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Weniger gesucht: Warum HR jetzt in Nachwuchs investieren sollte

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Wer als Berufseinsteiger oder Berufseinsteigerin derzeit einen Job sucht, hat es schwieriger als zuletzt. Wie eine Analyse von Stepstone des eigenen Datenbestands zeigt, lag der Anteil der Stellenanzeigen, die sich explizit an Einsteigerinnen und Einsteiger richten, nur halb so hoch wie im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre (-45 Prozent). Auch die Zeit, die die Zielgruppe auf Jobsuche verbringt, ist laut der Analyse gestiegen.

Im Median verschicken junge Akademikerinnen und Akademiker im Median 40 Bewerbungen, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Menschen mit einer Ausbildung benötigen 26 Bewerbungen. Junge Talente mit Hochschulabschluss brauchen dafür rund sieben Stunden, Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen benötigen fünf Stunden für einen Bewerbungsprozess.

Die Schwierigkeiten für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger liegen vor allem in der andauernden Wirtschaftskrise begründet, sagt Dr. Tobias Zimmermann, Head of Insights & Creation bei Stepstone. „Unternehmen halten sich aufgrund der Unsicherheit und aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage zurück“, sagt er. Und das treffe eben insbesondere die Einsteigerinnen und Einsteiger – da diese vor allem eine Investition in die Zukunft sind und sich ihre Einstellung daher möglicherweise erst später rechnet.

Welche Rolle spielt KI?

Die Stellenbörse Indeed hat in einer eigenen Analyse einen weiteren Grund identifiziert, wobei sich ihre Erkenntnisse auf den IT-Bereich in den USA beziehen. Hier sollte erwähnt werden: Es handelt sich lediglich um eine zeitliche Korrelation. Ähnlich wie bei Stepstone hat man dort in den vergangenen fünf Jahren einen sinkenden Anteil von ausgeschriebenen Junior-Stellen registriert. Interessant ist aber: „Während die Zahl der Tech-Stellen bereits seit Mitte 2022 zurückging, stiegen die Anforderungen an Berufserfahrung erst Anfang 2023, also kurz nach der Veröffentlichung von ChatGPT-3“, wie es in der Pressemitteilung heißt. „Der Stellenmarkt im US-Tech-Sektor liefert erste Evidenz dafür, dass Einstiegsjobs stärker vom Wandel durch KI betroffen sind als Stellen für Berufserfahrene“, wird dort die unternehmenseigene Ökonomin und Arbeitsmarktexpertin Dr. Virginia Sondergeld zitiert.

Auch wir hatten über das Phänomen, dass in einigen Branchen insbesondere Einstiegsjobs zukünftig häufiger von KI übernommen werden könnten, berichtet:

Stepstone-Experte Zimmermann glaubt aber, dass der IT-Jobmarkt hier einen Sonderfall darstellt. „In vielen Unternehmen sind wir ja noch weit davon entfernt, dass KI wirklich wertschöpfend ist“, sagt er – und das dürfte sich laut ihm wohl auch nicht so schnell ändern.

Ähnlich scheint laut einer Umfrage von Hibob unter Personalerinnen und Personalern das Meinungsbild in der HR-Szene zu sein. Demnach bestätigen zwar 93 Prozent der Befragten, dass KI bereits Aufgaben erledigt, die bislang in das Aufgabenfeld von Juniorinnen und Junioren fielen. Doch nur 15 Prozent glauben, dass dadurch die Zahl der Einstellungen in diesem Bereich sinkt.

Allerdings ist es schon so, dass in Bereichen mit wenig Digitalisierungspotenzial der Anteil der Stellenanzeigen für Berufsanfängerinnen und -anfänger nicht so stark gesunken ist. In manchen Bereichen ist er sogar gestiegen. Im Bildungsbereich liegt der Anteil knapp doppelt so hoch wie im Fünf-Jahres-Schnitt, im Handwerk immerhin eineinhalb Mal so hoch. Zimmermanns Erklärung: „Der Fachkräftemangel ist keineswegs verschwunden. In den entsprechenden Bereichen spiegelt sich das im Stellenmarkt.“

Wann geht’s wieder bergauf?

Spätestens, wenn die Demografielücke sich noch stärker niederschlägt – oder eben, wenn es mit der Wirtschaft wieder bergauf geht –, dürfte sich der Jobmarkt auch für Einsteigerinnen und Einsteiger wieder erholen, ist Zimmermann sicher. Weshalb HR zumindest in den Unternehmen, die es sich leisten können, gerade jetzt Ausschau nach Talenten halten sollte. Schließlich seien die momentan leichter zu finden und an sich zu binden. „Und das kann auf Dauer billiger sein, als dann loszulaufen, wenn alle anderen es auch tun.“ Er rät HR daher, mit Daten etwa zu sich ankündigenden Verrentungswellen zu argumentieren. „Wir verlieren sieben Millionen Arbeitskräfte bis 2035, und in Umfragen wird der Fachkräftemangel noch immer unter die größten Erfolgshemmnisse gewählt“, sagt er.

Mit der richtigen Argumentation sollte HR es laut Zimmermann schaffen, die Unternehmensleitung zu überzeugen, auch in der Krise Nachwuchs zu rekrutieren, um für bessere Zeiten vorzusorgen – zumal das finanzielle Risiko bei Einstiegsstellen signifikant kleiner ist als bei hochbezahlten Senior-Stellen.

Info

Matthias Schmidt-Stein koordiniert die Onlineaktivitäten der Personalwirtschaft und leitet gemeinsam mit Catrin Behlau die HR-Redaktionen bei F.A.Z. Business Media. Thematisch beschäftigt er sich insbesondere mit den Themen Recruiting und Employer Branding.