Wie steht es um die Ausbildungsqualität in Deutschland? Antworten darauf liefert der Ausbildungsreport 2026 der Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Dafür wurden über einen Zeitraum von zwölf Monate bis Mai 2026 insgesamt 13.227 Auszubildende aus den 25 am stärksten besetzten dualen Ausbildungsberufen befragt. Der diesjährige Schwerpunkt der Auswertung liegt auf mentaler Gesundheit junger Beschäftigter. Ein zentrales Ergebnis: Viele Auszubildende fühlen sich im Arbeitsalltag starken Belastungen ausgesetzt.
Für die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack ist das ein klares Signal, dass endlich dort angesetzt werden müsse, wo die Probleme liegen, unter anderem bei der Frage, wie Deutschland junge Menschen ausbildet. Das sei auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels wichtig. Sie appelliert an Arbeitgeber: „Wer an der Ausbildung spart, handelt kurzsichtig und gefährdet die eigene wirtschaftliche Entwicklung. Wir brauchen Chancen für die jungen Menschen.“
Mehrheit bewertet Ausbildung positiv
Trotz kritischer Befunde gibt es zunächst auch positive Nachrichten: 65,7 Prozent der befragten Auszubildenden sind zufrieden bis sehr zufrieden mit ihrer Ausbildung. Bei Auszubildenden mit betrieblicher Interessenvertretung, etwa einer Jugend- und Auszubildendenvertretung, ist die Zufriedenheit mit 75,7 Prozent sogar nochmals höher. DGB-Bundesjugendsekretärin Nina Krüger erklärt den Zusammenhang: „Probleme werden hier früher erkannt, Rechte konsequenter eingefordert, Ausbildungsqualität wird aktiv mitgestaltet.“ Mitbestimmungsstrukturen seien daher ein wichtiger Hebel, um Zufriedenheit unter Auszubildenden zu stärken.
Hoher Druck und Überstunden: Hälfte der Azubis hat psychische Belastungen
Doch die positive Gesamtbewertung zeigt auch Schattenseiten: Mit 50,6 Prozent gab gut die Hälfte der befragten Auszubildenden an, psychisch belastet zu sein. Damit ist mentale Gesundheit ein dringendes Thema für Auszubildende selbst, aber auch für Betriebe. Als Hauptursachen benennen die Betroffenen hohen Leistungs- und Zeitdruck (20,9 Prozent), Personalmangel (19,6 Prozent) sowie Verantwortungsdruck (19,2 Prozent).
Wie stark die Belastung ausfällt, hängt dabei stark vom jeweiligen Ausbildungsberuf ab. So ist der wahrgenommene Leistungs- und Zeitdruck bei zahnmedizinischen Fachangestellten mit rund 40 Prozent etwa doppelt so hoch wie bei Mechatronikerinnen und Mechatronikern mit rund 20 Prozent. Hinzu kommt, dass fast jeder dritte Auszubildende (35,4 Prozent) regelmäßig Überstunden leisten muss. Das ist ein Anstieg um 3,1 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.
Ausbildungsfremde Tätigkeiten: Azubis als Lückenfüller
Neben gefühltem Arbeitsdruck und Mehrarbeit offenbart der Report ein weiteres Problem: 16,3 Prozent der befragten Auszubildenden geben an, immer oder häufig Aufgaben erledigen zu müssen, die nichts mit ihren eigentlichen Ausbildungsinhalten zu tun haben. Das kostet sie Zeit, die ihrer beruflichen Entwicklung zugutekommen sollte.
DGB-Bundesjugendsekretärin Krüger schildert ein konkretes Beispiel: „Eine Auszubildende im Friseurhandwerk berichtete uns, dass sie mehrere Wochen lang als Urlaubsvertretung die Arbeit der Reinigungskraft übernehmen sollte – jeden Samstag zusätzlich drei Stunden bis 20 Uhr.“
Dass solche Praktiken auch illegal sind, ist offenbar nicht jedem Betrieb bewusst. Nach § 14 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) sind ausbildungsfremde Tätigkeiten ausdrücklich verboten. Krüger mahnt Ausbildungsbetriebe ausdrücklich: „Auszubildende sind keine Lückenfüller für Personalengpässe. Sie sind im Betrieb, um einen Beruf zu erlernen.“
Finanzielle Sorgen belasten Auszubildende zusätzlich
Was ebenfalls auffällt: die psychische Belastung endet nicht am Ende eines Arbeitstages. Wesentlich für das Wohlbefinden der Azubis sind der Befragung zufolge auch externe Faktoren – einer der größten unter ihnen die finanzielle Situation. Rund 50 Prozent der Befragten geben an, dass sie sich durch ihre finanzielle Lage belastet fühlen. Etwa jeder dritte Auszubildende ist darauf angewiesen, dass die Eltern finanziell einspringen, während etwa jeder achte Auszubildende sich neben der Ausbildung etwas dazuverdienen muss
Die DGB-Jugend fordert deshalb höhere Ausbildungsvergütungen und eine stärkere Tarifbindung. Krüger sagt dazu: „Die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung ist wichtig, reicht angesichts steigender Mieten und Lebenshaltungskosten aber für viele Auszubildende nicht aus.“
Fehlende Ansprechpartner: Viele Azubis stehen allein
Speziell für Arbeitgeber und HR-Verantwortliche dürfte ein weiterer Befund der Befragung alarmierend sein: 41,7 Prozent der psychisch belasteten Auszubildenden haben niemanden, mit dem sie offen über ihre Situation sprechen können. Zwar gibt rund ein Drittel (32,7 Prozent) an, sich an Kolleginnen und Kollegen oder betriebliche Angebote wenden zu können. Trotzdem zeigen die Zahlen, dass der Unterstützungsbedarf bei Weitem nicht gedeckt wird. Zugleich wende sich nur etwa jeder zehnte Azubi (11,6 Prozent) an den Betriebs- oder Personalrat . Das wirft die Frage, ob Auszubildenden nicht genügend Informationen über Anlaufstellen haben oder ihnen das Vertrauen fehlt, sich dort zu melden.
Was für HR wichtig ist, um Auszubildende zu stärken
Krüger hält die Ergebnisse für ein Warnsignal. Auch Unternehmen können sie als Impuls werten, sich zu hinterfragen, ob in ihren eigenen Ausbildungsstrukturen dringender Handlungsbedarf besteht. Arbeitgeber und HR-Verantwortliche sollten deshalb an folgenden Stellschrauben drehen, um Auszubildende mental, finanziell und strukturell zu stärken.
- Hohe Ausbildungsqualität sicherstellen: Einer der wesentlichsten Hebel dafür, dass sich Auszubildende wohlfühlen, sind laut der Befragung die Ausbildungsbedingungen. Unternehmen sollten daher Überstunden klar begrenzen und ausbildungsfremde Tätigkeiten unterbinden. So haben Auszubildende die Zeit, die brauchen, um ihren Beruf zu erlernen.
- Verlässliche Betreuung verankern: Auszubildende brauchen feste Ansprechpersonen, die sie aktiv durch ihre Ausbildung begleiten. Wichtige Instrumente können in dem Zusammenhang regelmäßige Feedbackgespräche und eine offene Kommunikation sein. So lassen sich auch Schwierigkeiten frühzeitig erkennen und angehen. Dabei helfen können neben Betriebsrat und JAV auch neutrale, interne Vertrauenspersonen, sogenannte Ombudspersonen, an die sich Azubis vertraulich wenden können.
- Unterstützungsangebote bei psychischen Belastungen anbieten: Da die Befragung offenbart, dass sich jeder beziehungsweise jede Azubi psychisch belastet fühlt, sollten Unternehmen konkrete Angebote zur Unterstützung schaffen und gegenüber den Auszubildenden kommunizieren.
- Verfügbarkeit von Ausbilderinnen und Ausbildern gewährleisten: Ein weiteres Ergebnis des Reports: Nur 8,5 Prozent der Auszubildenden fühlt sich stark belastet, wenn Ausbilderinnen und Ausbilder verfügbar sind. Sind sie nie oder selten erreichbar, steigt die Zahl auf 36 Prozent. Für Unternehmen bedeutet das: Verfügbares, qualifiziertes Ausbildungspersonal ist eine grundlegende Voraussetzung, um Auszubildende mental zu unterstützen und in ihrer Ausbildungszeit zu stärken.
Mara Marx ist Volontärin bei der Personalwirtschaft.

