1990 steht – natürlich – ganz im Zeichen der anstehenden und schließlich vollzogenen Wiedervereinigung. Niemals zuvor in der Geschichte mussten zwei völlig verschiedene gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Modelle innerhalb kürzester Zeit zusammenfinden. Das gilt damals auch für die Personalarbeit. Denn die sogenannten Kaderabteilungen, die in der DDR für die Einstellung, Qualifizierung und Entlassung der Mitarbeitenden verantwortlich waren, mussten sich nun nach westlichem Vorbild umorganisieren.
Bemerkenswerterweise widmet die Personalwirtschaft in diesem historischen Jahr dem Thema erst ab dem Sommer ein eigenes Ressort im Magazin: DDR aktuell heißt es ab Juni 1990 im Heft. Und das beginnt mit fünf „Thesen zur Personalführung in der DDR“. These 2 nimmt dabei vorweg, was sich in den kommenden Jahren (leider) bewahrheiten wird: „Marktwirtschaftliche Orientierungen werden gewaltige Personalverschiebungen in allen Bereichen der Wirtschaft auslösen.“ Und: „Personalfreisetzungen in allen nicht konkurrenzfähigen Betrieben [sind] zu erwarten.”
Auch das Sonderheft DDR widmet sich ausführlich den historischen Umbrüchen, die Deutschland – und damit auch die Personalverantwortlichen in Ost und West – 1990 erwarten. Auf 74 Seiten werden dort die wichtigsten Grundzüge des westdeutschen Systems durchdekliniert, als „kleiner Ansatz […], Informationsdefizite über unser westliches Personalmanagement abzubauen“. Zielleserschaft des Sonderheftes sind also eher die Unternehmen in den neuen Bundesländern, die nun Personalabteilungen nach westlichem Vorbild aufbauen (sollen).
Die Wiedervereinigung und der Aufbau von HR-Strukturen nach westlichem Vorbild fällt dabei in eine Zeit, in der die Rolle von HR in der Personalwirtschaft diskutiert wird. Denn damals wie heute ringen Personalabteilungen um ihr Selbstverständnis. Sind sie „nur“ Verwalter oder auch Gestalter? Prof. Dr. Rolf Wunder von der Universität St. Gallen konstatiert in seinem „Szenario: Personalmanagement der 90er Jahre“: „Unternehmerische Verantwortung ruht auf immer mehr Schultern. So fällt auch dem Personalchef zwangsläufig eine Unternehmerrolle zu.“ Es gehe zunehmend um die „unternehmerische Orientierung“ des Personalmanagements, nicht mehr so sehr die Bürokratisierung, wie noch in den 1950er Jahren, schreibt er weiter. Damit nimmt die Personalwirtschaft den neoliberalen Zeitgeist der 1990er Jahre ein Stückweit bereits vorweg und sieht die Chance, dass die Unternehmen der DDR nun ohne bürokratische Altlasten ein modernes Personalwesen aufbauen könnten, denn: „Die Bürokratielastigkeit im Westen zeigt, daß der Vorsprung für die DDR nicht uneinholbar ist.“
Cover des Jahres

Die Welt ist nicht genug – so lässt sich die grundsätzliche Stimmung Anfang der 1990er-Jahre wohl gut zusammenfassen. Der eiserne Vorhang fällt, in vielen Ländern befreien sich die Menschen von der Diktatur, erleben Reise- und Wahlfreiheit. Freier Handel ist das Motto der Stunde. Und so überrascht es nicht, dass das Cover der ersten Ausgabe 1990 die Weltkugel ziert. Unten links findet sich – sehr vorausschauend – ein Cover des Buches „Die große Rezession von 1990“ von Dr. Ravi Batra. Der vielsagende Untertitel: „Die nächste Weltwirtschaftskrise ist vorprogrammiert.“ Zumindest für Deutschland sollte der Autor Recht behalten: Nur wenige Jahre später gilt Deutschland nicht zuletzt aufgrund der horrenden Kosten der Einheit als der „kranke Mann Europas“.
Zahl des Jahres: 16.000
16.000 Mitarbeitende hatte der Volkseigene Betrieb Bauelemente und Faserbaustoffe Leipzig im Jahr 1990. So weit, so normal für ein DDR-Kombinat. Doch diese 16.000 Mitarbeitenden des „VEB Baufa“ wurden als erster Betrieb der im Sommer 1990 noch existierenden DDR nach „westlichem Vorbild“ am Kapital beteiligt, wie die Personalwirtschaft in der Juli-Ausgabe des Jahres meldet. Insgesamt wird im Jahr mit rund 800 bis 900 Beteiligungsmodellen in DDR-Betrieben gerechnet, so die AGP, ein Unternehmenszusammenschluss von Firmen mit Mitarbeiterbeteiligung. Damit „würden 1990 in der DDR dreimal so viele Mitarbeiterbeteiligungsmodelle entstehen wie in der Bundesrepublik Deutschland“, so die AGP.
Interview des Jahres: Norbert Wendt und Stefan Saal
Über den Tellerrand zu schauen und ungewöhnliche Perspektiven aufzuzeigen – das zeichnete die Personalwirtschaft schon immer aus. So auch im Interview mit Norbert Wendt und Stefan Saal in der Oktober-Ausgabe. Denn die beiden sind seinerzeit Leiter des Fachbereichs Anzeigen und Leiter Verkauf Personal-Anzeigen bei der Süddeutschen Zeitung. Und was die beiden zu berichten haben, dürften heutigen Blattmachern und Verlagsmanagerinnen Tränen in die Augen treiben. Von einem „umfangreichen Stellenanzeigenteil“ ist da ebenso die Rede und einem „überproportional gewachsenen Stellenanzeigenmarkt“. Denn gerade hatte sich die Zeitung aufgemacht, den DDR-Markt zu erschließen. Doch auch Personalerinnen und Personalern dürften nostalgisch werden. Denn die Interviewten sprechen auch über das „einfache Handling und die attraktive Preisgestaltung“. Wer hätte damals gedacht, wie sehr sich die Medienwelt – und auch das Recruiting – nur wenige Jahre später verändern würden.
Sprache des Jahres
Blick über die Grenzen heißt eine Rubrik der Personalwirtschaft – die im Jahr 1990 allerdings nur ein einziges Mal vorkommt, in Form eines Beitrags von Brian Ward Lilley. Er ist seinerzeit General Director des Londoner Institute of Personnel Management und schreibt in seinem Gastbeitrag in der Januar-Ausgabe über die Perspektiven für das britische Personalmangement der 1990er Jahre – auf Englisch. Der Tenor: Nach den wilden 80er-Jahren in Großbritannien mit Arbeitskämpfen und Deregulierung sei es sehr schwierig, überhaupt eine Voraussage für die nächsten Jahre zu treffen – denn die ökonomischen Bedingungen sind sehr volatil. Ein paar Trends, die Lilley in seinem Beitrag ausmachte, haben in ähnlicher Form später auch Deutschland erreicht: Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen und individualisierte Vergütungssysteme.
Catrin Behlau koordiniert die Magazinproduktion der Personalwirtschaft organisatorisch und thematisch. Sie leitet gemeinsam mit Rebecca Scheibel die Redaktionen der HR-Medien von F.A.Z. Business Media. Ihre thematischen Schwerpunkte liegen im Berufsbild HR.

