Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten, die durch verstärkten Stellenabbau, eine schwächelnde Konjunktur und geopolitische Spannungen geprägt sind, zeigt sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein überraschender Trend: Immer mehr Beschäftigte erwägen einen Jobwechsel – vor allem jüngere.
Dies geht aus der neuesten Ausgabe des Jobwechsel-Kompass der Königsteiner Gruppe und Stellenanzeigen.de hervor, für die mehr als 1.000 Erwerbstätige in Deutschland befragt wurden. Demnach ist die Wechselbereitschaft im dritten Quartal 2025 um fünf Prozentpunkte im Vergleich zum Vorquartal gestiegen und liegt nun bei 36 Prozent.
Bei den Arbeitnehmenden im Alter von 18 bis 29 Jahren zieht derzeit sogar mehr als die Hälfte (56 Prozent) einen beruflichen Neuanfang in Betracht. Das ist ein Anstieg von 15 Prozentpunkten im Vergleich zum zweiten Quartal des Jahres.
Optimismus der Jungen trifft auf Skepsis
Fachleute weisen jedoch darauf hin, dass eine numerisch hohe Wechselwilligkeit nicht zwangsweise heißt, dass Menschen auch tatsächlich wirklich einen neuen Job antreten. Dennoch zeigt eine im Auftrag von Xing durchgeführte Forsa-Umfrage vom Frühjahr 2025, dass es für viele junge Menschen selbstverständlich ist, häufig den Arbeitgeber zu wechseln.
Obwohl viele junge Beschäftigte bisher auf eine kurze berufliche Laufbahn zurückblicken, hat bereits mehr als die Hälfte (54 Prozent) schon einmal den Arbeitgeber gewechselt.
Dem gegenüber stehen Zahlen des Statistischen Bundesamts, welche sich auf die gesamte Altersspanne der erwerbstätigen Bevölkerung beziehen. 41,7 Prozent der befragten Erwerbstätigen waren 2024 seit mindestens zehn Jahren bei ihrem Arbeitgeber beschäftigt. 20,2 Prozent arbeiteten demnach seit fünf bis zehn Jahren am gleichen Arbeitsplatz und eine Beschäftigungsdauer von weniger als fünf Jahren gaben mehr als ein Drittel (38,1 Prozent) an.
Dass der Wechselwunsch nicht nur ein Gedanke ist, sondern tatsächlich zum Jobwechsel führt, scheint aktuell auch aufgrund der folgenden Tatsache nicht unwahrscheinlich: Trotz der Unsicherheit, die von außen auf den Arbeitsmarkt einwirkt, ist die langfristige Perspektive vieler Arbeitnehmender immer noch von Optimismus geprägt. So sehen etwa 65 Prozent der Wechselwilligen ihre beruflichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt als gut oder sehr gut an. Diese Einschätzung zeigt sich primär bei den jungen Generationen, die auch aufgrund ihres Optimismus hinsichtlich ihrer Karriereziele besonders wechselbereit sind.
Diese Einschätzung war Expertinnen und Experten zufolge bereits in der Vergangenheit sichtbar. Im Job-Kompass vom Frühjahr 2025 gab fast die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen an, dass sie innerhalb des nächsten Jahres eine Verbesserung ihrer beruflichen Perspektiven erwarten. Das stand jedoch im Kontrast zu einer zunehmend skeptischen Haltung, die auf Unternehmensseite zu beobachten war. Während im dritten Quartal 2024 noch 74 Prozent der Beschäftigten keinen Einstellungsstopp in ihrem Unternehmen wahrnahmen, berichteten im Frühjahr 2025 nur noch 64 Prozent davon.
KI-Weiterbildung wird zum entscheidenden Faktor
Wie können Beschäftigte – vor allem auch Jüngere – nun aber gehalten werden? Laut Job-Kompass ist dabei ein wesentlicher Faktor, ob Unternehmen in die KI-Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden investieren. Mehr als die Hälfte derjenigen, die einen Jobwechsel erwägen, bevorzugen Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden spezielle KI-Schulungen anbieten (56 Prozent). Im Gegensatz dazu finden nur 31 Prozent derjenigen, die momentan keinen Wechsel planen, diese Weiterbildungsmöglichkeiten besonders attraktiv.
Auch der Einsatz von KI im Arbeitsalltag spielt eine wichtige Rolle. 50 Prozent der wechselbereiten Arbeitnehmenden bevorzugen Unternehmen, die KI-Tools transparent und aktiv in ihren Arbeitsalltag integrieren.
Unternehmen zwischen Bindung und Technologie
Für Personalverantwortliche stellt diese Entwicklung eine doppelte Herausforderung dar. Einerseits müssen Unternehmen Wege finden, ihre Mitarbeitenden langfristig zu halten und den Bedenken hinsichtlich Arbeitsplatzsicherheit entgegenzuwirken. Andererseits sollten sie den Wunsch nach Weiterentwicklung und den Einsatz neuer Technologien berücksichtigen.
Das bedeutet, dass Unternehmen, die ihren Beschäftigten gezielte Weiterbildungsangebote im Bereich KI und andere Zukunftstechnologien machen, ihre Arbeitgebermarke stärken und sich als innovativ und zukunftsorientiert positionieren können.
Justin Geschwill ist Volontär der Personalwirtschaft.

