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Umfrage: Jedes vierte Unternehmen lehnt Abbrecher ab

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Der Einstieg ins Berufsleben gilt als wichtige Wegmarke. Doch immer seltener verläuft dieser Weg geradlinig. Abgebrochene Studien- oder Ausbildungswege sind längst kein Randphänomen mehr – und somit gesellschaftlich auch weniger stigmatisiert. Sie spiegeln einen Arbeitsmarkt im Umbruch wider, in dem Erwartungen, Passung und Orientierung neu ausgehandelt werden müssen. Haben Menschen zudem verschiedene Optionen – hervorgerufen durch einen verstärkten Arbeitnehmermarkt –, so fällt es vermutlich leichter, eine Ausbildung abzubrechen und sich anderen Karrierepfaden zu widmen. Doch anscheinend begegnen immer noch viele Unternehmen Bewerbern und Bewerberinnen mit abgebrochenen Bildungswegen mit Skepsis.

Das zeigt die Randstad-ifo-HR-Umfrage für das vierte Quartal 2025. Fast jedes vierte Unternehmen, rund 23 Prozent, lehnt die Einstellung von Studien- oder Ausbildungsabbrechern grundsätzlich ab. Befragt wurden rund 1.000 HR-Verantwortliche in deutschen Personalabteilungen. Eine klare Mehrheit zeigt sich jedoch offen. 77 Prozent der Betriebe gaben an, diesen Bewerberkreis generell einzustellen. Die Bereitschaft unterscheidet sich je nach Unternehmensgröße und Branche. Großunternehmen sind mit 82 Prozent etwas aufgeschlossener als kleine Betriebe mit 72 Prozent.

Warum Unternehmen Abbrecher nicht berücksichtigen

Diejenigen, die Abbrecher nicht einstellen, fragte das Institut nach den Gründen. Für jedes zweite dieser Unternehmen spricht die fehlende fachliche Qualifikation gegen eine Einstellung. 44 Prozent verbinden einen Abbruch von Studium oder Ausbildung mit geringerer Zuverlässigkeit, 42 Prozent mit mangelnder Motivation. Hinzu kommen praktische Erwägungen. 33 Prozent sehen einen erhöhten Aufwand für Einarbeitung oder Weiterbildung, 26 Prozent befürchten ein geringes Verantwortungsbewusstsein. Jedes fünfte Unternehmen gibt zudem an, Bewerbungen von Studien- oder Ausbildungsabbrechern aufgrund interner Vorgaben zu formalen Abschlüssen grundsätzlich ablehnen zu müssen.

Nach Einschätzung von Sarah Böning greift diese Sichtweise zu kurz. Sie war 15 Jahre lang Director und Head of Talent Acquisition bei der Porsche-Tochter MHP und ist heute Gründerin einer Recruiting-Beratung: „Ein Studien- oder Ausbildungsabbruch sagt für sich genommen erstaunlich wenig über die konkrete Eignung für einen bestimmten Beruf aus“, sagt sie. Unternehmen würden pauschalisieren, zu wenig auf die Gründe schauen und damit „ein sehr großes Recruiting-Potenzial“ verkennen.

Es sei laut Recruiting-Beraterin Böning aber auch eine Gegenbewegung zu beobachten. Es gebe Unternehmen, die „ganz bewusst Kampagnen für Studien- und Ausbildungsabbrecher fahren und diese Zielgruppe explizit zur Bewerbung einladen“. Dadurch solle ein Quereinstieg auf Augenhöhe möglich sein, der sowohl für Unternehmen als auch für Abbrecher Chancen bieten könne.

Ausbildungsabbrüche erreichen Höchststand

Insbesondere da jedenfalls Abbrüche von Ausbildungen zuletzt anstiegen, ist eine pauschale Nichtbeachtung dieser Lebensläufe fraglich. Die Entwicklung lässt sich klar beziffern. Im Jahr 2024 erreichte laut neuem Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) die vorzeitige Auflösung von Ausbildungsverhältnissen mit 29,7 Prozent einen Höchststand. Bundesweit entsprach dies rund 159.000 aufgelösten Ausbildungsverträgen. Noch zehn Jahre zuvor, also 2014, lag sie bei etwa 24 Prozent. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, nicht jede Vertragsauflösung bedeutet einen vollständigen Abbruch. Viele Betroffene setzen ihre Ausbildung fort, wechseln jedoch den Beruf oder den Betrieb.

Gleichwohl machen die Daten strukturelle Defizite sichtbar. Ein zentraler Grund für vorzeitige Vertragslösungen ist laut IW eine unzureichende Berufsorientierung auf beiden Seiten. Gut ein Drittel der jungen Menschen wünscht sich mehr Unterstützung bei der Orientierung oder weiß nicht genau, in welchem Bereich es arbeiten möchte. Die Informationslage zur Berufswahl empfinden viele als unübersichtlich. Dies könne zu „unrealistischen Erwartungen hinsichtlich des Arbeitsalltags sowie der Anforderungen und der Vergütung des gewählten Berufs führen, was wiederum die vorzeitige Auflösung eines Ausbildungsvertrags begünstigen kann.” Auch Unternehmen benennen Ursachen. Sie verweisen häufig auf eine fehlende Leistungsbereitschaft oder eine unzureichende Leistungsfähigkeit der Auszubildenden.

Vodafone rekrutiert ohnehin skill-based

Sebastian Harrer. Foto: Egon Zehnder

Mit Blick auf die Entwicklung im Recruiting, viel mehr auf Kompetenzen als auf Abschlüsse zu achten, dürfte die vorzeitige Beendigung einer Ausbildung oder eines Studiums auch weniger ins Gewicht fallen. So sieht es beispielsweise Vodafone. Entscheidend sei bei dem Telekommunikationsunternehmen auf Anfrage unserer Redaktion, ob Bewerber und Bewerberinnen die fachlichen Kompetenzen für eine Rolle mitbringen. Ein Studien‑ oder Ausbildungsabbruch sei bei Vodafone kein Ausschlusskriterium.

Sebastian Harrer, Director People & Organisation bei Vodafone, stellt klar: „Skills‑based Hiring spielt bei Vodafone eine zunehmend wichtige Rolle: Wir fokussieren darauf, was jemand kann, nicht welchen Bildungsweg er oder sie formal vorweisen kann.“ Ein formaler Abschluss könne insbesondere bei Einstiegspositionen zwar relevant sein – dort diene er oft als Indikator für Grundqualifikationen. Sobald jedoch relevante Berufserfahrung, Projekterfahrung oder andere nachweisbare Skills vorliegen würden, könne das diesen Faktor vollständig aufwiegen.

Berufserfahrung kann ohne Ausbildung anerkannt werden

Um eben jene Kompetenzen nachweisen zu können, auch ohne entsprechende Ausbildung, wurde das Berufsvalidierungs- und -digitalisierungsgesetz eingeführt. Es gilt seit etwa einem Jahr. Die beruflichen Kenntnisse werden von Industrie- und Handelskammern mit Berufsausbildungen verglichen.

Gesine Wagner betreut als Chefin vom Dienst Online die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft und ist als Redakteurin hauptverantwortlich für die Themen Arbeitsrecht, Politik und Regulatorik. Sie ist weiterhin Ansprechpartnerin für alles, was mit HR-Start-ups zu tun hat. Zudem verantwortet sie das CHRO Panel.

Justin Geschwill ist Volontär der Personalwirtschaft.