Immer mehr berufliche Tätigkeiten können durch Computer oder computergesteuerte Maschinen ersetzt werden. Dabei eröffnet die generative Künstliche Intelligenz neue technologische Möglichkeiten. Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat für das Jahr 2022 untersucht, in welchem Ausmaß berufliche Tätigkeiten potenziell bereits vollautomatisch erledigt werden könnten. Danach könnten hochqualifizierte Experten die Digitalisierung künftig am meisten zu spüren bekommen.
Fachkraft- und Helfertätigkeiten können am ehesten automatisiert werden
Die Möglichkeit, menschliche Arbeit durch digitale Technologie zu ersetzen, wurde für die verschiedenen Anforderungsniveaus ermittelt – das IAB benutzt dabei den Begriff Substituierungspotenzial. In den Fachkraftberufen, für die überwiegend eine mindestens zweijährige Ausbildung typisch ist, ist der Anteil der automatisierbaren Tätigkeiten mit durchschnittlich 62 Prozent mittlerweile am höchsten. Er stieg seit 2019 um 3,5 Prozent. In Helferberufen, für die in der Regel keine Berufsausbildung erforderlich ist, liegt die Quote von Aufgaben, die digitalisiert werden könnten, bei 57 Prozent; damit ist der Anteil in den letzten Jahren leicht um 1,8 Prozent zurückgegangen. Nach Analysen des IAB ist der Anteil jedoch nahezu konstant geblieben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Klassifikation der Berufe 2020 überarbeitet wurde und es zu Verschiebungen von Fachkraft- zu Helferberufen gekommen ist.
Mögliche Ersetzbarkeit durch Technologie steigt bei Experten am stärksten
In Spezialistenberufen, in denen die Beschäftigten zumeist einen Meister-, Techniker- oder Bachelorabschluss haben, sind inzwischen im Schnitt knapp 50 Prozent der Tätigkeiten digitalisierbar. Hier hat das sogenannte Substituierbarkeitspotenzial innerhalb von drei Jahren um fünf Prozent zugenommen. Mit 36 Prozent ist der Anteil von Aufgaben, die schon von Computern erledigt werden könnten, in Expertenberufen, die typischerweise von Beschäftigten mit mindestens vierjährigem Hochschulstudium übernommen werden am geringsten betroffen. Zeitgleich ist die mögliche Ersetzbarkeit durch Technologie hier mit einem Plus von zehn Prozent am stärksten gestiegen. Insgesamt zeigt sich, dass mit steigendem Anforderungsniveau der Tätigkeit die Automatisierbarkeit zugenommen hat.
Generative KI automatisiert vor allem auch Aufgaben von ITlern
Die Analyse nach Berufssegmenten zeigt, dass sich die größten Substituierbarkeitspotenziale in den Fertigungsberufen finden. Dort sind 88 Prozent der Tätigkeiten mittlerweile digitalisierbar. Am stärksten gestiegen sind sie allerdings in der IT und in naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen. Laut Studie hat besonders der Einsatz generativer KI dazu geführt, dass bisher als nicht automatisierbar geltende menschliche Tätigkeiten, wie das Programmieren von Software, ersetzbar geworden sind. Ebenfalls überdurchschnittlich zugenommen hat das Automatisierungspotenzial in Handels-, Lebensmittel- und Gastgewerbeberufen sowie in Berufen in Unternehmensführung und Organisation. In letzteren Berufen könne generative KI sogar zu einer androiden Kollegin werden wie die nach menschlichem Vorbild gebaute Roboterfrau namens Elenoide, die auch eigene Ideen in Projekte einbringt. Das könne zu einem starken Anstieg des Substituierungspotenzials führen.
Bei 38 Prozent der Beschäftigten sind mindestens 70 Prozent der Tätigkeiten automatisierbar
Insgesamt ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Berufen, in denen mindestens 70 Prozent der Tätigkeiten von Computern oder Robotern übernommen werden könnten, von 2019 bis 2022 um vier Prozent auf 38 Prozent gestiegen. Momentan gibt es allerdings, laut IAB, keine Berufe, die den Menschen vollständig ersetzen könnten. Substituierbarkeitspotenziale könnten zudem nicht immer sofort ausgeschöpft werden, da verschiedene Faktoren wie Technologie, Ethik und Recht eine Rolle spielen würden. Darüber hinaus werde menschlicher Arbeit oft auch ein Wert an sich beigemessen und mehr Wertschätzung entgegengebracht als einem industriell gefertigten Produkt. Eher nicht durch Technik ersetzt würden Tätigkeiten, wenn menschliche Arbeit wirtschaftlicher, flexibler oder von besserer Qualität sei, sagt Wiebke Paulus, Mitautorin der Studie.
Digitalisierung als Jobkiller oder Mittel gegen Fachkräftemangel?
Inzwischen werde in Zusammenhang mit der Digitalisierung weniger von drohender Arbeitslosigkeit gesprochen, so das IAB. Vielmehr gehe es darum, ob durch den Einsatz neuer Technologien bestehende und zu erwartende Fachkräfteengpässe beseitigt oder gemildert werden könnten. Das Institut weist jedoch darauf hin, dass die Beschäftigung im Durchschnitt in einem Beruf umso weniger stark wächst, je höher die potenzielle Automatisierbarkeit in diesem Beruf ist. Ob dies weiterhin gelte, bleibe jedoch weiteren Analysen vorbehalten.
Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.

