COMP&BEN: Die Ampelregierung hat es nicht geschafft, das zweite Betriebsrentenstärkungsgesetz auf den Weg zu bringen. Sehen Sie darin auch neue Chancen, und was erwarten Sie diesbezüglich von der neuen Bundesregierung?
Martin Werding: Im neuen Koalitionsvertrag heißt es, CDU/CSU und SPD wollten die bAV stärken. Das klingt nach einer raschen Neuauflage des alten Gesetzentwurfs – kein großer Wurf, aber Schritte in die richtige Richtung. Es kann helfen, das Sozialpartnermodell auf breiterer Basis als bisher zum Laufen zu kriegen und bestehende Lücken der bAV bei Geringverdienern und KMU zu schließen.
Thomas Jasper: Wir nehmen positive Signale aus der Politik wahr, dass das BRSG II bald verabschiedet werden könnte. Dies ist zu begrüßen. Für eine nachhaltige Stärkung der betrieblichen Altersversorgung wären jedoch weitere Aspekte wichtig. Dazu zählen zum Beispiel eine wirksame Opting-out-Option jenseits von Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen und eine Senkung der Garantievorgabe zu Beitragszusagen.
Wie wichtig ist die bAV generell für das deutsche Rentensystem und für jeden einzelnen Beschäftigten?
Martin Werding: Die bAV wird oft unterschätzt, sowohl was ihre bisherige Verbreitung betrifft als auch das Potenzial. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten hat eine betriebliche Absicherung. Wenn die gesetzliche Rentenversicherung endlich auf den akuten Alterungsschub bis 2035 eingestellt wird, bekommt ergänzende Vorsorge noch ein größeres Gewicht. Arbeitgeber, die dafür etwas zu bieten haben, können im Wettbewerb um Talente punkten.
Der bAV-Preis trägt zur Verbreitung von Betriebsrenten bei. Welche Erkenntnisse nehmen Sie bezüglich der diesjährigen Bewerbungen und ihrer bAV-Modelle mit?
Thomas Jasper: Die Preisträger haben erneut eindrucksvoll gezeigt, wie vielfältig und wirkungsvoll bAV in den unterschiedlichsten Branchen und Unternehmen umgesetzt wird. Bei den Großunternehmen war es beeindruckend zu sehen, wie diese die volle Bandbreite der gegebenen Rahmenbedingungen nutzen, um innovative sowie zielgerichtete bAV-Lösungen zu entwickeln. Und genauso spannend war es zu sehen, wie auch kleine und kleinste Betriebe in der Lage sind, ihren Mitarbeitenden eine langfristig tragfähige und substanzielle Altersvorsorge zu bieten.
„KMU können mit etwas Kreativität und Mut großartige Angebote kreieren, die wirklichen Mehrwert für die Belegschaft erzeugen.“
Dr. Thomas Jasper, WTW
Haben es größere Unternehmen im Vergleich zu Kleinbetrieben einfacher bei der Umsetzung von bAV-Strukturen? Warum zögern noch so viele KMU?
Martin Werding: Viele KMU – natürlich nicht alle – tun sich schwer mit strategischen Entscheidungen, die nicht zu ihrem Tagesgeschäft gehören. Die Leitungen wissen, dass sie wichtig sind, aber inhouse gibt es keine Experten dafür, und extern gute Berater zu suchen, kostet schon viel Zeit. Bei der Frage, welche Anbieter und welches Produkt für die eigene Belegschaft gut wären, gibt es ähnliche Unsicherheiten wie bei Normalverbrauchern in der privaten Vorsorge.
Thomas Jasper: Wie Prof. Werding dargestellt hat, sind Großunternehmen sicherlich im Vorteil, weil die bAV dort schon seit vielen Jahrzehnten traditionell fester Bestandteil der Gesamtvergütung ist. Andererseits, und das zeigen ja die bAV-Preis-Gewinner, können KMU mit etwas Kreativität und Mut großartige Angebote kreieren, die wirklichen Mehrwert für die Belegschaft erzeugen.
Wie steht Deutschland im Vergleich zum europäischen Ausland in der bAV da? Was können wir uns abschauen?
Martin Werding: Da bietet sich ein gemischtes Bild. In Ländern, auf die man oft schaut, wie die Niederlande oder die Schweiz, spielt die bAV eine wichtigere Rolle als bei uns. Fallweise ist sie sogar obligatorisch und damit fester Bestandteil der Altersvorsorge. Dafür ist sie dann, etwa in Frankreich, aber nicht so verlässlich finanziert – sondern im Umlageverfahren.
„In Ländern, auf die man oft schaut, wie die Niederlande oder die SChweiz, spielt bAV eine wichtigere Rolle als bei uns.“
Prof. Dr. Martin Werding, Sachverständigenrat Wirtschaft
Thomas Jasper: Deutschland hat ein umfangreiches System der betrieblichen Altersversorgung, das sich im europäischen Vergleich gut positioniert. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Ländern, was die Struktur und die Ausgestaltung dieser Systeme angehen. In einigen anderen Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark sind die betrieblichen Altersversorgungssysteme noch deutlich umfassender entwickelt.
Was zeichnet ein „besonders“ gutes bAV-Modell aus Arbeitnehmer- und Arbeitgebersicht aus?
Thomas Jasper: Das „eine“ Modell gibt es in der bAV nicht, sondern – wie schon gesagt – zeichnen herausragende Angebote vor allem die Vielfalt und die individuelle Gestaltung aus. Wichtige Elemente sind sicherlich flexible Modelle, eine intelligente Ausgestaltung der Programme, Zuschüsse zur Eigenvorsorge und intelligente Wertentwicklungskonzepte. So sollte ein bAV-Angebot so flexibel sein, dass es sich an die individuellen Lebenslagen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anpasst, und es sollte klare Informationen und Beratungsangebote zur Verfügung stellen, um den Arbeitnehmern das Verständnis und die Planung ihrer Altersvorsorge zu erleichtern.
Welche Chancen geben Sie dem Sozialpartnermodell (SPM)?
Martin Werding: Die Möglichkeit, auch in Deutschland rein beitragsbasierte Zusagen zu machen, um damit wachstumsorientiert zu investieren, war ein wichtiger Schritt. Die Bedingung dafür, nämlich die Zustimmung beider Sozialpartner, hat sich leider als Bremse erwiesen. Zumindest haben die Gewerkschaften jetzt mehrere Jahre abgewartet, in welche Richtung sich die gesetzliche Rente entwickelt. Wenn es darüber endlich Klarheit gibt und die bAV noch gestärkt wird, kann das Projekt Schwung aufnehmen.
Thomas Jasper: Das Sozialpartnermodell 2018 einzuführen war sicherlich der richtige Schritt in die richtige Richtung. Während in einigen Branchen entsprechende Tarifverträge vereinbart wurden, ist für viele Unternehmen und Beschäftigte der Zugang zu einem SPM weiterhin erschwert. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Eine Herausforderung für Unternehmen ist neben dem Zugang zu einem SPM auch die Integration eines SPM in bestehende bAV-Systeme. Hierzu bedarf es eines weiteren Pushs durch den Gesetzgeber und einer weiteren Öffnung in Richtung garantielose, zulagengeförderte Altersvorsorge auch außerhalb der Tarifparteien.
