Der Deutsche Bankangestellten-Verband (DBV) stellt für die Tarifrunde 2026 Forderungen, die es in sich haben: Neben höheren Gehältern, mehr Spielraum bei Urlaubstagen sowie Altersteilzeit verlangt die Bankengewerkschaft zusätzliche freie Tage für die Mitarbeitenden des privaten Bankgewerbes – und das aufgrund von Künstlicher Intelligenz, wie das Medium Bloomberg berichtet.
KI übernehme zunehmend kleinteilige, kognitive Routineaufgaben, wodurch eine höhere Produktivität der Mitarbeitenden sichergestellt werden kann. Doch was bleibt seien „herausfordernde und komplexe Aufgaben“, sagt DBV-Verhandlungsführer Wolfgang Ermann. „Ich erlebe in Banken seit Jahren, dass Automatisierung nicht automatisch weniger Belastung bedeutet“, so der Funktionär. Die sogenannten „Entlastungstage“ sollen Mitarbeitenden in KI-unterstützten Arbeitsumfeldern als Wertschöpfungsausgleich dienen.
Welche gesundheitlichen Risiken bringt KI-gestützte Arbeit mit sich?
Dass Unternehmen überlegen müssen, wie sie den Beschäftigten durch die verbleibenden, „kognitiv hoch anspruchsvollen Aufgaben“ Erholungszeiten ermöglichen können, findet auch Marlen Cosmar. Sie ist Psychologin und Leiterin des Referats „Arbeitswelten, Mobilität und Gesundheit“ bei der DGUV Akademie und betont, der Einsatz von KI erhöhe die Arbeitsintensität und könne zu Dauerstress führen. Das „kann verschiedene negative gesundheitliche Folgen nach sich ziehen“, sagt Cosmar.
Eva Elisa Schneider, Psychologin und Expertin für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz, sieht darüber hinaus ein Risiko in der Dauerbeanspruchung: Der Arbeitstag werde durch den Wegfall entlastender Aufgaben dichter und fülle sich schnell mit vielen Entscheidungen und Qualitätskontrollen. „Deshalb fühlen wir uns manchmal abends vollkommen erschöpft“, so die Psychologin.
Daneben könnten Unaufmerksamkeit und daraus resultierende Sicherheitsrisiken weitere Folgen der sogenannten „Überwachungstätigkeiten“ sein. Diese sind Cosmar zufolge auf die Monotonie zurückzuführen, die mit der KI-Nutzung einhergeht.
Mehrheit der Beschäftigten sieht KI nicht als Belastungsfaktor
„KI ist beides, Fluch und Segen zugleich“, beschreibt Nora Dietrich die junge Technologie. Dietrich ist Psychologin, Gründerin und Co-CEO von Between People – einer Beratung für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz. KI verändere die Struktur der Arbeit durch komplexere Aufgaben und konfrontiere Arbeitnehmende zudem mit Zukunftsfragen. Gleichzeitig könne sie Arbeit jedoch auch entlasten, wenn sie richtig eingesetzt werde.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch eine Erhebung, die das Marktforschungsunternehmen Kantar im Auftrag des Arbeitgeberverbands des privaten Bankgewerbes (AGV Banken) unter 942 Beschäftigten im privaten Bankengewerbe zu den Auswirkungen von KI durchgeführt hat. Eines der Ergebnisse: 52 Prozent der Befragten gaben an, dass Veränderungen durch technologische Fortschritte wie KI die Beschäftigten „gar nicht“ belasten. Damit sei das Thema Digitalisierung der geringste von zwölf ermittelten Belastungsfaktoren.
Die Befragung erbrachte zudem, dass Beschäftigte, die KI häufig nutzen, in nahezu allen gemessenen Dimensionen eine höhere Zufriedenheit aufweisen als Kolleginnen und Kollegen ohne KI-Einsatz. Auch die selbst wahrgenommene psychische Verfassung bei KI-Nutzenden sei positiver.
AGV Banken lehnt DBV-Forderung ab
Die These, dass die Verwendung von KI in der Praxis nicht zu Entlastung, sondern zu Arbeitsverdichtung führt, weist Carsten Rogge-Strang, Hauptgeschäftsführer des AGV Banken, zurück. „Die große Mehrheit der Beschäftigten empfindet den Einsatz von KI als bereichernd und unterstützend“, sagt er mit Verweis auf die Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung, die der Personalwirtschaft vorliegen.
Daher lehnt der AGV Banken die Forderung des DBV nach „Entlastungstagen“ ab und sieht zusätzliche Maßnahmen für eine ausreichende Regeneration als nicht notwendig an. „Wir sollten die Kirche wirklich im Dorf lassen“, kommentiert Rogge die Forderung. Für ein gesundheitsgerechtes und motivierendes Arbeitsumfeld gelten ihm zufolge auch im KI-Zeitalter weiterhin die Regeln guter Arbeitsgestaltung, etwa durch gute Führung, inhaltliche Gestaltungsspielräume und eine angemessene Flexibilität. Einzelfälle von Menschen, die bei der Einführung neuer Technologien unzufrieden sind, gebe es immer.
Wie können Beschäftigte kognitiver Erschöpfung durch KI-Einsatz entgegenwirken?
Das wiederum lässt Psychologin Schneider nicht ohne Weiteres gelten und hält der Argumentation entgegen: Regeneration müsse insbesondere heute aktiver gestaltet werden. Kognitive Verschnaufpausen durch einfache Aufgaben, „in denen unser Aufmerksamkeitssystem kurz zwei Gänge runterschalten konnte“ – etwa durch Sortieren des Postfachs oder das Formatieren einer Folie – verringern sich. Die Expertin für mentale Gesundheit empfiehlt daher: Feste Pausen und bildschirmfreie Zeit einplanen oder zwei Minuten aus dem Fenster in die Ferne schauen.
Auch DGUV-Expertin Cosmar betont: Je höher die Konzentrationsanforderungen, desto notwendiger sind längere Pausen. „In einer Pause sollte man immer etwas anderes tun als bei der Arbeit“, sagt sie. Bewegung oder einfache manuelle Tätigkeiten seien für die Erholung sinnvoll.
„Wir dürfen dabei einen Fehler aus der Industrialisierung nicht auf Wissensarbeit übertragen: den Menschen als Maschine zu betrachten, deren Leerlauf es zu minimieren gilt“, mahnt Dietrich deshalb mit Blick auf die Zukunft.
In den kommenden Wochen starten die Tarifverhandlungen zwischen DBV und AGV Banken, bei denen unter anderem die „Entlastungstage“ für das private Bankengewerbe gefordert werden. Die erste Sitzung wird am 8. Oktober in Berlin abgehalten, weitere Gespräche sind für November geplant.
Paula Heidemann ist Volontärin bei der Personalwirtschaft.
