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Robert Habeck: „Wer von Diversität redet, kann nicht von Diskriminierung schweigen“

Grünen-Chef Habeck bei der
“Der Gleichheitsanspruch des Grundgesetzes wird in der Realität nicht eingelöst”: Grünen-Chef Habeck bei der “Vielfalt 2021” (Foto: Phil Dera)

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat beim virtuellen Wirtschaftsforum “Vielfalt 2021” des Diversity-Bündnisses “Charta der Vielfalt” Rückschritte einzelner Mitgliedsstaaten beim Umgang mit Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung und Religionen angeprangert. In einer Videoansprache kritisierte sie, dass “alte, stereotype Bilder tief sitzen”. Sie wundere sich, dass man im Jahr 2021 in Europa noch über so etwas wie Gender Equality oder die Rechte der LGBTQ-Community reden müsse. “Europa kann das besser”, lautete die Botschaft der Politikerin.  Die Gleichstellung von Frauen war und ist für die frühere deutsche Ministerin ein zentrales Thema. Als Familienministerin habe sie bei der Frauenquote noch auf Freiwilligkeit gesetzt, als Arbeitsministerin dann auf verpflichtende Quoten – doch der “Fortschritt war eine Schnecke”, sagte von der Leyen. 

In der EU drückt von der Leyen nun aufs Tempo: Bei der virtuellen Veranstaltung des Bündnisses “Charta der Vielfalt” am 2. März verwies die Kommissionspräsidentin auf den Entwurf einer neuen EU-Richtlinie, die Transparenz bei der Bezahlung von Männern und Frauen herstellen soll. Auch in der EU-Verwaltung selbst gebe es positive Entwicklungen: Erstmals studierten am Europakolleg, der “Kaderschmiede der EU”, so viele Frauen wie Männer, außerdem sollen bis Ende 2024 die Hälfte der Mitarbeitenden in der Verwaltung Frauen sein. 

Unternehmen sind schneller 

Wo die Politik noch um mehr Gleichberechtigung kämpft, scheint die Wirtschaft mitunter schon einige Schritte weiter. Die beim Wirtschaftsforum zugeschalteten Topmanager von Schwergewichten wie den Agrarchemie- und Pharmariesen Bayer, Novartis und Boehringer Ingelheim, den Fahrzeugherstellern VW-Nutzfahrzeuge und Daimler bis hin zum Technologiekonzern Siemens, dem Beratungsunternehmen Accenture, der Deutschen Bahn und dem Energieriesen BP bekannten sich bei der Veranstaltung nachdrücklich zu den Werten der im Jahr 2006 gegründeten Arbeitgeberinitiative “Charta der Vielfalt”. 

Einig waren sich die Unternehmensführer in vielen Punkten: Vielfalt der Mitarbeitenden und auf Führungsebene ist ein Stabilitätsfaktor in Krisenzeiten, sorgt für Kreativität und Innovation. Vielfalt ist zudem angesichts der demografischen Veränderungen unerlässlich, wenn bis zum Jahr 2030 rund sechs Millionen Menschen in Deutschland aus dem Erwerbsleben ausscheiden.  

Raus aus den Echokammern 

Diversität sei elementar, um auf lange Sicht wettbewerbsfähig zu sein, sagte Dr. Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, in einer Keynote-Ansprache: “Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass viele unserer besten Entscheidungen nicht in kleinen Zirkeln gleichartiger Menschen getroffen wurden. Von der Außenwelt abgeschnittene Echokammern bringen keine Innovation.” 

Der Pharmahersteller Boehringer Ingelheim Deutschland hat für seinen Diversitäts-Aktionsplan drei Faktoren ausgemacht: “Wir schauen auf Gender, Generation und Geografie”, erklärte Dr. Sabine Nikolaus, Vorsitzende der Geschäftsführung der Boehringer Ingelheim Deutschland. Dabei gehe es keineswegs immer nur um Frauen: “Wir haben verschiedene Diversity-Netzwerke im Unternehmen, zum Beispiel auch ein Väter-Netzwerk.” Was die Herkunft der Mitarbeiter angeht, sei Boehringer als globales Unternehmen ohnehin breit aufgestellt: “In Deutschland haben wir Mitarbeiter aus 97 und Führungskräfte aus 48 Ländern.” Diversität und Inklusion sind für Sabine Nikolaus Wettbewerbsfaktoren: “Diversity ist der Mix – Inklusion ist die Umsetzung.” 

Für ihren Branchenkollegen Heinrich Moisa, Geschäftsführer von Novartis in Deutschland, ist Diversität bei der Rekrutierung unerlässlich. “Im Wettbewerb um Mitarbeiter müssen wir attraktiv sein. Das sind wir nur, wenn unsere Werte und Ziele passen, wenn wir offen, international und gleichberechtigt sind.” Die Unterschiedlichkeit der Mitarbeiter sei für Novartis als forschendes Unternehmen ein reales Plus: “Auf neue Ideen etwa in der Krebsforschung kommt man nur, wenn man verschiedene Blickwinkel einnehmen kann.”  

Differenzierte Quote 

Das Langzeitthema Frauenquote kam bei den Wirtschaftsbossen natürlich auch zur Sprache. Einen differenzierten Umgang mit der Quote beschrieb Thomas Edig, Mitglied des Markenvorstands bei Volkswagen Nutzfahrzeuge und zuständig für das Personalressort. “Wir haben uns die Pipelines angeschaut in den einzelnen Bereiche wie Finanzen, Personal oder Produktion. In der Produktion machen Frauen zehn Prozent der Berufseinsteiger aus und in der Personalverwaltung 60 Prozent.” Dementsprechend sei das Ziel, bei den Beförderungen in der Produktion Frauen zu rund zehn Prozent zu berücksichtigen – und in der Personalverwaltung zu 60 Prozent. “Im Jahr 2020 haben wir diese Vorgaben erstmals erfüllt.” 

Ehrgeizig sind die Ziele von Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung des Beratungsunternehmens Accenture Deutschland: “Bis 2025 sollen die Hälfte unserer Mitarbeiter Frauen sein.” Schon seit 2019 führt eine Frau, Julie Sweet, das Unternehmen mit weltweit mehr als 500.000 Mitarbeitern. “Wir vermessen unsere Vielfalt – wir wollen nicht bei Ahnungen bleiben.” Deutschland erteilte Riemensperger in Sachen Diversity keine guten Noten: “Andere Länder, auch Nachbarländer, sind, zum Beispiel was die Geschlechterfrage angeht, deutlich fortschrittlicher.”  

Auch Bayer-Personalchef Stefan Oelrich machte bei dem Wirtschaftsforum eine ambitionierte Ansage in Richtung der weiblichen Beschäftigten: Bis zum Jahr 2030 sollen bei dem Leverkusener Dax-Unternehmen alle Führungsebenen bis in die oberste Vertragsstufe mit Frauen besetzt werden. 

So einig sich die Topmanager bei dem Wirtschaftsforum auch hinter das Ideal der Diversität stellten, so wenig war davon auf dem virtuellen Podium zu sehen. Die Journalistin und TV-Moderatorin Pinar Atalay, die durch die Veranstaltung führte, merkte denn auch durchaus ironisch an, dass sie als Frau und Arbeiterkind mit Migrationsgeschichte als einzige Person gleich mehrere Diversitätskriterien erfülle. 

Homogenität erzeugt blinde Flecken  

Die allzu große Homogenität von Entscheidern und Mitarbeitenden in Politik und Verwaltung nahm Robert Habeck aufs Korn. Der Bundesvorsitzende der Grünen und Vielleicht-Kanzlerkandidat sprach zum Abschluss des Wirtschaftsforums live aus dem Studio des Senders RBB in Berlin. In den Parlamenten arbeiteten beispielsweise zu wenige Menschen ohne Abitur, in den Verwaltungen kaum solche mit Migrationsgeschichte, kritisierte er. Dabei sei klar: “Je homogener eine Gruppe ist, desto eher übersieht man die blinden Flecken.” Eine vielfältige Gesellschaft müsse auch vielfältig repräsentiert werden, so Habeck.  

Bei aller Zustimmung zu den Diversitätsanstrengungen der Wirtschaft sagte Habeck deutlich, dass freiwillige Selbstverpflichtungen ihm oft nicht ausreichen würden. “Der Gleichheitsanspruch des Grundgesetzes wird in der Realität nicht eingelöst. Und wer von Diversität redet, kann nicht von Diskriminierung schweigen.” Ein Gesetz zu Teilhabe und Partizipation könne da helfen.  

Wie schwierig es dabei mitunter ist, Ansprüche und Wirklichkeit miteinander zu vereinbaren, machte der Politiker am eigenen Beispiel klar. Selbstkritisch befand Habeck, dass der aktuelle Bundesvorstand der Grünen auch nicht besonders divers sei. Das hinderte Habeck freilich nicht an unkonventionellen Gedanken zu Macht und Verantwortung: In Sachen Kanzlerschaft könne er sich statt nur eines Kandidaten oder einer Kandidatin auch ein Team vorstellen.