Ausbildung 2026: Weniger Stellen, doch das Handwerk gewinnt 

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Im August oder September starten in den meisten Betrieben die neuen Azubis. Glück haben die jungen Menschen, die ihren Wunschausbildungsplatz bekommen haben – aber auch Betriebe, die ihre Ausbildungsplätze gut besetzen konnten. Das klingt paradox, ist aber in vielen Fällen die Realität. Grund: Einerseits schrumpft das betriebliche Ausbildungsplatzangebot in Deutschland insgesamt, sodass viele Jugendliche bei der Ausbildungssuche leer ausgehen; andererseits bleibt fast jeder dritte Ausbildungsplatz unbesetzt. Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Bertelsmann Stiftung, des Berufsbildungsberichts 2026 und des WSI-Tarifarchivs der Hans-Böckler-Stiftung liefern ein vielschichtiges Lagebild. 

Rückläufige Zahlen, wachsende Lücke 

Im Jahr 2025 wurden laut Statistischem Bundesamt 461.900 neue duale Ausbildungsverträge abgeschlossen – ein Rückgang von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Berufsbildungsbericht 2026 des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend kommt auf 476.700 Neuverträge im dualen System insgesamt und verzeichnet damit ein Minus von 2,1 Prozent. Das Ausbildungsstellenangebot sank auf 530.300 Stellen (minus 4,6 Prozent). Auf der Nachfrageseite standen zum Ende des Berichtszeitraums rund 84.000 Bewerberinnen und Bewerber ohne Ausbildungsplatz – ein Anstieg von über 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zugleich blieben 54.400 Stellen unbesetzt.

Eine heute veröffentlichte IAB-Untersuchung konkretisiert das Bild auf Betriebsebene: Der Anteil unbesetzter Ausbildungsplätze liegt demnach bei 30 Prozent – das sind fünf Prozentpunkte weniger als in den beiden Vorjahren, allerdings sind die Zahlen weiterhin auf einem hohen Niveau. Auch die Ausbildungsbeteiligung der Betriebe ist leicht gesunken: Nur noch 55 Prozent der ausbildungsberechtigten Betriebe und 29 Prozent aller Betriebe bildeten 2025 aus. 

Wie entwickelt sich die Ausbildungsbereitschaft? 

Die Perspektive für das laufende Jahr ist auch nicht besser. Da sich die Wirtschaftsaussichten durch die Folgen des Iran-Kriegs weiter eingetrübt haben, könnten die Neuvertragszahlen sogar unter den bisherigen Tiefststand von 2020 fallen. IAB-Forscherin Barbara Schwengler beschreibt die Situation so: „Die Lage ist paradox: Trotz einer steigenden Zahl an Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz ist damit zu rechnen, dass die Nichtbesetzungsquote von Ausbildungsstellen weiter hoch bleiben wird.“ IAB-Direktor Bernd Fitzenberger zieht daraus eine klare Konsequenz: „Um einen weiteren Einbruch am Ausbildungsmarkt zu vermeiden, müssten Jugendliche und Betriebe besser zusammengebracht werden.“ 

Weniger Übernahmen 

Doch nicht nur die Zahl der Ausbildungsplätze sinkt, auch die Übernahmequoten nach dem Ende der Ausbildung gehen zurück, gerade im verarbeitenden Gewerbe, wo die Übernahmequote in diesem Sektor gegenüber 2024 um fünf Prozentpunkte auf 77 Prozent sank. Hinter den Zahlen steckt vor allem die anhaltende wirtschaftliche Schwäche Deutschlands, sagt IAB-Forscherin Ute Leber: „Ungünstige oder unsichere Geschäftserwartungen führen zu etwas größerer Zurückhaltung bei der Übernahme der Auszubildenden oder dem Abschluss neuer Ausbildungsverträge. Das ist insbesondere für das verarbeitende Gewerbe zu beobachten.“

Insgesamt fiel laut IAB die Übernahmequote 2025 auf 75 Prozent, nachdem sie 2024 mit 79 Prozent ein Rekordhoch erreicht hatte. Die Branchenunterschiede sind dabei erheblich: In Bergbau, Energie- und Wasserversorgung, Abfallwirtschaft sowie im Finanz-, Versicherungs- und öffentlichen Sektor wurden rund 90 Prozent der Auszubildenden übernommen. Land- und Forstwirtschaft (44 Prozent) und personenbezogene Dienstleistungen (52 Prozent) bilden das Schlusslicht. Das Baugewerbe meldete mit 49 Prozent weiterhin die höchste Nichtbesetzungsquote aller Branchen. 

Berufswahl: Handwerk gewinnt 

Die Berufswahlstatistik spiegelt die wirtschaftlichen Verschiebungen wider. Bei den männlichen Auszubildenden belegte der Kfz-Mechatroniker mit 22.300 Neuverträgen (acht Prozent) erneut Platz 1. Auffällig ist der deutliche Rückgang beim Fachinformatiker: Er fiel von Platz 2 im Jahr 2024 auf Platz 4 – mit 2.300 weniger Verträgen. Der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik rückte auf Platz 2 (13.900 Neuverträge), gefolgt vom Elektroniker auf Platz 3 (13.800). Das klassische Handwerk gewinnt in der Berufswahlrangfolge gegenüber der IT-Branche an Boden.

Bei den Frauen blieben die drei führenden Berufe unverändert: Medizinische Fachangestellte (16.100 Personen, zehn Prozent), Kauffrau für Büromanagement (14.900, neun Prozent) und Zahnmedizinische Fachangestellte (13.400, acht Prozent). Insgesamt befanden sich zum 31. Dezember 2025 deutschlandweit 1.211.800 Personen in einer dualen Berufsausbildung – 0,5 Prozent weniger als im Vorjahr. 

Mehr ausländische Azubis 

Während die Zahl der deutschen Auszubildenden um sechs Prozent (25.600 Personen) sank, stieg die Zahl ausländischer Auszubildender mit Neuvertrag um 18 Prozent auf 82.400. Besonders stark wuchs die Gruppe der ukrainischen Staatsangehörigen (plus 64 Prozent auf 9.500), der vietnamesischen (plus 36 Prozent auf 9.600), der türkischen (plus 48 Prozent) und der afghanischen Auszubildenden (plus 47 Prozent). Langfristig hat sich die Zahl der Neuverträge von Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in zehn Jahren mehr als verdoppelt: von knapp 38.800 im Jahr 2015 auf 82.400 im Jahr 2025.

Ausbildungsvergütung steigt 

Zum Beginn des Ausbildungsjahres legt das WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung aktuelle Vergütungsdaten für 2025/26 vor. Demnach sind die tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen über 20 ausgewertete Tarifbranchen hinweg um 3,9 Prozent gestiegen. Damit wachsen die Ausbildungsvergütungen erneut schneller als die regulären Tariflöhne der Beschäftigten, die für 2026 auf ein Plus von rund 3,1 Prozent geschätzt werden. Über einen Zehnjahres-Zeitraum betrachtet ist das Bild noch deutlicher: Während die Tariflöhne zwischen 2015 und 2025 um 35 Prozent zunahmen, stiegen die durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütungen im gleichen Zeitraum um 47 Prozent. 

WSI-Tarifexperte Prof. Dr. Thorsten Schulten ordnet das ein: „Die Dynamik bei den Ausbildungsvergütungen wurde in den letzten Jahren vor allem von Dienstleistungsbranchen geprägt, die traditionell über ein eher niedrigeres Vergütungsniveau verfügen. In den letzten Jahren haben diese Branchen mit überdurchschnittlichen Steigerungsraten auf den zunehmenden Fachkräftemangel reagiert.“ 

In der Mehrzahl der untersuchten Branchen liegen die Vergütungen mittlerweile auch im ersten Ausbildungsjahr über 1.000 Euro (und übertreffen damit den Bafög-Höchstsatz für Studierende). An der Spitze stehen Pflegeberufe im öffentlichen Dienst (Bund und Gemeinden: 1.491 Euro), das Versicherungsgewerbe (1.455 Euro) und das private Bankgewerbe (1.400 Euro). Nur noch drei Tarifbranchen zahlen im ersten Jahr weniger als 1.000 Euro: die Landwirtschaft in bestimmten Regionen (ab 890 Euro), die Floristik in Westdeutschland (900 Euro) und das Friseurhandwerk in Nordrhein-Westfalen mit dem niedrigsten Wert von 785 Euro monatlich. 

Deutlich anders sieht die Situation aber in nicht tarifgebundenen Betrieben aus, in denen fast die Hälfte (45 Prozent) der Azubis ihre Ausbildung absolvieren. Laut Schulten erhalten Auszubildende dort oft deutlich niedrigere Vergütungen, viel müssten mit der Mindestausbildungsvergütung von derzeit 724 Euro im Monat auskommen.

Auch regional und zwischen den Ausbildungsjahren bestehen erhebliche Unterschiede. In neun Branchen gibt es nach wie vor Ost-West-Gefälle, die größten davon in der Textilindustrie (140 Euro), im Kfz-Gewerbe (130 Euro) und im Gastgewerbe (105 Euro). Im Friseurhandwerk und der Floristik fehlen in Ostdeutschland Tarifverträge ganz – dort gilt ausschließlich die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung. 

Hohe Zufriedenheit – schwieriger Zugang 

Wer den Einstieg in eine Ausbildung schafft, ist in der Regel gut aufgehoben. Die jedenfalls legt die repräsentative Studie „Ausbildungsperspektiven 2026″ der Bertelsmann Stiftung nahe. Demnach sind 90 Prozent der Auszubildenden mit ihrer Ausbildung insgesamt zufrieden, 87 Prozent würden ihren Beruf erneut wählen. 85 Prozent geben an, regelmäßig Neues zu lernen, 83 Prozent empfinden ihre Aufgaben als sinnvoll. „Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten bietet eine gute Ausbildung eine tragfähige Grundlage für den weiteren Berufsweg„, sagt Fabian Schaffer, Experte der Bertelsmann Stiftung für berufliche Bildung. 

Das eigentliche Problem aber ist der Zugang zu einem Ausbildungsplatz. Besonders junge Menschen mit niedriger Schulbildung schätzen ihre Chancen pessimistisch ein: 38 Prozent glauben nicht oder sind unsicher, ob sie einen Ausbildungsplatz finden werden – obwohl gerade sie am stärksten auf eine Ausbildung angewiesen sind.

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis. Foto: FBM

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.