Handwerkskammern in NRW: Wie steht es um die Ausbildung?

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Die Schlagzeilen zum Ausbildungsmarkt in diesem Jahr sind alles andere als positiv: Weniger Ausbildungsstellen insgesamt und gleichzeitig mehr unversorgte Bewerbende sowie Lehrstellen, die nicht besetzt werden können, bestimmen das offizielle Bild. Während es zu den neuen Azubi-Jahrgängen noch keine Statistik gibt, zeichnete sich auch schon in den Zahlen des Berufsbildungsberichtes zum Jahr 2025 ab: Das Ausbildungsstellenangebot ist auf 530.300 Stellen gesunken – ein Minus von knapp fünf Prozent. Die Zahl der neu abgeschlossenen dualen Ausbildungsverträge lag 2025 bei 476.700, also rund zwei Prozent unter dem Vorjahreswert. Gleichzeitig stieg die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber ohne Ausbildungsplatz um mehr als 19 Prozent auf rund 84.000.

Ausbildungen: Sinkende Meldebereitschaft verfälscht Statistik

Diese Zahlen lügen nicht – aber sind möglicherweise nur ein Teil des Gesamtbildes. Stecken wir in einer Ausbildungskrise? Dr. Christian Henke, Geschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf, schätzt die reale Situation erheblich positiver ein: Man müsse die Zahlen relativieren, meint Henke. „Es gibt weniger Ausbildungsstellen, die bei der Arbeitsagentur gemeldet sind – aber nicht weniger Ausbildungsplätze. Da hat sich eigentlich im letzten Jahr nicht viel getan, das ist stabil geblieben.“ Der Grund für die trügerisch schlechten Statistiken liegt laut Henke in der Meldebereitschaft der Betriebe: „Handwerksbetriebe wie auch IHK-Betriebe melden ihre freien Ausbildungsplätze schlicht nicht mehr bei der Bundesagentur für Arbeit.“

Die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sind also höher als die Statistik vermuten lässt. Ohnehin ist das Handwerk der positive Ausreißer, auch die offizielle Statistik verzeichnet bundesweit ein Plus von rund fünf Prozent bei den Ausbildungsverträgen im Handwerk. „Seit Corona sehen wir eine Seitwärtsbewegung, immer so leicht im Plus“, sagt Henke. Das sei schon eine positive Entwicklung, „vor allem wenn man im Hinterkopf hat, dass die demografische Entwicklung eigentlich ein Minus erwarten ließe.“

Wer sind die Handwerks-Azubis?

Das Handwerk gewinnt seine Auszubildenden heute aus einem breiten Spektrum: Schulabgängerinnen und Schulabgänger aller Schulformen, aber auch Studienabbrecherinnen und -abbrecher, Bachelorabsolventen und zunehmend auch Menschen aus Drittstaaten. Die Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre hätten einen erheblichen Einfluss gerade auf die Ausbildungsabschlüsse im Handwerk, sagt Henke. Laut der Statistik des Westdeutschen Handwerkskammertag (WHKT) stellt Syrien die größte ausländische Gruppe bei Neuverträgen in NRW, gefolgt von Irak, Türkei und der Ukraine. Etwaige Sprachprobleme sind dabei kein unüberwindbares Hindernis. „Wenn einer motiviert und interessiert ist und auch sozial ins Team passt, dann geben Handwerksbetriebe jedem eine Chance“, resümiert Henke die Haltung der Betriebe.

Ein strukturelles Problem bleibt indes ungelöst: Es gehen nur wenige junge Frauen in gewerblich-technische Handwerksberufe. „Wir versuchen seit Jahren, den Frauenanteil zu steigern, aber trotz aller Kampagnen ist bisher kein wirklicher Durchbruch gelungen“, sagt Henke. Der Gesamtfrauenanteil von rund 20 Prozent in Handwerksberufen konzentriere sich fast ausschließlich auf den Friseurberuf sowie Gesundheitshandwerke wie Augenoptik oder Zahntechnik. In den klassischen gewerblich-technischen Berufen dagegen bewege sich die Frauenanteile bei drei bis fünf Prozent.

Handwerk-Azubis 2026: Keine spürbare Abi-Delle

Welche Rolle spielen Gymnasiasten für die Handwerksausbildung? Keine besonders große, sagt Henke: „Wenn Sie unsere Statistiken anschauen, kommt der allergrößte Teil der angehenden Azubis mit Fachhochschulreife oder Abitur nicht vom Gymnasium, sondern von den Gesamtschulen oder ganz überwiegend von den Berufskollegs, die mittlerweile unsere Hauptzubringerschule ist.“

Das ist insbesondere in NRW in diesem Jahr relevant, denn im bevölkerungsreichsten Bundesland fehlt in diesem Jahr ein ganzer Abi-Jahrgang, wegen der Rückkehr vom acht- zum neunjährigen Gymnasium. Der WHKT hat berechnet, dass von den ausbleibenden rund 45.000 Abiturienten etwa 6.000 potenzielle Bewerberinnen und Bewerber auf dem Ausbildungsmarkt fehlen könnten. Bislang seien jedoch keine auffälligen Auswirkungen erkennbar, erläutert Andreas Oehme, Geschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertags.

Hinzu komme laut Henke ein zeitlicher Versatz: „Die Abiturienten gehen in der Regel nicht direkt nach dem Abi in die Ausbildung. Die kommen immer erst zeitversetzt nach einem Gap-Year oder einer Orientierungsphase im Ausbildungsmarkt an.“ Die Abiturienten von 2026 stünden für die Ausbildungen 2026 also ohnehin zumeist noch nicht bereit.

Wie finden Jugendliche ins Handwerk?

Simone Marhenke, Geschäftsführerin Bildung der Handwerkskammer zu Köln, führt das Wachstum bei den Ausbildungsabschlüssen im Handwerk auch auf jahrelange intensive Investitionen in Berufsorientierung und Nachwuchsgewinnung zurück. „Jugendliche kommen früher und häufiger mit handwerklichen Berufen in Kontakt – sei es über Praktika, Schulveranstaltungen, Berufsorientierungsmessen oder digitale Informationsangebote.“

Gleichzeitig hätten viele Betriebe ihre Ausbildungsprozesse professionalisiert und sprächen junge Menschen deutlich zielgerichteter an als noch vor einigen Jahren.

Klimawandel und Industriekrise als Treiber

Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Stimmungswandel, der dem Handwerk Rückenwind gibt. Henke nennt zwei konkrete Treiber: einerseits die Klimadebatte, die einen Schub in Sachen Wärmepumpen, Solaranlagen und Energieeffizienz ausgelöst hat. „Das hat unserem Image sehr geholfen.“ Junge Menschen sähen eine Zukunftsbranche, in der sie „etwas Sinnvolles“ tun könnten.

Das Handwerk profitiert zudem von den anhaltenden Problemen in der Industrie. „Gerade in Nordrhein-Westfalen mit seinen vielen Automobilzulieferern bekommen wir die extremen Einbrüche durch die konjunkturelle Krise und die Industriekrise zu spüren“, sagt der Geschäftsführer der Düsseldorfer Handwerkskammer. In dieser Situation wirken Handwerksbetriebe als sicherer Hafen. „Im Handwerk ist es die absolute Ausnahme, dass Mitarbeiter entlassen werden“, so Henke.

Andreas Oehme, Geschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertags, ergänzt einen weiteren Pluspunkt für handwerkliche Berufe. Sie könnten digitale Technologien mit praktischer Arbeit und Problemlösungskompetenz vor Ort verbinden. „Fähigkeiten, die sich nicht einfach automatisieren lassen.“ Von einem regelrechten Boom in „KI-sicheren“-Berufen will der Düsseldorfer Handwerksexperte Henke allerdings noch nicht sprechen.

Steigende Ausbildungsvergütung

Zum Ausbildungsjahr 2026 sind die tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen um 3,9 Prozent gestiegen – jedenfalls in den über 20 von der Hans-Böckler-Stiftung ausgewerteten Tarifbranchen. Sie sind damit schneller gewachsen als die regulären Tariflöhne. Im Baugewerbe beispielsweise gelten seit dem 1. April 2026 neue bundeseinheitliche Vergütungssätze: im ersten Lehrjahr 1.122 Euro, im vierten Lehrjahr bis zu 1.714 Euro brutto. Sie liegen damit deutlich über dem BAföG-Höchstsatz für Studierende.

Ob das ausreicht, um junge Menschen stärker in die Ausbildung zu locken? Henke ist skeptisch: „Unsere Erfahrung aus der Beratung ist eigentlich immer, dass die Ausbildungsvergütung ein Teilbereich und ein Argument von vielen ist, aber nicht das Dominierende.“ Den jungen Leuten sei ein gutes Betriebsklima wichtig, das Menschliche müsse passen und die Entwicklungsperspektiven. Das sei in den allermeisten Fällen erst mal wichtiger als die Vergütung. Seine Kölner Amtskollegin Marhenke ergänzt: Das Handwerk könne mit kurzen Karrierewegen, vielfältigen Fortbildungsoptionen bis hin zur Meisterqualifikation und realistischen Wegen in die Selbstständigkeit punkten.

Ausbildungen: Strukturelle Baustellen bleiben

Auch wenn die Entwicklung im Handwerk durchaus positiv ist, sehen die Fachleute doch einigen Handlungsbedarf – mitsamt Forderungen an die Politik. Der WHKT sorgt sich um die sinkende Schulqualität. Auch der Mangel an Lehrkräften an Berufsschulen, insbesondere in gewerblich-technischen Fachrichtungen, gefährde die Qualität des dualen Systems. Dies erschwere es jungen Menschen, eine duale Ausbildung erfolgreich zu durchlaufen.

Weiterer Kritikpunkt der beiden größten NRW-Handwerkskammern: Die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung sei noch immer nicht als verbindliches Staatsziel verankert.

Ausbildungsstart bis Jahresende

Einen wichtigen Hinweis richtet Henke an alle Jugendlichen, die noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind: Das Ausbildungsjahr starte zwar offiziell am 1. August „aber in der Praxis verschiebt sich das immer weiter nach hinten. Im Oktober würden noch viele Ausbildungsverträge abgeschlossen, die Ausbildung könne sogar bis zum Ende des Jahres angetreten werden. Umgekehrt heißt das auch für die Handwerksbetriebe, weiter offen zu sein – auch für späte und vielleicht eher unkonventionelle Bewerberinnen und Bewerber.

Info

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis. Foto: FBM

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.