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Pflicht zur Bildschirmpause: Was können Mitarbeitende tun?

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Eines ist durch die Arbeitsstättenverordnung klar: Arbeitgeber müssen ihren Mitarbeitenden ermöglichen, regelmäßig Pause von Bildschirmgeräten zu machen. Unklar ist allerdings, wie genau diese Bildschirmpause aussehen soll. Wie lang soll sie sein? Wie häufig soll sie genommen werden? Und was sollen Mitarbeitende während ihrer Zeit fern vom Bildschirm bearbeiten? Diese Fragen werden nicht in der Gesetzgebung aufgegriffen und lassen Arbeitgebern sowie Arbeitnehmenden damit Spielraum zur eigenen Ausgestaltung. Was ist hier besonders sinnvoll?

Das Computer-Vision-Syndrom vermeiden

Um diese Frage zu beantworten, müssen Arbeitgeber zunächst verstehen, wie die Arbeit am Bildschirm die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden belasten kann. „Eine Folge des ständigen Schauens auf den Bildschirm kann das sogenannte Computer Vision Syndrom (CVS) sein“, sagt Sebastian Kuss, ärztlicher Leiter Digital Praxis bei Meliva Deutschland sowie Experte für digitale und mentale Gesundheit. „CVS verursacht Symptome wie trockene Augen, verschwommenes Sehen, Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen.“

Hendrik Heinzmann vom BGM-Anbieter SPORTIVATION fügt hinzu: Die Bildschirmarbeit belaste die Augen einseitig, wodurch viele Menschen kurzsichtig werden können. „Gerade im Jugendbereich sehen wir das“, so Heinzmann. „In Japan leiden bereits bis zu 90 Prozent der Jugendlichen an Kurzsichtigkeit.“ Wer trotz Augenmüdigkeit weiter am Monitor arbeitet, kann später die Sehkraft nur noch schwer korrigieren.

Noch anstrengender für unsere Augen wird der Blick auf den Bildschirm, wenn dieser schlecht zum Tageslicht platziert ist. Unter anderem Expertinnen und Experten der Krankenkasse Techniker sagen: Wenn sie gleichzeitig ins Helle blicken, zum Beispiel auf die Fensterfront, und auf Ihren dunkleren Bildschirm, müssen unsere Augen den Wechsel zwischen hell (Tageslicht) und dunkel (Bildschirm) ständig neu einstellen. Deshalb sollte der Monitor so aufgestellt sein, dass unsere Blickrichtung auf den Bildschirm parallel zum Fenster verläuft und nicht zum Fenster hin. Er sollte sich zudem nicht direkt, sondern zwischen Deckenlampen befinden. Bildschirme, die ihre Helligkeit an die Tageszeit anpassen, können hier ebenfalls für Entlastung sorgen.

Doch BGM-Experte Heinzmann erinnert an ein weiteres Problem bei der Bildschirmarbeit. Unsere Körper sind für Bewegung gemacht, und nicht dafür, mehr als acht Stunden zu sitzen und auf einen Bildschirm zu schauen. Im Umkehrschluss heißt das: Wir schaden unserer Gesundheit durch die Bildschirmarbeit und müssen deshalb zwischendurch immer wieder einen Ausgleich finden.

20 Sekunden können den Unterschied machen

Diesen Ausgleich in den oft stressigen und vor dem Bildschirm durchgetakteten Arbeitsalltag zu integrieren, ist allerdings für viele Menschen eine Herausforderung. Deshalb sollten die Bildschirmpausen laut Heinzmann recht kurz und niedrigschwellig sein sowie keine zusätzliche Belastung darstellen. Eine gute Orientierung stellt hierbei die 20-20-20-Regelung dar. Sebastian Kunz erklärt: Alle 20 Minuten sollten Mitarbeitende eine 20-sekündige Pause vom Bildschirm einlegen und etwa in 20 Fuß Entfernung (rund 6 Meter) betrachten. Das trainiere die Augen und vermeide eine einseitige Augenbelastung. Für den Rest des Körpers und den Geist sei es zudem wichtig, sich zwischendurch zu bewegen und frische Luft in den Arbeitsraum zu lassen. Das bringe das Herz-Kreislauf-System in Schwung und halte die Konzentration und Produktivität aufrecht.

Wer es aufgrund von langen Meetings nicht schafft, sich an die 20-20-20-Regelung zu halten, für den hat David Bausch, Experte für digitalen Stress und stellvertretender Abteilungsdirektor People & Transformation bei der Commerzbank, einen Tipp. Spätestens nach zwei Stunden sollte man eine Pause von 10 bis 15 Minuten nehmen. „Diese immer noch recht kleinen Pausen sind für die Mitarbeitenden von größerer Bedeutung, als oft angenommen wird“, sagt Bausch. „Sie können zugleich äußerst effizient und effektiv genutzt werden.“

Ohne Bildschirm muss die Arbeit nicht stoppen

So könnten Mitarbeitende während der Pausen ihre nächsten Arbeitsschritte gedanklich oder auf Papier visualisieren oder etwa Raum für ihre Kreativität schaffen. Denn: „Kreative Lösungen und Ideen entstehen oft leichter, wenn man den Bildschirm hinter sich lässt.“ Das gehe gut bei einem Spaziergang. Dieser könne übrigens auch für Einzelmeetings genutzt werden und reduziere generell die digitale Stressbetroffenheit, da die Mitarbeitenden so der Kommunikationsflut an (Chat-)Nachrichten während dieser Zeit nicht ausgesetzt sind.

Heinzmann hält noch ein paar Tipps für das digitale Detox bereit. Statt eine E-Mail oder Nachricht zu schreiben, könnten Mitarbeiter den entsprechenden Kollegen oder die bestimmte Kollegin auch einfach am Tisch besuchen oder sie anrufen und dabei im Raum herumlaufen oder in die Ferne schauen. Zudem sollte die Mittagspause, wenn möglich, draußen und fernab von jeglichem Bildschirm verbracht werden. Auch Telefonate können draußen und somit in einem anderen Lichtverhältnis geführt werden – etwas, das gut für Körper, Geist und auch die Augen ist.

Wer als Bildschirmarbeiter oder -arbeiterin im Berufsalltag gezielt etwas für die Augengesundheit tun möchte, könne zudem regelmäßig kurz die Augen schließen, sie kreisen lassen, in alle möglichen Richtungen schauen und/oder gezielt blinzeln.

Neue Gewohnheiten zu entwickeln ist nicht leicht

Gewohnte Arbeitsroutinen und Verhaltensweisen zu durchbrechen, ist trotz der Niedrigschwelligkeit der genannten Bildschirmpausen schwer. Das weiß auch BGM-Experte Heinzmann. Seiner Erfahrung nach kann es hier helfen, die Pausen an bestimmte Handlungen zu knüpfen, die ohnehin schon Teil des Arbeitsalltags sind, oder den Bildschirmpausen in der Gruppe nachzugehen. Wie wäre es beispielsweise, bei jedem Telefonat im Raum herumzulaufen, nach jedem Meeting kurz die Augen zu schließen, bewusst durchzuatmen und den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, und Brainstorming-Meetings immer mit Spaziergängen zu verbinden? Auch hilfreich könnte es laut Heinzmann sein, sich durch Post-its am Bildschirm oder Timer auf dem Handy an Bildschirmpausen zu erinnern.

Prinzipiell gelingt Menschen eine Verhaltensänderung besser, wenn sie schnell positive Effekte durch die neue Gewohnheit spüren. „Es muss recht zeitnah einen Erfolg geben“, sagt Heinzmann. Arbeitgeber könnten diesbezüglich überlegen, ob sie das Nehmen von Bildschirmpausen belohnen oder Gesundheitstests anbieten, die einen Vorher-Nachher-Effekt aufzeigen können. Und schließlich könne auch Aufklärung über die Nebenwirkungen von Bildschirmarbeit Mitarbeitende dazu motivieren, Bildschirmpausen zu nehmen.

Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch Themen aus den Bereichen Recruiting, Employer Branding und Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit.