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Ghosting als Recruiting-Risiko

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Der Schreibtisch ist aufgeräumt, der Computer eingerichtet – doch die Willkommens-Blumen welken unbeachtet vor sich hin, weil die neue Kollegin oder der neue Kollege gar nicht erst erscheint. Dieses Szenario ist immer häufiger Realität in Unternehmen. Ghosting nennt sich das Phänomen, wenn eine Person schon wieder entschwindet, bevor sie überhaupt aufgetaucht ist.

Tatsächlich haben sechs Prozent der in der softgarden-Studie befragten Personen schon einmal eine Stelle gekündigt, noch bevor er oder sie überhaupt erst angetreten ist. Weitere vier Prozent haben zwar einen Arbeitsvertrag unterschrieben, dann aber die Stelle nicht angetreten – sogar ohne zu kündigen. Knappe acht Prozent standen überdies kurz davor, schon vor dem eigentlichen Startschuss aufzugeben. Das geht aus der Studie „Candidate Experience 2023“ des HR-Software-Unternehmens softgarden hervor, für die im April und Mai dieses Jahres 3811 Personen an einer Online-Umfrage teilgenommen haben.

Mehr Bindung durch frühzeitigen Kontakt und Infos

Für fast die Hälfte derer, die einen Job trotz Unterschrift nicht angetreten haben, war ein besseres Jobangebot der wichtigste Grund für ihr Verhalten. Knapp jeder vierte nannte aber auch Zweifel an der eigenen Entscheidung als Grund – und das Verhalten der Arbeitgeber in spé. Das, so erklärte fast die Hälfte der „Job-Abspringer“, hätte verhindert werden können, wenn die Führungskraft frühzeitig Kontakt aufgenommen oder es Tools gegeben hätte, mit denen man sich mit dem Arbeitgeber hätte vertraut machen können. Auch Vorab-Infos per Mail oder Veranstaltungen für Neue seien Wege für eine frühzeitige Bindung an den Arbeitgeber, so die Expertinnen und Experten von softgarden.

Auch wenn die Neu-Mitarbeitenden am Arbeitsplatz erscheinen, ist damit längst nicht gesichert, dass sie dem Unternehmen auch erhalten bleiben. Von den Studienteilnehmenden hatte jeder fünfte (21 Prozent) schon einmal während der ersten hundert Tage im Job gekündigt, weitere 15 Prozent standen nach eigenen Angaben kurz davor. Alarmierend an diesen Zahlen ist aus Arbeitgebersicht die Entwicklung in den letzten Jahren – 2018 waren es nur halb so viele Einsteiger, die während der Probezeit ihrem Arbeitgeber den Laufpass gaben.

Große Unterschiede zeigen sich in der Probephase im Hinblick auf die Bildung der Kündigenden:  Wer einen Haupt- oder Realschulabschluss hat, kündigt fast doppelt so oft während der ersten hundert Tage (30,8 Prozent) wie Menschen mit einem Akademischen Abschluss (16,8 Prozent).

Ursachen: Falsche Versprechen, schlechte Führung

Woran liegt es, dass Beschäftigte so schnell wieder Reißaus nehmen? In der softgarden-Studie wurden dafür vor allem drei Gründe genannt: Der Job entsprach überhaupt nicht den Versprechungen, die in der Bewerbungsphase gemacht wurden (71 Prozent). Unfähige oder unsympathische Führungskräfte nannten ebenfalls zwei Drittel der Befragten (67 Prozent). Dass es kein Programm und keinen Plan zur Einarbeitung gab, war für mehr als die Hälfte ein ausschlaggebendes Kriterium (57 Prozent). Frauen und Männern bewerten diese Themen durchaus unterschiedlich, Frauen reagieren auf fehlende Einarbeitung und als schlecht empfundene Führungskräfte schneller mit Kündigung als Männer.

Die Studienmacher von softgarden haben angesichts der alarmierenden Umfrageresultate einige Ratschläge: „Arbeitgeber sollten das Onboarding als unverzichtbaren Teil des Recruitings begreifen und gezielt verbessern“, sagt softgarden-Geschäftsführer Kirill Mankovski. Sie müssten Standards, Rollen und Maßnahmen definieren und in der gesamten Integrationsphase für Informationen und Unterstützungsangebote sorgen, die sich an die neuen Kolleginnen und Kollegen richten.

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Forschung & Lehre sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.