Seitdem die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) – der Wirtschaftsflügel der CDU – gefordert hat, „Lifestyle-Teilzeit“ zu reglementieren, wird das Thema Teilzeitarbeit heftig diskutiert. Die Forderung des CDU-Flügels beruht auf der Annahme, dass viele Menschen in Deutschland freiwillig in Teilzeit arbeiten, obwohl sie auch in Vollzeit tätig sein könnten. Doch ist das wirklich der Fall?
Eine aktuelle Auswertung der Jobbörse Indeed impliziert etwas anderes. Diese hat analysiert, wie sich der Anteil von ausgeschriebenen Teilzeitstellen im deutschen Stellenmarkt seit 2020 entwickelt hat. Die Auswertung zeigt: Arbeitgeber haben in den vergangenen Jahren immer mehr Teilzeitstellen ausgeschrieben. Aktuell sind rund 27 Prozent der Stellenanzeigen auf Indeed keine Vollzeitstellen. Das sei ein Anstieg von rund 69 Prozent seit 2020. Doch der Wunsch der Menschen nach einer Teilzeitposition scheint im gleichen Zeitraum nicht gestiegen zu sein. Denn: Die Suchanfragen nach Teilzeit auf der Jobplattform betragen über die Jahre hinweg konstant rund 3 Prozent.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Der Anteil an angebotenen Teilzeitstellen schwankt stark je nach Berufsgruppe. Besonders stark gestiegen ist der prozentuale Anteil von Teilzeitstellen bei Bürojobs, wie beispielsweise der Buchhaltung. Waren hier 2020 rund 20 Prozent der auf Indeed ausgeschriebenen Stellen Teilzeitjobs, hat sich der Anteil heute mit rund 39 Prozent fast verdoppelt. Auch im Personalwesen gibt es einen Anstieg. 2020 waren rund 13 Prozent der ausgeschriebenen Stellen Teilzeitjobs, aktuell sind es 22 Prozent.
Warum schreiben Arbeitgeber mehr Teilzeitstellen aus?
Dies könnte bedeuten, dass viele Menschen auch in Teilzeit arbeiten, weil sie keine Vollzeitstelle finden. Die Zahlen sprechen im Gesamtbild eher dafür, dass das gestiegene Teilzeitangebot der Unternehmen der Nachfrage auf dem Jobmarkt nicht ganz entspricht. „Teilzeit ist kein reiner Arbeitnehmerwunsch“, sagt Virginia Sondergeld, Ökonomin am Indeed Hiring Lab, zu der Auswertung von Indeed. „Wenn Unternehmen weiterhin verstärkt Teilzeitstellen ausschreiben, wird eine Einschränkung von Arbeitnehmerrechten kaum zu der erhofften Umwandlung in Vollzeitstellen führen.“ Doch warum schrieben Arbeitgeber vermehrt Teilzeitstellen aus?
Ein breiteres Angebot an Teilzeitstellen kann in Unternehmen eine Strategie gegen den Fachkräftemangel sein. Eine Gruppe, die durch ausgeschriebene Teilzeitjobs besonders angesprochen wird, sind Frauen, die viermal so häufig in Teilzeit beschäftigt sind wie Männer. Eine Analyse des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) ergab kürzlich, dass sich durch Teilzeitstellen hier eine Chance bietet, weibliche Fachkräfte zu rekrutieren, die sonst Jobs unter ihrem Qualifikationsniveau annehmen.
Nur wenig unfreiwillig in Teilzeit
Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen ein anderes Bild auf: Basierend auf der Arbeitskräfteerhebung analysierte das Bundesamt für Statistik den Anteil der unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten im Jahr 2024. Die Arbeitskräfteerhebung ist Teil des Mikrozensus, bei dem ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland befragt wird (aktuell etwa 835.000 Menschen). Das Ergebnis: Nur rund 5 Prozent der damals befragten Teilzeitbeschäftigten sahen diese als Notlösung an, da sie keine Vollzeitstelle gefunden hatten. Diese Zahl ist laut Bundesamt für Statistik ein neuer Tiefstand, 2014 waren es noch rund 14 Prozent. Ein reiner Arbeitgeberwunsch kann die Arbeit in Teilzeit deshalb auch nicht sein.
Diese These unterstützen weitere Untersuchungen, die allerdings unterschiedliche Zahlen liefern. Bei einer Forsa-Umfrage von 2025 im Auftrag von RTL und Ntv unter 10.010 Beschäftigten gaben 43 Prozent der befragten Vollzeitkräfte an, dass sie bei freier Wahl das Vollzeitmodell nicht bevorzugen würden. Drei Viertel gaben als Gründe, warum sie dann nicht in Teilzeit arbeiten, finanzielle Hindernisse an. Die Berufe-Studie der Versicherung HDI von 2025, bei der 3.739 Erwerbstätige befragt wurden, ergab Ähnliches: Hier gaben 53 Prozent der befragten Angestellten in Vollzeit an, ihre Arbeitszeit reduzieren zu wollen.
Teilzeit in Deutschland
Wie viele Menschen in Deutschland arbeiten tatsächlich in Teilzeit? Dazu gibt es unterschiedliche Zahlen. Das Statistische Bundesamt vermeldete für das Jahr 2024 eine Teilzeitquote von 29 Prozent, die je nach Region bis auf 34 Prozent steigen kann – in ländlichen Gebieten sowie im Osten Deutschlands wird durchschnittlich mehr in Teilzeit gearbeitet. Die Gesamtquote ist seit 2011 allerdings nur um zwei Prozentpunkte gestiegen.
Die ermittelten Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) liegen etwas höher: Im zweiten Quartal 2025 vermeldete das IAB einen neuen Rekordwert von 40,1 Prozent. Die Zahl hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt, der Anstieg innerhalb der letzten fünfzehn Jahre liegt bei rund vier Prozentpunkten.
Dem Handelsblatt gegenüber prognostizierte der IAB-Arbeitsmarktexperte Enzo Weber eine weitere Steigerung für die kommenden Jahre. Die Gründe sieht er im demografischen Wandel und der steigenden Beteiligung von Frauen und älteren Menschen am Arbeitsmarkt. Ältere Menschen können unter Umständen aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in Vollzeit arbeiten. Frauen sind weiterhin häufig neben der Arbeit mit der Kinderbetreuung und genereller Care-Arbeit betraut, was es für sie zeitlich erschwert, in Vollzeit zu arbeiten.
Die unterschiedlichen Untersuchungen machen deutlich: Inwiefern Teilzeit durch Einschränkungen von Arbeitnehmerrechten – wie vom CDU-Flügel gefordert – verringert werden könnte, ist fragwürdig. Dafür sind die Gründe für die Aufnahme einer Teilzeitstelle zu differenziert.
Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

