Wandel in der Vergütung: Teamboni bekommen eine neue Bedeutung

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Aktuelle Entwicklungen zeigen einen klaren Trend bei Vergütungssystemen: Immer mehr Unternehmen verabschieden sich vom klassischen Indiviualbonus und setzen stattdessen auf kollektive Anreizsysteme. Was treibt diese Transformation an?

Bonuszahlungen sind für 66 Prozent der Beschäftigten ausschlaggebend für ihre nächste Jobwahl. Doch 44 Prozent rechnen nicht einmal damit, einen Bonus zu erhalten. Auf diese Diskrepanz weist die Robert Walters Gehaltsstudie hin. Noch dramatischer: Die durchschnittliche Bonushöhe für Führungskräfte ist von 20 Prozent des Gehalts im Jahr 2023 auf nur noch 6 bis 10 Prozent im Jahr 2024 geschrumpft.

Diese Zahlen spiegeln einen Wandel wider. Unternehmen experimentieren mit ihren Vergütungsmodellen und suchen solche, die besser zu modernen Arbeitsformen passen. Das belegt auch die Benefits und Wellbeing Studie Deutschland 2024/25 von Mercer. Demnach haben 30 Prozent der 111 teilnehmenden Unternehmen – diese repräsentieren knapp eine Million Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – ihre Benefitlandschaft bereits grundlegend modernisiert. Weitere 26 Prozent planen dies. Der Fokus verschiebt sich dabei von individuellen Boni zu flexiblen, teamorientierten Bonussystemen.

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Was die Forschung über Teamboni verrät

Das passt zu Forschungsergebnissen, die Dr. Matthias Sutter, Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Max-Planck-Instituts, bereits im Jahr 2023 vorlegte und die auf einer Feldstudie in Bäckereifilialen basieren. Demnach erzielten deutsche Bäckereifilialen, die einen Teambonus gewährten, etwa 3 Prozent höhere Umsätze als solche, die keinen Teambonus auszahlten. Die Gewinne stiegen um 2,10 Euro pro investiertem Euro Bonuszahlung. Besonders aufschlussreich: Der Effekt war bei Teams, die bisher ihre Ziele verfehlt hatten, stärker ausgeprägt.

Das heißt: Gute Teams brauchen keinen Bonus – schwächere dagegen profitieren überproportional davon. Eine weitere Erkenntnis aus der Studie: Jüngere Belegschaften profitieren stärker als ältere von einem Teambonus, während der Effekt mit steigender Anzahl an Personen, die einen Minijob haben, abnimmt.

Unternehmen müssen umdenken

Für Unternehmen ist es dringend angeraten, umzudenken, denn Mitarbeitende empfinden klassische Individualbonussysteme oft als demotivierend und unfair. Sie tragen daher nicht zur Motivation und Bindung der Beschäftigten bei. Teamboni hingegen können, sofern sie richtig eingesetzt werden, das Engagement der Mitarbeitenden steigern und die Bindung erhöhen.

Dass viele Mitarbeitende kaum eine Bindung an ihren Arbeitgeber haben, zeigen die – alarmierenden – Zahlen des Gallup Engagement Index Deutschland 2024: Zum ersten Mal in der Geschichte der Erhebung hatten im Jahr 2024 nur noch einstellige Prozentsätze der Beschäftigten eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber. Das heißt: Die überwältigende Mehrheit macht Dienst nach Vorschrift.

Diese schwache Bindung zeigt sich auch in der hohen Wechselbereitschaft der Beschäftigten: Nur noch etwa jeder dritte Arbeitnehmende (34 Prozent) hat die feste Absicht, in drei Jahren noch beim aktuellen Arbeitgeber zu sein. Die volkswirtschaftlichen Kosten dieser inneren Kündigung sind immens und werden auf mindestens 113,1 Milliarden Euro in Deutschland im Jahr 2024 beziffert – Zeit für Unter-nehmen, motivierende Vergütungsmodelle einzusetzen.

Agile Methoden als Katalysator

Auch die Verbreitung agiler Arbeitsmethoden beschleunigt den Trend hin zur Belohnung von Teamleistungen. Das liegt daran, dass zu Teams, die in Sprints arbeiten und gemeinsam für Produktinkremente – also die potenziell lieferbaren Teilergebnisse eines Sprints in der agilen Entwicklungsmethode – verantwortlich sind, keine individuellen Bonussysteme passen. Sinnvoller sind OKRs (Objectives and Key Results), die transparent den Fokus auf gemeinsame Ziele legen.

Auch der Trend hin zu mehr Künstlicher Intelligenz (KI), den die KI-Studie 2024 des Beratungsunternehmens Deloitte belegt, erfordert neue Ideen bei der Vergütung, da die technologische Transformation Teamarbeit auf höchstem Niveau erfordert. Einzelkämpferinnen und -kämpfer haben in KI-Projekten keine Chance. Das muss sich auch in der Vergütung – und zwar in Teamboni – niederschlagen.

Die praktische Umsetzung von Teamboni bleibt herausfordernd. Moderne Ansätze gehen über eine simple Gleichverteilung hinaus:

  • Algorithmische Verteilung: Unternehmen experimentieren mit KI-basierten Systemen, die Team-beiträge analysieren und faire Verteilungsschlüssel vorschlagen. Die Akzeptanz steigt, wenn die Kriterien transparent sind.
  • Peer-Review-Systeme: Teams bewerten gegenseitig ihre Beiträge. Diese 360-Grad-Perspektive reduziert Willkür und erhöht die gefühlte Fairness.
  • Hybride Modelle: Teams erhalten eine Grundprämie (70 bis 80 Prozent) und zusätzlich eine individuelle Komponente, basierend auf Peer-Feedback oder besonderen Leistungen.

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Benefits und Boni verschmelzen

Ein weiterer Trend: Die strikte Trennung zwischen Boni und Benefits verschwimmt zunehmend. Die YouGov-Befragung zeigt: Am beliebtesten sind Benefits rund um Mobilität wie Mobilitätsbudget, Tankgutscheine und Jobrad. Fast gleichauf liegt die betriebliche Altersvorsorge (bAV).

Innovative Unternehmen kombinieren flexible Benefitsysteme mit Teamboni: Teams können gemeinsam entscheiden, ob sie ihren Bonus als Geldleistung, zusätzliche Urlaubstage oder Weiterbildungsbudget nutzen. Diese Wahlfreiheit erhöht die Wertschätzung und passt zu den unterschiedlichen Lebensphasen der Mitarbeitenden.

Auch ein Blick auf die Gehaltsentwicklung 2025 von Kienbaum zeigt: Teamboni werden zum strategischen Instrument. Schließlich schwinden die Unterschiede zwischen Hierarchieebenen. Fachkräfte und Führungskräfte erhalten ähnliche Gehaltssteigerungen. Der Gehaltsdruck bleibt also hoch.

Teamboni ermöglichen Unternehmen, Kosten zu kontrollieren, indem an alle der gleiche Bonus ausgeschüttet wird. Gleichzeitig signalisieren sie Fairness. Das ist gerade im Hinblick auf die jungen Generationen wichtig, die nicht eine maximale Individualvergütung, sondern faire, transparente Systeme fordern.

Fazit: Evolution, nicht Revolution

Der Wandel vom Individual- zum Teambonus ist keine plötzliche Disruption, sondern eine Anpassung an veränderte Arbeitsrealitäten. Längst nicht alle sind vom Teambonustrend überzeugt. Die Treiber des Trends sind jedenfalls vielfältig: sinkende Mitarbeiterbindung, agile Arbeitsmethoden, Generationenwechsel und nicht zuletzt die Erkenntnis, dass traditionelle Bonussysteme oft kontraproduktiv wirken, beflügeln den Trend hin zu Teamboni.

Das kommende Jahr wird nicht das Jahr sein, in dem der Individualbonus verschwindet. Aber es könnte das Jahr werden, in dem die kritische Masse kippt – wenn genügend Unternehmen positive Erfahrungen mit Teamboni machen und andere nachziehen. Die Automobilindustrie macht es vor, die IT-Branche experimentiert, selbst konservative Branchen tasten sich heran.

Was bleibt, ist die Erkenntnis: Der perfekte Bonus existiert nicht. Aber Systeme, die Kooperation über Konkurrenz, gemeinsame Ziele über individuelle und Fairness über maximale Differenzierung stellen, haben in der modernen Arbeitswelt die besten Karten.

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