Frage an die HR-Werkstatt: Wie kann KI im Recruiting eingesetzt werden?
Es antwortet: Jordi Romero, Co-Gründer und CEO des HR-Tech-Unternehmens Factorial
Künstliche Intelligenz (KI) ist aus der aktuellen medialen Berichterstattung kaum wegzudenken. Die rasante Entwicklung der Technologien bietet Unternehmen enorme Chancen, insbesondere im Recruitingprozess. KI-gestützte Lösungen können Unternehmen dabei unterstützen, effizienter und gezielter nach den passenden Kandidatinnen und Kandidaten zu suchen. Viele sich immer wiederholende Prozesse können so automatisiert werden, um mehr Zeit für die zwischenmenschlichen Aufgaben im Recruiting zu gewinnen. In der HR-Szene werden allerdings auch Bedenken und Ängste laut, insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen auf Arbeitsplätze, eines möglichen Missbrauchs von Daten und der Qualität der Ergebnisse.
Aus diesem Grund ist es wichtig, dass sich HR an konkreten Beispielen vor Augen führt, wie KI das Recruiting verbessern kann. Detaillierte Praxisbeispiele verdeutlichen im Folgenden, wie diese Technologie in der Personalbeschaffung erfolgreich eingesetzt werden kann.
Chatbots für effiziente Kommunikation
KI-gestützte Chatbots können Bewerbende auf Karrierewebseiten individuell informieren, indem sie häufig gestellte Fragen beantworten und wichtige Informationen zu freien Stellen, Arbeitsleistungen oder über das Unternehmen bereitstellen. Einfache Chatbots greifen auf eine Datenbank von Informationen und vorgefertigten Antworten zurück und können so allgemeine Anfragen von Bewerbenden beantworten. Fortschrittlichere, lernfähige Chatbots können sogar personalisierte Antworten liefern, basierend auf spezifischen Bewerberanforderungen. Durch den Einsatz von KI können Bewerbende effizient und schnell Antworten auf ihre Fragen erhalten, was die Nutzererfahrung verbessert und das Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber präsentiert.
Ein konkretes Beispiel: Ein Unternehmen, das auf seiner Karrierewebseite einen Chatbot einsetzt, der Bewerbende in Echtzeit bei Fragen und Anliegen unterstützt. Der Chatbot kann ebenso Informationen über offene Stellen, Anforderungen und den Status von Bewerbungen liefern, was Bewerbenden eine rasche Interaktion ermöglicht. Das führt zu einer deutlich schnelleren Rückmeldung für die Bewerbenden, was ihre Candidate Experience positiv beeinflussen kann.
Lebenslauf-Screening mit KI
Das Screening von Bewerbungsunterlagen kann zeitaufwendig sein, insbesondere bei einer großen Anzahl an Bewerbungen. Mithilfe von KI und maschinellem Lernen können Lebensläufe automatisch analysiert und klassifiziert werden, um die besten Kandidatinnen oder Kandidaten für eine Stelle zu identifizieren. Der Ablauf mit KI könnte wie folgt aussehen: Stellenanzeigen werden online veröffentlicht, woraufhin Kandidatinnen und Kandidaten ihre Bewerbung online ausfüllen und ihren Lebenslauf einreichen. Die Bewerbungen gelangen dann in das Bewerbermanagementsystem, wo eine KI auf Grundlage der Angaben ein Profil der Kandidatin oder des Kandidaten erstellt.
Dieses Managementsystem nutzt Lebenslauf-Parsing, das sowohl Stichwortsuche als auch Sprachanalyse verwendet. Dank dieser Technologie können Lebensläufe einfach gescannt und klassifiziert werden. Das spart Zeit und Ressourcen und ermöglicht es den Recruiterinnen und Recruitern, sich auf andere wichtige Aspekte der Personalbeschaffung zu konzentrieren.
Gezielte Verbreitung von Stellenausschreibungen
KI kann das Verhalten potenzieller Bewerbender analysieren und dadurch gezielt Stellenanzeigen auf Plattformen platzieren, auf denen sie eine höhere Sichtbarkeit und Relevanz für die gesuchte Zielgruppe haben. Zusätzlich kann KI anhand von Datenprofilen und Karrierewegen individuelle Stellenangebote für Bewerbende empfehlen. In der Praxis kann ein Unternehmen zum Beispiel KI verwenden, um das Verhalten von Bewerbenden auf verschiedenen Webseiten zu analysieren. Auf Basis dieser Daten wird die Stellenanzeige systematisch auf Plattformen ausgespielt, die von der Zielgruppe bevorzugt genutzt werden.
Die Verwendung von KI in diesem Bereich ist nicht nur ein Fortschritt in der Technologie, sondern auch ein wichtiges Werkzeug, um in Zeiten des Fachkräftemangels Talente zu finden und das Recruiting auf eine neue, innovative Ebene zu bringen.
KI-gestützte Auswahl von Talenten
Auch im nächsten Schritt der Recruiting-Prozesse, nämlich der Auswahl von Kandidatinnen und Kandidaten, kann die KI eine helfende Hand sein. Durch den Einsatz von lernenden Algorithmen können wichtige Informationen über die Bewerbenden automatisch extrahiert und mit bereits vorhandenen Unternehmensdaten abgeglichen werden. Dies beschleunigt die Vorauswahl erheblich und führt zu einem diskriminierungsfreien Hiring – da die Auswahl nicht etwa anhand von Sympathie getroffen werden kann, sondern auf Basis der Fakten, auf die es ankommt, wie der Qualifikation und Eignung für die ausgeschriebene Stelle und die Kompatibilität mit der Firmenkultur.
Ein Beispiel dafür ist das CV-Scanning. Auf Grundlage der ersten Durchsuchung entsteht eine Auswahlliste von Profilen der Kandidatinnen und Kandidaten. Das Recruiting-Team überprüft diese sorgfältig und verfeinert die Liste weiter, um die Lebensläufe in die engere Wahl zu ziehen, die am besten zu den Anforderungen der Stelle passen. Diese Methode trägt dazu bei, sowohl die Qualität der Kandidatenauswahl zu steigern als auch die Zeit- und Kosteneffizienz zu erhöhen.
Diversität im Unternehmen fördern
Bei der Förderung von Diversität in Unternehmen kann KI ebenfalls eine Schlüsselrolle spielen. Durch die Integration von KI-Tools in den Bewerbungsprozess wird es möglich, Voreingenommenheiten zu minimieren und den Fokus auf Kompetenzen und fachliche Eignung der Bewerbenden zu legen, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Sexualität und ähnlichem. Ein Beispiel dafür ist die Blindbewertung von Bewerbungen. KI kann personenbezogene Informationen, die Vorurteile hervorrufen könnten, anonymisieren, sodass die Bewerbenden von den Recruiterinnen und Recruitern ausschließlich aufgrund ihrer Fähigkeiten und Erfahrungen bewertet werden können. Auf diese Weise können Personalverantwortliche die Profile identifizieren, die bei der Einstellung am ehesten erfolgreich sein werden, ohne dass bewusste oder unbewusste Vorurteile den Auswahlprozess beeinflussen.
Damit KI ihre Rolle als nützliches Tool zur Förderung von Diversität im Unternehmen effektiv erfüllen kann, ist es entscheidend, dass sie vorurteilsfrei instruiert und „trainiert“ wird. Nur so kann gewährleistet werden, dass alle Bewerbenden gleiche Chancen erhalten und die besten Talente unabhängig von ihren persönlichen Merkmalen gefunden werden.
Effiziente Analyse von Videokonferenzen
Auch Technologien von Videokonferenzen werden durch den Einsatz von KI immer fortschrittlicher. Die KI-Analyse ermöglicht die Untersuchung von Daten zum Tonfall, den am häufigsten verwendeten Wörtern sowie Mimik und Körpersprache der Teilnehmenden einer Videokonferenz. Diese detaillierte Analyse kann besonders in Bewerbungsgesprächen verwendet werden, um die Reaktionen und Antworten der Bewerbenden effizient zu erfassen und auszuwerten. Hier ist beispielsweise die automatische Transkription und Analyse von Gesprächen während einer Konferenz spannend. Damit können wichtige Informationen schnell erfasst und später ausgewertet werden. Das spart nicht nur Zeit, sondern verbessert auch die Genauigkeit der Informationen.
Keinesfalls darf hierbei allerdings Datenschutz außer Acht gelassen werden: Da bei KI-gestützten Systemen immer auch persönliche Daten verarbeitet werden, müssen Unternehmen sicherstellen, angemessene Datenschutzrichtlinien und Sicherheitsmaßnahmen bereitzustellen. Hier gilt es, sich an die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu halten und sich im Zweifelsfall mit Rechtsexpertinnen und -experten abzustimmen.
Analysen und Berichte mit KI
Durch die Verwendung von Algorithmen kann die KI verschiedene HR-Berichte oder Prognosen auf der Grundlage einer bestehenden Informationsdatenbank erstellen – wie zum Beispiel die Einschätzung, wie viele Leute eingestellt werden müssen oder welche Profile eine hohe Fluktuationsrate haben. Konkret können KI-Systeme anhand verschiedener Kriterien Diversity-Reports generieren und historische Daten zur Mitarbeiterfluktuation analysieren, um mögliche Abgangsmuster zu identifizieren. Dies ermöglicht es HR-Verantwortlichen, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, um die Mitarbeiterbindung zu stärken.
KI ist kein Ersatz, sondern ein Add-on
KI bietet zweifellos eine Vielzahl von Möglichkeiten, das Recruiting zu verbessern und den Personalbeschaffungsprozess effizienter zu gestalten. Der Einsatz kann Zeit sparen und bei repetitiven Aufgaben wie zum Beispiel CV-Screenings Abhilfe schaffen. Jedoch bleiben menschlicher Bezug und Urteilsvermögen unverzichtbar, um faire und nuancierte Entscheidungen im Rekrutierungsprozess zu treffen. Also: KI erweist sich als ein wertvolles Add-on im Recruiting-Prozess, das Zeit spart und bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber unterstützen kann. Dennoch sollte man sie nicht als Ersatz für menschliche Beziehungen betrachten.
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