Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Nachwuchsjuristen: Großkanzleien verlieren Bewerber

Ein Mann im Anzug und eine Frau mit weißer Bluse (von beiden nur die Hände sichtbar)geben sich über einen Schreibtisch hinweg die Hand. Auf dem Tisch befinden sich Rechtssymbole (Hammer)
Jobsuchende Nachwuchsjuristen geben Großkanzleien nicht mehr so oft den Zuschlag wie bisher.
Foto: © Freedomz/Fotolia.de

Arbeitgeber im Öffentlichen Sektor sind für junge Juristen attraktiver geworden. In einer Kanzlei möchte aktuell weniger als jeder Zweite arbeiten. Beliebtester Arbeitgeber ist derzeit das Auswärtige Amt; jeder Fünfte (20,2 Prozent) hätte dort gern einen Job. An zweiter Stelle im Ranking steht zwar mit Freshfields Bruckhaus Deringer eine Großkanzlei, die auch gegenüber 2017 Platz zwei halten konnte, aber in der Gunst des Juranachwuchses von 18,2 auf 13,7 Prozent gefallen ist. So sehr an Attraktivität eingebüßt hat in den letzten fünf Jahren kein anderer Arbeitgeber. Auf Platz drei bis fünf im Ranking der attraktivsten Arbeitgeber kamen die Europäische Kommission (13,3 Prozent) das Bundeskriminalamt (13 Prozent) und Hengeler Mueller (10,7). In der Liste der Top Ten folgen Gleiss Lutz (6,8 Prozent), Clifford Chance und Linklaters (je 6,4 Prozent), CMS Hasche Sigle (5,9 Prozent) und die BMW Group (5,8 Prozent). Auf Platz elf befindet sich mit dem Bundeskartellamt (5,7 Prozent) wieder ein Arbeitgeber des Öffentlichen Sektors. Das zeigt eine Auswertung des Trendence Absolventenbarometers, eine repräsentative Studie, für die im Mai und Juni 55 000 Studenten in Deutschland über ihre Wunscharbeitgeber und Karrierepläne befragt wurden, darunter 2200 Jurastudenten, Rechtsreferendare und junge Volljuristen.

Arbeitgeberwahl – ethische Aspekte für drei von vier Nachwuchsjuristen wichtig

Bei Freshfields Bruckhaus Deringer bemängeln die Nachwuchsjuristen zunehmend die Unternehmensethik der Kanzlei, die vor allem mit polarisierenden Mandaten auffalle. Aber auch andere Großkanzleien wie Clifford Chance, Linklaters und CMS Hasch Sigle sind bei den Nachwuchsjuristen unbeliebter geworden, Hogan Lovells ist sogar aus den Top Ten der beliebtesten Arbeitgeber gefallen und steht jetzt auf Platz 13. Es zeigt sich, dass vor allem die großen Kanzleien aus Frankfurt und Düsseldorf in der Gunst der Bewerber verloren haben. Laut Studie sind ethische Gründe bei der Wahl des Arbeitgebers heute so wichtig wie seit mehr als zehn Jahren nicht. Aktuell berücksichtigen drei Viertel aller Nachwuchsjuristen die Unternehmensethik bei der Entscheidung, sich zu bewerben oder nicht. Lediglich Noerr stellt eine Ausnahme unter den Großkanzleien dar. Das Unternehmen konnte sich im Attraktivitätsranking verbessern und steht dieses Jahr auf Platz zwölf. Die Kanzlei unterscheidet sich von anderen durch ihre Unternehmenskultur der offenen Türen, was bei den jungen Juristen gut ankommt, die außerdem Kollegialität und Wertschätzung sowie Entwicklungs- und Karriereperspektiven bei Noerr heute deutlich besser bewerten als noch im vergangenen Jahr.

Kleine und mittlere Kanzleien: mit steigender Berufserfahrung immer beliebter

Während große Kanzleien tendenziell als Arbeitgeber weniger interessant werden, sind kleine und mittlere Kanzleien attraktiver geworden. So erreichten unter den mittelständischen deutschen Unternehmen Flick Gocke Schaumburg mit Rang 24 und die Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mit Rang 27 ihre besten Platzierungen seit zehn Jahren und mehr. Die Studie zeigt auch, dass kleinere und mittlere Kanzleien mit steigender Berufserfahrung der Bewerber als Arbeitgeber immer beliebter werden. Ihre Popularität unter Volljuristen ist um 50 Prozent höher als unter Studenten.

Wunsch nach flexiblem Arbeiten und Home Office wächst ebenfalls

Bei der Wahl des Arbeitgebers stehen flexible Arbeitszeiten für die Nachwuchsjuristen ganz oben auf der Wunschliste. 57 Prozent der Studenten und 65 der Volljuristen möchten sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen können. Das sind mehr als in anderen Berufsgruppen; von den Wirtschaftswissenschaftlern zum Beispiel legen 48 Prozent Wert auf flexible Arbeitszeiten. Das starke Bedürfnis nach Flexibilität erklärt sich, so die Studie, damit, dass Volljuristen 46 Stunden die Woche arbeiten, deutlich mehr als die vertraglich vereinbarten 38,4 Stunden. Noch nicht berufserfahrene Jurastudenten rechnen sogar zunächst mit einer 50-Stunden-Woche. Neben flexiblen Arbeitsmöglichkeiten wünschen sich viele der befragten Juristen auch, vom Home Office aus tätig sein zu können, wobei diese Anforderung mit zunehmender Berufserfahrung wichtiger wird: Von den Studenten erwartet noch jeder fünfte, von zuhause aus arbeiten zu können, während es bei den Volljuristen bereits jeder dritte ist. Von flexiblen Arbeitsmodellen seien die meisten Großkanzleien derzeit weit entfernt, sagt Studienleiter Dr. Simon Mamerow. Wenn sie nicht mehr Bewerber verlieren wollen, müssten sie ihre Arbeitsmodelle anpassen.

Kollegiales Arbeitsklima für Volljuristen wichtiger als Karrierechancen

Nicht nur der Wunsch nach Flexibilität wird im Laufe des Berufslebens der Juristen größer, sondern mit der Joberfahrung steigt auch das Bedürfnis nach einem kollegialen Arbeitsklima. Für Volljuristen, die bereits praktische Erfahrungen sammeln konnten, wird das Arbeitsklima zum wichtigsten Entscheidungskriterium bei der Arbeitgeberwahl. Dagegen spielen Karriereperspektiven für sie eine weniger wichtige Rolle als zu Beginn der beruflichen Laufbahn.

Zum Ranking der 100 beliebtesten Arbeitgeber der Nachwuchsjuristen geht es > hier.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.