1987: Soziale Netzwerke und Künstliche Intelligenz

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Menschen mit etwas mehr Lebens- und Arbeitserfahrung kennen vermutlich das Gefühl, dass sich bestimmte Entwicklungen in mehr oder weniger regelmäßigen Zyklen wiederholen: Mal werden Leistungen outgesourct, dann wieder zurück ins Unternehmen geholt. Mal gibt es einen Arbeitgebermarkt, mal sitzen die Arbeitnehmer am längeren Hebel. Sich wiederholende Muster fallen – bei allen Unterschieden und Fortschritten – auch beim Lesen der alten Personalwirtschaftsbände ins Auge und damit auch bei der Personalarbeit.

Immerwährender Wertewandel

Was treibt Menschen, insbesondere jüngere, in der Berufswelt an? Um aktuell für Nachwuchstalente attraktiv zu sein, muss eine Organisation einen Purpose haben. Sie sollte für bestimmte Werte wie Nachhaltigkeit und Diversity stehen und eine übergeordnete Mission verfolgen, die sie für die Fridays-for-Future-geprägte Generation Z interessant macht. So ungefähr lautet heute das Credo in der Employer-Branding-Welt.
Gleichzeitig wird Berufseinsteigern und Berufseinsteigerinnen (vor allem arbeitgeberseitig und aus Teilen des politischen Ökosystems) nahegelegt, sich doch bitteschön kräftig ins Zeug zu legen. Mehr Leistungsbereitschaft und weniger Ponyhof sei angesichts des demografischen Umbruchs das Gebot der Stunde.

Anfang 1987 schrieb ein Autorenduo der Verwaltungshochschule Speyer über „Werteorientierte Arbeits- und Organisationsgestaltung als Motivierungskonzept“ und stellte fest, dass der Wertewandel der 60er- und 70er-Jahre Schwierigkeiten bei der Arbeits- und Leistungsmotivation im Unternehmen mit sich gebracht hätten. Das Pflichtgefühl habe nachgelassen und gleichzeitig sei die subjektive Bedeutung von Selbstentfaltungswerten gestiegen. Die Lösung, die die Autoren für dieses „Problem“ anbieten, ist eine „Wertsynthese“, in der die Unternehmenswerte und die individuellen Werte der Beschäftigten im Einklang stehen und sich stetig weiterentwickeln sollen. Es brauche „wenig Hierarchie und viel informelle Kommunikation“, man müsse auch den „Partizipations- und Selbstbestimmungsbedürfnissen“ der Menschen Rechnung tragen. Anscheinend gilt in der Arbeitswelt ebenso wie überall, dass nichts so beständig ist wie der (Werte-)wandel und eine daraus resultierende Neuorientierung.

Zahl des Jahres: 35-Stunden-Woche

Ein gewisses Déja-vu-Gefühl macht sich auch bei der Lektüre der Februarausgabe von 1987 breit: Es geht um die Tarifverhandlungen in der Metallindustrie. Diese seien „wieder schwierig“, denn die „Gewerkschaftsseite fordert die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich, ohne wesentliche Zugeständnisse in Richtung Arbeitszeitflexibilisierung machen zu wollen“. Die Arbeitgeberseite hingegen wolle mehr Flexibilität bei möglichst geringer Arbeitszeitverkürzung. Kommt Ihnen das bekannt vor? Was die IG Metall vor fast 40 Jahren einforderte, verlangen heute die Lokführer und Lokführerinnen. Wie die Verhandlungen der IG Metall damals ausgingen, ist längst Geschichte. Der gerade beigelegte Konflikt zwischen Bahn und GDL lässt grüßen.

Auch ein anderer Beitrag, vom Mai 1987, ist so aktuell wie eh und je. Im Ressort „Neue Techniken am Arbeitsplatz“ konstatiert der Autor Josef Becker, dass das Vordringen von Informationstechnologien Arbeitsplätze und Anforderungen an die Mitarbeiter so verändere, dass die Bildungsbudgets überproportional steigen müssten. Die Schnelligkeit der technischen Entwicklungen bewirke, dass „memorierbares Einzel- und Faktenwissen an Bedeutung“ verliere und Lernfähigkeit zu einem „immer bedeutenderen Lerninhalt im lebenslangen Lernprozess“ werde. Und weiter: „Wenn qualifizierte Arbeitnehmer am Arbeitsmarkt nicht gefunden werden können, müssen sie eben im Unternehmen selbst qualifiziert werden.“

Beruf des Jahres: Bürokauffrau

Alle Versuche, technische Berufe für Frauen attraktiv zu gestalten, nutzten im Jahr 1987 nur wenig. Drei Viertel aller beschäftigten Frauen arbeiteten in Dienstleitungsberufen, weit vorne lag die Bürokauffrau vor der Verkäuferin, der Raumpflegerin und der Stenotypistin, erst dann folgten Krankenschwester und Sprechstundenhilfe. Seither hat sich die Berufswahl junger Frauen zumindest ein bisschen geändert: Stenotypistinnen sind eine nahezu ausgestorbene Spezies und die Lieblingsausbildungsberufe 2023 waren die Medizinische- und Zahnmedizinische Fachangestellte sowie die Kauffrau für Büromanagement.

Wort des Jahres I: Soziale Netzwerke

Facebook, LinkedIn, Twitter und Co gab es in den späten 80ern selbstverständlich noch nicht – schließlich wurde das World Wide Web erst einige Jahre später erfunden. Trotzdem findet sich in der Juliausgabe eine verblüffende Überschrift: „Nutzung sozialer Netzwerke“ heißt es dort.

Gemeint ist das gute alte „Vitamin B“, also die Rekrutierung neuer Beschäftigter mithilfe vorhandener Kontakte. Das seien insbesondere im gewerblichen Bereich die Mikis (Mitarbeiterkinder) und Kukis (Kundenkinder) an dem einen Ende der Skala. Am anderen Ende seien die Topmanager, die direkt oder indirekt von Personalberatern angesprochen würden. Ganz unkritisch werden solche „Seilschaften“ nicht gesehen, diese könnten unter Umständen „schwer kontrollierbar seien“.

Wort des Jahres II: Künstliche Intelligenz

Wir schreiben das Jahr 2024 – seit über einem Jahr wälzen Large Language Modelle wie ChatGPT die Arbeitswelt um. „Künstliche Intelligenz“ ist die große Hoffnung und der große Angstmacher gleichzeitig. Doch so richtig neu ist das alles nicht: Im September 1987 schrieb der Siemens-Mitarbeiter Rudolf Lambrecht in der Personalwirtschaft eine episch lange Analyse zu den neuen Herausforderungen und Chancen von „Computer-Telekommunikation und Künstlicher Intelligenz“. Vieles von dem, was er damals beschrieb, ist längst Gewohnheit, manches aber erstaunlich aktuell: „der natürlichsprachige Zugang zu Datenbanken und Expertensystemen via Mikrofon wird immer mehr Raum gewinnen. (…) Dabei handelt es sich um Computerprogramme, mit denen das Spezialwissen sowie die Schlussfolgerungs- und Erklärungsfähigkeit menschlicher Experten (…) in einem Computer nachgebildet werden.“

Info

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.