort liegt vermutlich in den Vorstellungen darüber, wer überhaupt als Teilzeit-Azubi infrage kommt. Ausbildung wird häufig mit einem unmittelbaren Übergang von der Schule in den Beruf verbunden. Wer Kinder hat, Angehörige pflegt, gesundheitlich eingeschränkt ist, nebenbei arbeiten muss oder zusätzliche Sprach- und Lernförderung benötigt, kommt in diesem Bild kaum vor. Zudem steht für einen Teil der jungen Menschen die Ausbildung in Konkurrenz zum Jobben mit Mindestlohn. Dabei können gerade diese Menschen langfristig besonders von einem Berufsabschluss profitieren.

Das Beispiel von Sadiye Ay macht deutlich, dass potenzielle Teilzeitauszubildende nicht automatisch auf Betriebe zukommen. Die junge Frau hatte sich regulär beworben – und zunächst vor allem Absagen erhalten. Erst ein Unternehmen, das offen für ein anderes Ausbildungsmodell war, erkannte, dass ihre bisherige Biografie nicht gegen, sondern für ihre Eignung sprechen konnte. Unternehmen ohne diese positiven Erfahrungen könnten zudem den Aufwand und die möglichen Probleme überschätzen.

Ay hatte bereits mit zwei Kindern ihr Fachabitur absolviert und zusätzlich als Sprachmittlerin für Geflüchtete gearbeitet. Für die Geschäftsführerin waren das wertvolle Hinweise auf ihr Organisationstalent und ihr Verantwortungsbewusstsein. Im Bewerbungsgespräch wurde außerdem geklärt, welche Unterstützung im privaten Umfeld vorhanden war und wie mit möglichen Ausfällen umgegangen werden konnte. Das Beispiel zeigt: Teilzeitausbildung beginnt nicht mit einem festen Stundenplan, sondern mit einem anderen Blick auf Bewerberinnen und Bewerber.

Welche Standards gelten bei Prüfungen und Ausbildungsinhalten?

Teilzeit bedeutet nicht, dass die Ausbildung weniger anspruchsvoll wird. Die Ausbildungsinhalte und Prüfungsanforderungen bleiben bestehen. Im Fall von Niku absolvierte Ay in der Berufsschule die gleiche Stundenzahl wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler in Vollzeit. Reduziert wurden ausschließlich ihre Ausbildungsstunden im Betrieb. Sie entschied sich für einen Umfang von 75 Prozent. Maximal kann auf bis zu 50 Prozent reduziert werden.

Das Unternehmen achtete darauf, dass Ay – außer an den Berufsschultagen – möglichst jeden Tag einige Stunden im Betrieb war. So blieb sie in die Abläufe eingebunden und verlor nicht den Anschluss an das Team. Die Ausbildungsvergütung wurde anteilig gekürzt. Regelmäßige Anwesenheit, klare Absprachen und ein gut strukturierter Ausbildungsplan sind häufig hilfreicher als maximale Flexibilität ohne festen Rahmen. Teilzeit braucht deshalb eine gute und verlässliche Organisation auf beiden Seiten. Für Betriebe bedeutet das zwar einen zunächst höheren Abstimmungs- und Betreuungsaufwand, der sich jedoch durchaus dann im Rahmen hält, wenn die Auszubildenden Verantwortungsbewusstsein und Organisationstalent mitbringen.

Wie lässt sich Teilzeitausbildung im Betrieb konkret planen?

Für Unternehmen beginnt der erste Schritt mit der Frage: Wie lässt sich die Ausbildung bei uns zeitlich anders organisieren, ohne die Qualität zu beeinträchtigen? In kaufmännischen Berufen ist das möglicherweise zeitlich einfacher als im Schichtbetrieb. Aber auch in technischen oder handwerklichen Berufen lässt sich Teilzeit organisieren. Entscheidend sind die konkreten Tätigkeiten, die Arbeitsabläufe und die Bereitschaft der Führungskräfte, Kolleginnen und Kollegen sowie der Ausbildenden, die Einsatzplanung gemeinsam zu meistern.

Sinnvoll ist es, bereits vor Beginn der Ausbildung zu klären:

  • Welche Zeiten kann der oder die Auszubildende an welchen Tagen verlässlich abdecken?
  • Welche Unterstützung kann der Betrieb beim Lernen oder bei der Organisation anbieten?
  • Wie werden Berufsschule, betriebliche Lernphasen und Betriebsabläufe abgestimmt, um die Produktivität zu fördern?
  • Welche Aufgaben und Lernschritte müssen im Betrieb oder auf der Baustelle erledigt werden? Wie stellt man sicher, dass alle Ausbildungsinhalte abgedeckt werden?
  • Wer ist Ansprechperson, falls sich die Situation zeitweise verändert?

Auch die Erwartungen an die Zeit nach dem Abschluss sollten frühzeitig besprochen werden. Eine Teilzeitausbildung führt nicht automatisch zu einer späteren Vollzeitbeschäftigung. Im Fall von Niku arbeiten die Absolventinnen zunächst weiterhin in Teilzeit. Das Unternehmen hofft, dass sich die Arbeitszeit perspektivisch erhöhen kann, wenn sich die familiäre Situation verändert. Das ist realistisch und strategisch zugleich: Ein Teilzeitmodell kann zunächst weniger Arbeitsstunden bedeuten, aber langfristig eine Fachkraft an den Betrieb binden, die sonst vielleicht nicht hätte gewonnen werden können.

Wie können Betriebe das Modell aktiv bewerben?

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Teilzeitausbildung dann genutzt wird, wenn passende Informationen, Routinen und Erwartungen vorliegen. Betriebe sollten deshalb das Modell aktiv anbieten und bewerben – in Stellenanzeigen, auf der Karriereseite und im persönlichen Gespräch. Kammern, Berufsschulen, Arbeitsagenturen und regionale Netzwerke können dabei helfen, offene Fragen zu klären und passende Bewerberinnen und Bewerber mit Betrieben zusammenzubringen.

Teilzeitausbildung ist kein Bonus und keine Ausbildung mit geringeren Ansprüchen. Sie ist ein regulärer Ausbildungsweg, der bisher nur von wenigen genutzt wird. Sadiye Ays Geschichte zeigt, warum es sich lohnt, genauer hinzusehen: Manchmal fehlt nicht die Motivation für eine Ausbildung. Es fehlt nur eine flexible Organisation der Ausbildung, die zum eigenen Leben passt.

Ein gutes Gesetz kann dafür die Grundlage schaffen. Gute Praxis entsteht aber erst, wenn Betriebe die Möglichkeit kennen, sie aktiv anbieten und gemeinsam mit den Auszubildenden mit Leben füllen.

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