Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer sorgt derzeit mit einem Interview für Diskussionen. Darin hat er als Reaktion auf populäre neue Arbeitszeitmodelle wie die Vier-Tage-Woche eine Reihe von Vorschlägen zur Bewältigung des Arbeits- und Fachkräftemangels gemacht. Unter anderem befürwortet er die Erhöhung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde für jeden Beschäftigten. Wenn jeder Beschäftigte in Deutschland nur eine Stunde mehr pro Woche arbeitet, entspräche das laut der OECD annähernd 1,8 Millionen zusätzlichen Arbeits- und Fachkräften, rechnet Kretschmer vor. Klingt gut, ist auch sicherlich sauber von den OECD-Statistikern durchgerechnet.
Unterstützung erhielt Kretschmer prompt via Linkedin von Michael Hüther, dem Direktor des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft. Auch er sieht eine längere Wochenarbeitszeit als Möglichkeit, die durch den allmählichen Rückzug der Babyboomer aus der Arbeitswelt entstehende Lücke „ein bisschen zu reduzieren“. Eine Vier-Tag-Woche mit reduzierter Arbeitszeit sei dagegen „volkswirtschaftlich gesehen Gift“.
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Ungenutzte Potenziale erkennen
Klar ist eines: Der demografiebedingt dramatisch steigende Arbeitskräftemangel ist schon jetzt ein riesiges und vor allem drastisch wachsendes Problem. Natürlich ist es unumgänglich, über alle erdenklichen Varianten zur Verringerung des Arbeitskräftemangels zu debattieren, von verstärkter Zuwanderung über den Einsatz von KI-Systemen bis hin zur stärkeren Erwerbsbeteiligung beispielsweise von Migrantinnen, Menschen mit Behinderungen oder Schulabbrechern.
Die einen arbeiten ohnehin zu viel, die anderen nutzlos
Aber dass eine zusätzliche Arbeitsstunde tatsächlich ein Äquivalent von 1,8 Millionen Arbeitskräften ist, das ist ein mathematischer Zaubertrick, eine Illusion.
An dem einen Ende der Skala sind diejenigen, die schon heute in einem Mangelberuf arbeiten. Sie würden sich oftmals über nur eine Arbeitsstunde oberhalb der Regelarbeitszeit freuen. Realität beispielsweise in einer bekannten Uniklinik sind Ärztinnen und Krankenpfleger, die sich, wie sie im persönlichen Gespräch berichten, nach der eigentlichen Arbeitszeit ausstempeln – nur um danach sofort wieder an die Arbeit zu gehen, um noch einen Arztbrief zu schreiben, eine Patientin zu entlassen oder Apotheken auf der Suche nach Antiobiotika-Säften für Kinder abzutelefonieren. In anderen Krankenhäusern sieht das sicher nicht anders aus. Würde die Mehrarbeit gegen den Wunsch solcher Mitarbeitenden festgeschrieben, könnte dies noch mehr frustrierte Fachkräfte komplett in die Flucht aus dem Beruf oder in die Teilzeitarbeit treiben.
Am anderen Ende der Skala sind die Heerscharen von Beschäftigten, die, wie der „Slack State of Work Report 2023“ gerade erst in einer Befragung unter weltweit mehr als 18.000 Büroarbeitenden festgestellt hat, mehr als jede dritte Arbeitsstunde mit nutzlosen Tätigkeiten verbringen. Eine Stunde mehr Nutzlosigkeit bringt niemanden etwas. Sinnvoll wäre dagegen eine intelligentere Verwendung der Arbeitszeit.
Die Rechnung ist zu abstrakt
Aber auch im „Mittelfeld“ zwischen den überforderten und den notorisch nutzlos werkelnden Beschäftigten wirkt die Rechnung von Kretschmer, Hüther und der OECD allzu abstrakt. Vermutlich können durch die Zusatzstunde in größeren Produktionsbetrieben mit strikt durchgetakteten Abläufen auf diese Weise tatsächlich weniger Beschäftigte die anfallende Arbeit erledigen. Dass die 41. Arbeitsstunde von Hausmeistern, Handwerkerinnen, Erziehern oder Köchinnen wirklich dazu beiträgt, dass weniger Menschen beschäftigt werden müssen, um das gleiche Arbeitspensum zu erledigen, mag theoretisch korrekt sein, geht aber an der Realität vorbei.
Die Debatte um die besten und erfolgversprechendsten Lösungen gegen den Arbeits- und Fachkräftemangel ist zweifellos notwendig. Rechnerische Zaubertricks jedoch stammen eher aus der Kiste der schillernden Illusionen als aus der realen Arbeitswelt
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

