Personalabteilungen verschenken Potenzial beim Recruiting

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Derzeit sucht ein Sechstel (16 Prozent) der deutschen Berufstätigen aktiv nach einer neuen Stelle. Mit gut einem Viertel (27 Prozent) ist dieser Anteil bei den 25- bis 34-Jährigen am höchsten. Dazu kommt jedoch fast ein Drittel (31 Prozent), das passiv auf Jobsuche ist und sich nach neuen Möglichkeiten umschaut. Auch hier gibt sich die Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren mit einem Anteil von gut einem Drittel (35 Prozent) am offensten gegenüber neuen Jobs, verglichen mit nur neun Prozent bei den Erwerbstätigen ab 45 Jahren. Das zeigt eine aktuelle Studie von CleverConnect, Anbieter von SaaS-Lösungen im Bereich Talent Acquisition. Dafür wurden vom 25. bis 31. Mai dieses Jahres 3.019 Berufstätige ab 18 Jahren in Deutschland, Frankreich und Italien befragt. Die Ergebnisse legen nahe, dass gerade in der Ansprache passiver Kandidatinnen und Kandidaten große Chancen für Unternehmen liegen. Doch tatsächlich finden – abgesehen von der aktiven Bewerbung – mit 29 Prozent die meisten deutschen Befragten über Empfehlungen von Bekannten einen neuen Job. In Frankreich (27 Prozent) und Italien (33 Prozent) sieht es ähnlich aus.

Active Sourcing und Talent Marketing hierzulande weniger im Fokus

Ansonsten unterscheiden sich die Recruiting-Bemühungen hierzulande zum Teil deutlich von denen in den anderen zwei Ländern, die häufiger auch andere Kanäle nutzen. So geben 20 Prozent der Deutschen an, schon über Active Sourcing angesprochen worden zu sein, während es in Frankreich 27 und in Italien 24 Prozent sind. Candidate Relationship Management und Talent Marketing, auch Nurturing genannt, kommen noch weniger zum Einsatz. So haben in Deutschland lediglich zwölf Prozent schon einmal einen Newsletter von einem Unternehmen erhalten, in dem vorgeschlagen wurde, sich auf eins der Stellenangebote zu bewerben – in Frankreich geben dies 17 und in Italien 23 Prozent an. Und nur 14 Prozent der Deutschen wurden von einem Unternehmen kontaktiert, bei dem sie sich vor einiger Zeit beworben und eine Absage erhalten hatten – bei den französischen Befragten bestätigt das fast ein Drittel (31 Prozent) und bei den italienischen Teilnehmern und Teilnehmerinnen ist es mehr als ein Viertel (28 Prozent). Damit verschenkten vor allem die hiesigen Arbeitgeber Potenzial, so die Studie. Immerhin 60 Prozent aller Befragten wollen, dass ein Unternehmen auch nach einer Absage weiterhin mit ihnen in Kontakt bleibt. Ein Drittel erhofft sich durch Aufnahme in den Talent Pool weitere Angebote von offenen Stellen, die dem eigenen Profil entsprechen. Diese Bereitschaft wird von den Unternehmen hierzulande noch wenig berücksichtigt.

„Der derzeitige Arbeitsmarkt ist gefüllt mit passiven Kandidat:innen – und Unternehmen können sich diesen gut erschließen, wenn sie neben dem klassischen Post and Pray-Ansatz auf weitere Recruiting-Maßnahmen wie das Active Sourcing oder den Talent Pool setzen“,

sagt Carl Hoffmann, Co-Founder und COO von CleverConnect.

Ein interessantes Ergebnis für Recruiting-Verantwortliche auf der Suche nach Talenten ist, dass mehr als jeder vierte deutsche Befragte (27 Prozent) absolut offen dafür wäre, sich auf Jobangebote zu bewerben, die nicht genau seinem ursprünglichen Werdegang entsprechen, für die er aber die Kompetenzen besitzt. Weitere 37 Prozent sagen, sie wären mehr oder weniger dazu bereit. Das heißt, die Mehrheit kann sich vorstellen, sich auf solche Stellen zu bewerben.

Auch Bewerbungsprozesse noch verbesserungsfähig

Nicht nur bei der Suche nach qualifiziertem Personal gibt es noch Potenzial, sondern auch beim Bewerbungsprozess: Sind entsprechende Kandidaten und Kandidatinnen vorhanden, verspielen viele Recruiting-Beauftragte Chancen, vor allem auch wegen unzureichender Informationen und zu komplizierter Verfahren. Rund vier von zehn Befragten (38 Prozent) sagen, dass sie sich nicht auf eine Stelle bewerben würden, wenn das Jobangebot nicht detailliert beschrieben ist. Mehr als jeder Dritte (35 Prozent) sieht bei fehlenden Gehaltsangaben von einer Bewerbung ab. Fast ebenso viele (31 Prozent) werden abgeschreckt, wenn die Benutzeroberfläche der Website schlecht und das Absenden der Bewerbung dadurch sehr umständlich ist. Etwas mehr als jeder Vierte (27 Prozent) verzichtet nach eigenen Angaben auf das Einreichen der Unterlagen, wenn in der Stellenbeschreibung keine Informationen zu Unternehmenskultur und Werten vorhanden sind. Der Bewerbungsprozess müsse eine nahtlose, intuitive Candidate Experience sicherstellen, gibt Hoffmann zu bedenken.

ChatGPT bei Bewerbungen bislang von Minderheit genutzt

Im Rahmen der Studie wurden die Teilnehmenden auch dazu befragt, inwiefern sie bei Bewerbungen bereits generative Künstliche Intelligenz in Form von ChatGPT und anderen Tools nutzen, mit denen Inhalte maschinell erstellt werden können. Bislang haben elf Prozent öffentlich zugängliche KI eingesetzt, um beispielsweise Lebenslauf und Bewerbungsschreiben zu erstellen oder sich auf ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten. Bei den 25- bis 34-Jährigen und auch bei den IT-Spezialisten und -Spezialistinnen ist es jeweils knapp ein Viertel. Für die nahe Zukunft kann sich insgesamt nur jeder fünfte Befragte die KI-Nutzung für Bewerbungszwecke vorstellen, lediglich ITler sind mit 34 Prozent offener dafür.

Auch was den Erstkontakt betrifft, setzen die Befragten weniger auf digitale Werkzeuge, sondern bevorzugen die persönliche Kontaktaufnahme: 39 Prozent möchten am liebsten eine persönliche E-Mail des Recruiters oder der Recruiterin erhalten. An zweiter Stelle steht der Telefonanruf mit 25 Prozent, genauso viele möchten gern über LinkedIn oder Xing angesprochen werden. In Frankreich und Italien werden die ersten beiden Kontaktwege stärker bevorzugt.

Eine Zusammenfassung der Studienergebnisse steht hier zum Download bereit.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.