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„Kandidaten müssen das Amt zu mehr als 100 Prozent wollen“

Dr. Michael Faller, Vorstand der Baumann Unternehmensberatung
Dr. Michael Faller, Vorstand der Baumann Unternehmensberatung (Foto: Baumann AG)

Personalwirtschaft: Herr Dr. Faller, die Union, die SPD und die Grünen haben in den vergangenen Wochen ihre Kanzlerkandidatinnen und Kanzlerkandidaten nominiert. Wenn Sie als Personalberater beauftragt worden wären, jemanden passenden zu finden, wonach hätten Sie geschaut?
Michael Faller: Da gibt es verschiedene Ebenen. Zuerst natürlich die formalen Voraussetzungen für einen solchen “Job”. Die sind in Deutschland ja nicht besonders hoch: Eine Kanzlerin oder ein Kanzler muss volljährig sein und die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Eingeengt wird die Auswahl eher dadurch, dass er oder sie mehrheitsfähig sein muss – in der Partei und idealerweise der Gesellschaft. Zudem würde man sich als Personalberater die Frage stellen, welche fachlichen Aspekte eine Rolle spielen.

Und? Welche spielen Ihrer Meinung nach eine Rolle?
Ich glaube, dass das Wichtigste ist, dass eine gewisse Mindesterfahrung vorhanden ist. Sprich, dass jemand schon einmal eine Regierung oder zumindest ein Ministerium geführt hat. Das hat ja Frau Baerbock bislang nicht.

Dafür würde sie frischen Wind mitbringen, was angesichts des ja aus Sicht Vieler nicht ganz glücklichen Managements von Corona- und Klimakrise durchaus sinnvoll sein könnte.
Dieses Argument spielt natürlich eine Rolle – übrigens auch bei Besetzungen von Führungspositionen in der Wirtschaft. Es kommt allerdings meistens eher von Gesellschaftern oder Aufsichtsräten als Gedankenspiel. Im Ergebnis sucht man dann doch eine Persönlichkeit mit einschlägigen Vorerfahrungen. Je wichtiger eine Positionsbesetzung ist, desto größer ist aber ja auch das Risiko des Scheiterns. Und Deutschland zu regieren kann ja kein Projekt sein.

Was wäre denn außer Regierungserfahrung noch wichtig?
Auf der fachlichen Ebene auf jeden Fall die Fähigkeit, sich tief in sehr verschiedene Themen einarbeiten zu können. Und natürlich müssen auch die persönlichen Voraussetzungen passen.

Das heißt?
Eine nachhaltige Motivation. Menschen, die an so einem Amt Interesse haben, müssen das auch mehr als 100 Prozent wollen. Sie müssen ihren Wunsch nach Macht und Gestaltung aber auch ausdrücken – wie es ja alle drei jetzigen Kandidaten gemacht haben. Und natürlich müssen sie auch eine Regierung bilden und führen können. Dazu bedarf es psychischer und physischer Belastbarkeit. Angela Merkel zum Beispiel ist ja genau dafür bekannt, bei Verhandlungen sehr ausdauernd zu sein. Auch Helmut Kohl konnte das wohl.

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Gibt es darüber hinaus noch Fähigkeiten, nach denen Sie suchen würden?
Ja, eine Sache noch: das, was man in der Wirtschaft Stakeholder-Orientierung nennen würde. Dazu gehört in der Politik vor allem der Umgang mit der Presse. Gerhard Schröder sagte ja damals, er brauche zum Regieren nur “Bild, Bams und Glotze”. Das ist zwar etwas überholt – aber auch nur, weil die Bild-Zeitung nicht mehr die Rolle wie damals spielt. Die Grundidee, dass man die verschiedenen Kanäle managen muss, ist richtig – was ja nicht zuletzt Donald Trump in den USA gezeigt hat.

Die Parteien haben ihre Kandidatinnen- beziehungsweise Kandidatenkür ja sehr unterschiedlich gelöst. Die SPD hatte mit Olaf Scholz nur einen Kandidaten …
… der aber 2019 ja schon komplett demontiert wurde, als er es nicht geschafft hat, sich zum Parteichef wählen zu lassen. Wenn das Ziel eines solchen Verfahrens ist, dem eigenen Kandidaten möglichst nicht zu schaden, dann hat es die SPD am schlechtesten gelöst.

Noch schlechter als die Union?
Ja. Allerdings haben es auch CDU und CSU nicht geschafft, ihre Kandidaten zu disziplinieren. Und den Streit um die Kandidatur in der Öffentlichkeit auszutragen, schadet allen.

Also waren die Grünen zumindest hier Vorbild?
Aus diesem Blickwinkel schon. Ihnen ist es gelungen, dass beide Kandidaten an einem Strang gezogen haben. Das Verfahren war gewissermaßen das undemokratischste und intransparenteste von allen, aber es hat funktioniert. Es ist schon erstaunlich, dass das gerade den Grünen gelungen ist.

Wie löst man so etwas denn in der Wirtschaft? Dort gibt es öffentliche Auseinandersetzungen zwischen Kandidaten ja deutlich seltener.
In der Tat passiert so etwas dort viel seltener. Trotzdem versucht man als Personalberater natürlich von vornherein darauf hinzuarbeiten, dass solche Auseinandersetzungen gar nicht erst entstehen. Am Ende muss ja die Gesellschafterversammlung, der Vorstand oder der Aufsichtsrat zustimmen, wenn es um die Entscheidung für einen Kandidaten oder eine Kandidatin geht. Und ähnlich wie in den Parteien sitzen dort häufig Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessenlagen – und sie haben nicht immer Expertise in Personalfragen.

Und wie gehen Sie als Personalberater dann vor?
Man versucht gemeinsam mit einem möglichst kleinen Kreis aus dem Unternehmen eine Vorauswahl zu treffen. Die Gremien bekommen ja immer nur eine Auswahl, manchmal auch nur einen oder zwei Kandidaten oder eine Kandidatin vorgestellt – nicht anders als bei der Kandidatenauswahl in einer Partei. Umso wichtiger ist es, dass der kleine Kreis, der die Vorauswahl trifft, Erfahrung und Expertise in Personalsuch- und Auswahlprozessen hat. Aber letztlich hängt vieles davon ab, wie viel Mitsprache die Gremien wünschen.

In wie fern?
In vielen Fällen wird der Prozess so organisiert, dass die eigentliche Vorauswahl im kleinen Kreis auf Ebene des Ausschusses stattfindet. Dann haben die Gesellschafter beziehungsweise der Aufsichtsrat nur ein Vetorecht, können den Kandidaten oder die Kandidatin also ablehnen. Wenn Sie aber sehr starke Gesellschafter haben, wünschen diese häufig auch eine echte Auswahlentscheidung zwischen mehreren Kandidaten. Und dann gilt: Je heterogener der Kreis der Entscheider ist, desto größer ist die Gefahr, dass am Ende nicht der beste Kandidat genommen wird. Auch da sind sich Politik und Wirtschaft durchaus ähnlich.

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.