Die Erwartungen von Bewerberinnen und Bewerbern sind hoch wie nie. Laut dem diesjährigen Xing-Arbeitsmarktreport berichten 68 Prozent der HR-Verantwortlichen, dass Kandidaten anspruchsvoller werden – beim Gehalt ebenso wie bei Unternehmenskultur oder Benefits. 2024 lag dieser Wert noch bei 58 Prozent. Was Jobsuchende fordern, geht weit über klassische Kriterien hinaus: Immer häufiger würden Sabbaticals, Workation, flexible Arbeitszeitgestaltung und attraktive Zusatzleistungen erwartet.
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Xing-Arbeitsmarktreport 2025
Der Xing-Arbeitsmarktreport 2025 basiert auf einer Online-Umfrage, die das Marktforschungsinstitut Appinio im Juli 2025 im Auftrag von Xing durchgeführt hat. Insgesamt wurden 3.500 Angestellte im Alter von 18 bis 65 Jahren in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz befragt, repräsentativ nach Alter und Geschlecht. Ergänzend gaben 600 Personaler und Recruiter aus diesen Ländern Einblicke in ihre aktuelle Lage.
Wenig Geduld beim Feedback
Die Geduld der Bewerbenden ist entsprechend gering. Fast ein Drittel der Jobsuchenden (31 Prozent) verlangt laut Xing-Report eine Rückmeldung auf ihre Bewerbung innerhalb einer Woche, weitere 45 Prozent innerhalb von zwei Wochen. Nur noch 18 Prozent finden zwei bis drei Wochen akzeptabel. Damit haben sich die Zeitfenster im Vergleich zu früheren Jahren deutlich verkürzt. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) möchte den gesamten Prozess von Bewerbung bis Vertragsunterschrift in maximal zwei bis vier Wochen abgeschlossen sehen. Für viele Personalabteilungen, die im Durchschnitt 165 Tage für eine Stellenbesetzung benötigen, ein kaum erreichbarer Wert.
Die Folgen zeigen sich in der Candidate Experience. Dabei geht es aber nicht nur um lange Wartezeiten, die 37 Prozent bemängeln. Auch würden Rückmeldungen ganz ausbleiben, worüber sich 42 Prozent ärgern. Zudem seien laut 31 Prozent der Befragten die Gehaltsangaben intransparent. Viele Firmen nennen keine klaren Gehaltsspannen in ihren Ausschreibungen – ein Mangel, den man leicht beheben könnte, wenn man denn wollte.
Wenn Bewerbende verschwinden
Während die Ansprüche steigen, sinkt zugleich die Verbindlichkeit der Kandidaten. 64 Prozent der HR-Verantwortlichen berichten, dass Bewerber und Bewerberinnen schon einmal nach einer Zusage wieder abgesprungen sind oder überhaupt nicht mehr reagiert haben. 2024 lag dieser Wert noch bei 46 Prozent – ein Sprung um fast 20 Prozentpunkte innerhalb eines Jahres.
Es liegt nahe, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt: Brauchen Unternehmen aus Sicht der Bewerbenden zu lange, so nehmen sie zwischenzeitlich andere Optionen wahr. Und: Versäumen Unternehmen es zunehmend, den Bewerbenden überhaupt eine Rückmeldung zu heben, so sind diese vermutlich auch weniger geneigt, zu antworten. In der Folge springen sie ab oder melden sich nicht mehr.
Besonders ärgerlich ist es, wenn es in späten Phasen des Prozesses auftritt: Fällt ein Kandidat kurz vor Vertragsabschluss weg, summieren sich die verlorenen Tage auf eine ohnehin schon hohe Time-to-hire.
Auswirkung auf HR
Für Unternehmen bedeutet das laut Xing-Arbeitsmarktreport: Die Planungssicherheit sinkt, der Aufwand steigt. Denn jeder Rückschlag im Recruiting-Prozess verlängert nicht nur die Vakanz, sondern erhöht auch die Belastung der Personalabteilung. 30 Prozent der dort Beschäftigten geben an, dass ihr Stresslevel im Zuge des Fachkräftemangels bereits gestiegen ist, 20 Prozent haben mehr Verantwortung übertragen bekommen. Auch die Qualität der Arbeit leidet laut einem Viertel der Befragten. „HR-Verantwortliche befinden sich in einem ständigen Spagat zwischen den Anforderungen der Unternehmensleitung und der Fachabteilungen auf der einen Seite und den zunehmend schwerer zu erfüllenden Erwartungen der so dringend benötigten Fachkräfte“, kommentiert Thomas Kindler, Managing Director von Xing, diese Entwicklung.
Zugleich zeigt der Report, dass Kandidaten und Kandidatinnen zwar anspruchsvoll auftreten, sich ihrer Situation aber durchaus bewusst sind. 59 Prozent der Beschäftigten schätzen ihre Chancen, derzeit einen neuen Job zu finden, als „eher schwierig“ bis „sehr schwierig“ ein. Nur 41 Prozent bewerten ihre Perspektiven positiver.
Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Arbeitsrecht und Regulatorik und verantwortet die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.

