Inklusion: Hat das „sich hineinversetzen“ seine Grenzen?

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Inklusion ist ein Wort, das in den letzten Jahren vermehrt in den öffentlichen Diskurs getreten ist. Doch was bedeutet Inklusion eigentlich – und wie kann ich als weißer, nicht behinderter Mann darüber urteilen?

Diese Fragen kommen mir immer wieder in den Sinn, wenn ich über die Bedeutung von Inklusion nachdenke. Inklusion sollte für alle da sein, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, sozialem Status oder Behinderung. Doch gerade in dieser letzten Kategorie zeigt sich, wie schwer es sein kann, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen.

Als jemand, der die meiste Zeit seines Lebens in der sogenannten „Mainstream-Gesellschaft“ verbracht hat, fehlt mir oft die persönliche Erfahrung, um die Herausforderungen wirklich nachvollziehen zu können, vor denen Menschen mit Behinderungen tagtäglich stehen. Ob es physische, psychische oder intellektuelle Behinderungen sind – die Hindernisse, die sie überwinden müssen, sind oft schwer vorstellbar.

Kann ich wirklich verstehen, was andere erleben?

Als weißer, nicht behinderter Mann stelle ich in vielen Lebenssituationen die „Norm“ dar und erlebe keine Diskriminierung oder Vorurteile.

Eine der größten Gefahren in der Diskussion um Inklusion ist die Annahme, dass wir die Erfahrungen und Bedürfnisse anderer Menschen verstehen können, ohne sie selbst durchlebt zu haben. Hier liegt die Wurzel vieler Vorurteile und Missverständnisse. Oft neigen wir dazu, zu denken, dass wir ausreichend informiert sind oder die „richtige“ Lösung für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen kennen. Doch dabei übersehen wir, dass wir in Wirklichkeit wenig bis gar nichts über ihre Lebensrealität wissen.

Um Inklusion wirklich zu verstehen und zu fördern, müssen wir bereit sein, zuzuhören. Das bedeutet, den Geschichten und Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen Raum zu geben. Es bedeutet, sich in ihre Lage zu versetzen und ihre Bedürfnisse und Wünsche ernst zu nehmen. Inklusion ist kein Konzept, das von außen aufgesetzt werden kann. Es erfordert die aktive Beteiligung und Mitbestimmung derjenigen, die von Inklusion betroffen sind.

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In seiner Kolumne „Ben’s People Perspective“ schreibt Benjamin Visser, der CEO und Founder von allygatr, über HR Tech und die Arbeitswelt. Allygatr ist ein Venture Capitalist, der mehr als ein Dutzend HR-Start-ups aufbaut. Dabei teilt Visser seine einzigartige Sicht auf alles, was Unternehmen und ihre Mitarbeitenden verbindet.


Inklusion ist eine komplexe und wichtige Angelegenheit, die weit über meine persönlichen Erfahrungen und Perspektiven hinausgeht. Als weißer, nicht behinderter Mann kann ich die Realität von Menschen mit Behinderungen nicht wirklich nachvollziehen. Aber ich kann lernen, zuzuhören, mich einsetzen, um eine Gesellschaft zu schaffen, die für alle gleichermaßen zugänglich ist.

HR Tech kann helfen, aber …

Auch HR Tech kann dabei helfen. So saß ich erst jüngst mit dem Gründer und CEO von wondder.io zusammen (Anm. d. Red.: wondder ist eine Beteiligung von allygatr). Wir sprachen darüber, wie Virtual Reality (VR) dabei helfen kann, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Durch die VR-Experiences von wondder kann Man(n)schon jetzt am eigenen (virtuellen) Leib erfahren, wie Frauen in Führungsrollen noch immer diskriminiert werden. Das Start-up arbeitet aktuell an weiteren VR-Experiences: Zum Beispiel auch, damit Nutzer und Nutzerinnen erfahren können, wie Menschen mit bestimmten Behinderungen unsere (Arbeits-)Welt erleben.

Ist das schon die ganze Lösung? Nein – aber hilft es, Menschen, die benachteiligt werden, besser zu verstehen? Vielleicht etwas. Inklusion ist eine Verpflichtung, die wir alle gemeinsam tragen müssen, unabhängig von unserer Hautfarbe, Geschlecht oder unserer eigenen Lebenserfahrung. Und diese Verpflichtung beginnt damit, anzuerkennen, dass wir nicht alles wissen und verstehen, sondern bereit sind, uns zu informieren und zuzuhören, um echte Veränderungen zu bewirken.

Wollen wir heute damit anfangen?

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Unsere Oktober-Ausgabe 2023 widmet sich in der Titelstrecke dem Thema Inklusion. Alle Beiträge finden Sie als Abonnentin oder Abonnent im E-Paper – im Laufe des Monats erscheinen auch weitere Inhalte zum Thema auf unserer Themenseite Inklusion.