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Jobwechsel: Bewerbende wollen vor allem Sicherheit

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Massenentlassungen, eine bröckelnde Konjunktur und eine Welt im Umbruch: Die Unsicherheiten (nicht nur) auf dem Arbeitsmarkt verändern die Prioritäten der Beschäftigten. Eine aktuelle Studie zeigt, dass immer mehr Menschen einen Jobwechsel nicht aus finanziellen Gründen oder wegen Karrierechancen in Erwägung ziehen, sondern aus Sorge um ihre berufliche Zukunft.

Laut dem jüngsten Jobwechsel-Kompass, einer gemeinsamen Untersuchung der Königsteiner Gruppe und der Jobplattform stellenanzeigen.de, ist die Wechselbereitschaft im Laufe des vergangenen Jahres zwar relativ konstant geblieben. Nach wie vor gibt etwa ein Drittel der Befragten (31 Prozent) an, einen Jobwechsel in Betracht zu ziehen. Gleichzeitig schwindet das Vertrauen in die eigenen Jobchancen: Nur noch 56 Prozent der Befragten bewerten ihre Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt als gut oder sehr gut – ein Rückgang um sieben Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr.

Viele sind um den eigenen Arbeitsplatz besorgt

Das wiederum ist eine mögliche Erklärung dafür, dass für 76 Prozent der Wechselwilligen der Wunsch nach größerer Jobsicherheit der Hauptbeweggrund ist. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Befragten gibt an, aufgrund der wirtschaftlichen Lage um den eigenen Arbeitsplatz besorgt zu sein. Für 46 Prozent hat sich diese Sorge in den vergangenen zwei Jahren noch verstärkt.

Dennoch gibt es Hoffnungsschimmer: Besonders junge Arbeitnehmende zwischen 18 und 29 Jahren zeigen sich mit Blick auf ihre Karriere optimistisch. Fast die Hälfte (48 Prozent) dieser Altersgruppe rechnet damit, dass sich ihre Jobperspektiven in den kommenden zwölf Monaten verbessern werden. Zum Vergleich: In der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen sind es nur 18 Prozent.

Akademikerinnen und Akademiker besonders wechselbereit

Entsprechend hoch ist die Wechselbereitschaft unter jüngeren Erwerbstätigen und Akademikerinnen. 44 Prozent der 18- bis 29-Jährigen sind aktuell offen für einen neuen Job, bei den 30- bis 39-Jährigen sind es 43 Prozent. Auch unter Hochschulabsolventinnen liegt die Wechselbereitschaft mit 39 Prozent über dem Durchschnitt. Dagegen erwägen nur 26 Prozent der nicht akademischen Fachkräfte einen Jobwechsel.

Peter Langbauer, Geschäftsführer von stellenanzeigen.de, sieht im Optimismus der jüngeren Arbeitnehmenden eine Chance für Unternehmen: „Junge Fachkräfte sind anpassungsfähig und offen für neue Herausforderungen. Arbeitgeber sollten diese positive Grundhaltung nutzen und gezielt Perspektiven für junge Talente schaffen.“

Öffentlicher Dienst wird immer attraktiver

Zu der Erkenntnis des Job-Kompasses, dass Sicherheit derzeit ein zentraler Grund für den Jobwechsel ist, passen auch die Ergebnisse einer Befragung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY unter 2.000 Studierenden vom August 2024: Immer mehr Bewerbende zieht es in den öffentlichen Dienst. Fast jede und jeder vierte Befragte (24 Prozent) gibt an, dass der öffentliche Dienst für sie als Arbeitgeber besonders attraktiv sei. Knapp jede dritte Studentin (30 Prozent, 2022: 34 Prozent) kann sich eine berufliche Zukunft bei „Vater Staat“ sehr gut vorstellen – bei den Studenten sind es dagegen nur halb so viele (17 Prozent).

Unter den „High Potentials“, also der Gruppe an Studierenden, die als besonders talentiert und begabt gelten, bevorzugen weniger Befragte einen Job beim Staat. Im Jahr 2022 wollten noch 23 Prozent von ihnen in den öffentlichen Dienst, während es 2024 nur noch 16 Prozent sind.

Ein „Traumjob“ ist eine Stelle im öffentlichen Sektor offenbar aber nicht: Laut den Expertinnen und Experten von EY sehen die Bewerbenden den öffentlichen Dienst als sicheren, aber nicht besonders inspirierenden Arbeitgeber. Zudem gestaltet der öffentliche Dienst seine Recruiting-Prozesse unnötig kompliziert, was seiner Attraktivität als Arbeitgeber nicht eben zuträglich ist.

Nathalie Mielke, Partnerin & Talent Leader Assurance bei EY betont, dass die Wahl des öffentlichen Dienstes eher als „Zweckehe“ und weniger als leidenschaftliche Entscheidung betrachtet wird. „Andere Branchen werden allgemein viel attraktiver eingeschätzt“, so Mielke. So würde die IT-/Software-Branche von mehr als der Hälfte der Befragten (57 Prozent) als sehr attraktiv bewertet, im Berufsfeld Wissenschaft sind es noch 39 Prozent der Befragten.

Motivation sinkt, Wechselbereitschaft auch

Dass die Mitarbeitenden hierzulande in ihrem bisherigen Job momentan wenig motiviert sind – und somit zumindest potenziell wechselwillig –, zeigt der unlängst veröffentlichte Gallup Engagement Index. Laut Index haben nur noch neun Prozent der deutschen Beschäftigten eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber – ein historischer Tiefstand. Gleichzeitig leisten 78 Prozent nur noch Dienst nach Vorschrift. Heißt: Wer sich ohnehin wenig mit seinem Arbeitgeber identifiziert, wird sich bei steigender Unsicherheit schneller nach Alternativen umsehen – mit der Einschränkung, dass die neue Stelle auch eine entsprechende Sicherheit mit sich bringen sollte. Automatisch zu einer höheren Fluktuation führt das allerdings nicht.

Für die Unternehmen, die auf der Suche nach qualifizierten Fachkräften sind, haben die durchwachsenen Ergebnisse des Jobwechsel-Kompasses auch ein Gutes: Wenn es ihnen gelingt, Bewerbenden die gewünschte Stabilität und langfristige Perspektiven zu bieten, könnten sie dadurch einen entscheidenden Vorteil bei der Gewinnung und Bindung von Talenten haben.

Info

Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Arbeitsrecht und Regulatorik und verantwortet die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.