Die Zukunft Personal Europe 2026 ging gut los: In großer Runde wurde HRler und HRlerinnen eine unangenehme Frage gestellt. Wolfgang Brickwedde, Leiter des Institute for Competitive Recruiting, bat sein Publikum – rund 100 Personen – in seinem Vortrag „Recruiting 2026 zwischen Multikrisen, KI und paradoxem Arbeitsmarkt“ um ein Handzeichen: „Wer hat im eigenen Unternehmen bereits einen Demografie-Check durchgeführt?” Keine Hand ging hoch.
Das Schweigen hat Gewicht. Deutschland schrumpft: Die Bevölkerung ist 2025 um rund 100.000 Personen zurückgegangen, wie Destatis im Januar 2026 meldete. Das ist der demografische Wandel in Zahlen – eine Gesellschaft, die älter wird und in der die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer nach und nach in Rente gehen, ohne dass ausreichend Nachwuchs nachrückt. Weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter bedeuten langfristig weniger Arbeitskräfte.
Das macht sich bereits bemerkbar: Laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft könnte die Fachkräftelücke bis 2029 auf 723.000 Personen anwachsen, knapp die Hälfte mehr als heute. Die Forschenden betonen: Das ist keine Prognose, sondern eine Fortschreibung des Status quo. Wenn Unternehmen und Politik jetzt nicht handeln, wird der Mangel nicht kleiner – er wird größer. Kein Wunder, dass den Messebesuchern und – Besucherinnen diese Frage unangenehm war. Denn das Thema hängt wie ein Damoklesschwert über vielen Branchen.
Drei Tage waren wir Journalisten und Journalistinnen von der Personalwirtschaft auf der Zukunft Personal Europe in Köln unterwegs. Meine Kollegen und Kolleginnen kennen die Messe schon seit Jahren, für mich war es der erste Besuch. Rund 700 Aussteller, KI als Top-Thema: als Recruiting-Tool, als Prozessautomatisierung, als Entscheidungsunterstützung, als agentische Kollegin namens Madita. Das Leitmotiv „Team Human × AI“ war kein aufgesetztes Messemotto, sondern beschrieb ziemlich präzise, womit sich die Branche gerade beschäftigt.
KI konkret: Von agentischen Recruitern bis zur Menschlichkeitsfrage
Die Hallen wirkten in diesem Jahr etwas lichter als in den Vorjahren – zumindest war das die Beobachtung meiner Kolleginnen und Kollegen. Und noch ein Eindruck der erfahreneren Messebesucher und -besucherinnen: Was an Masse fehlte, gewann die Messe offenbar an Substanz: Referentinnen und Referenten sprachen ehrlicher und weniger werblich als sonst, so der Eindruck in der Redaktion. Dass trotz eines angespannten Jobmarktes alle großen Jobbörsen präsent waren, zum Beispiel Stepstone nach einjähriger Pause wieder dabei, war auch ein beruhigendes Signal.
Wie KI im Recruiting bereits heute konkret aussieht, zeigte das Unternehmen HeyJobs mit seiner agentischen KI-Recruiterin Madita. HeyJobs ist eine deutsche Recruiting-Plattform, die Stellenanzeigen algorithmisch auf Social Media und Online-Kanälen ausspielt, um gezielt Fach- und Arbeitskräfte – besonders im gewerblichen Bereich – anzusprechen. Der Name Madita geht auf eine Astrid-Lindgren-Figur zurück. Ein Mädchen, das mit ihrer kleinen Schwester Pimps eine idyllische Kindheit in Schweden verlebt.
Kein Zufall: Madita soll Kollegin sein, nicht Maschine. Sie führt Erstgespräche nicht nach starrem Fragenkatalog, sondern dynamisch und jobspezifisch. Laut HeyJobs ist sie das einzige Tool im deutschsprachigen Raum, das als KI-Agent den standartisierten Fragenkatalog hinter sich gelassen hat. Das Recruiting-Start-up Delu verfolgt einen anderen Ansatz: Statt auf Automatisierung setzt es auf mehr Menschlichkeit im Prozess – konkret durch strukturierte Interviews, die früh in den Bewerbungsablauf eingebaut werden. Natürlich auch mithilfe von KI aber mehr im Backoffice, als Strukturierung im Hintergrund und nicht als Gesicht des Unternehmens.
Wenn KI in zukünftig nahezu alles kann: Was passiert dann mit den Menschen, deren bisherige Aufgaben Maschinen übernehmen? Armin Hopp, Gründer der digitalen Personalentwicklung Speexx, hat darauf eine klare Antwort: Sie fokussieren sich auf Führung und Verantwortung, Beziehungen und Urteilsvermögen. Alles, was codifizierbar und repetitiv ist, werde schon bald von Maschinen erledigt – menschliche und organisationale Fähigkeiten rücken dafür für die menschlichen Mitarbeitenden in den Vordergrund. Dystopie oder Chance? Eindeutige Antworten gab es auf der Messe wenige. Wie auch in diesen volatilen Zeiten?
Realitätscheck auf der Bühne
Weniger visionär, dafür umso konkreter: „We the HR Community – Der Realitätscheck 2026″. Moderator Cliff Lehnen stellte seinen Gästen, HR-KI-Experte und Linkedin-Influencer Daniel Mühlbauer-Kerber und Inga Dransfeld-Haase, Personalvorständin der TÜV Nord Group, eine ebenso einfache wie entlarvende Frage: Welche Richtlinie würdest du am liebsten schreddern?
Mühlbauer-Kerber: die Reiserichtlinie – „gedrucktes Micro-Management“. Dransfeld-Haase: die Arbeitszeiterfassung. Das Publikum votierte für die Entgelttransparenzrichtlinie – und mehr als zwei Fünftel gaben zu, dass das eigene Gehaltsgefüge einer objektiven Datenanalyse nicht standhalten würde.
Beim Thema KI zog die Runde eine klare Linie: Präsentationen, Zeugnisse, Datenanalyse – ja. Einstellungsentscheidungen, Mitarbeitendengespräche, Entwicklung – nein. KI kann Empathie simulieren. Vertrauen und ein offenes Ohr können nur Menschen liefern.
Ein auffällig voller Saal für Finnland
Eine der besonders stark besuchten Sessions der Messe hatte mit KI wenig zu tun. Beim Vortrag über finnische Arbeitskultur waren die Stühle schnell besetzt – wer zu spät kam, stellte sich um die Sitzenden herum.
Die Referentin und HR-Strategin Helena Schneider, Autorin, auf beiden Seiten der Arbeitskulturen zuhause, hatte für ihr Buch knapp tausend Finninnen und Finnen über ihr Arbeitsleben ausgefragt. Was sie mitbrachte, war empirisch unterfüttert: Finnland führt den World Happiness Report zum neunten Mal in Folge an, rangierte vor fünf Jahren im Digital Economy and Society Index (DESI) auf Platz eins (Deutschland: Platz 16) – bei einer Führungskultur, die auf Vertrauen statt Kontrolle setzt, auf direkte Kommunikation statt Hierarchiesignale, auf Zufriedenheit als Bedingung guter Arbeit, nicht als deren Belohnung. Der DESI misst die digitale Wettbewerbsfähigkeit der EU-Mitgliedsstaaten. Die vier Hauptparameter sind: Digitale Kompetenz, Konnektivität (Stichwort: Glasfaserkabel), Digitalisierung von Unternehmen, Digitalisierung öffentlicher Dienste.
Dazu kommt Sisu: ein finnisches Konzept für Willensstärke, das sich von klassischer Resilienz dadurch unterscheidet, dass es nicht nach der Krise einsetzt, sondern mittendrin. Der finnische Tennisspieler Jan Sörensen beschrieb es so, wie Schneider erzählt: „Sisu ist die Entscheidung, die jeder von uns selbst trifft, weiterzumachen und nicht aufzugeben.“
Warum der Andrang? Vielleicht, weil wir alle in diesen Zeiten der Multikrisen eine ordentliche Prise Sisu als Haltung gut gebrauchen können? Aber das ist natürlich Spekulation. Bemerkenswert war es in jedem Fall.
Zukunftsgeist statt Zeitgeist
Den Schlusspunkt der Messe setzte Dr. Frederik G. Pferdt, ehemaliger erster Chief Innovation Evangelist bei Google und laut Handelsblatt einer der einflussreichsten deutschen Vordenker im Silicon Valley. Seine These brachte das Leitmotiv der ganzen Messe auf eine griffige Formel: Raus aus dem Zeitgeist-Denken – Was macht die Zukunft mit uns? – rein in den Zukunftsgeist: Wie wollen wir sie gestalten?
Fazit: Was bleibt
Am Ende der drei Tage musste ich an Brickweddes Eröffnungsfrage denken – und an den vollen Saal beim Finnland-Vortrag. Keine Hand, die sich hebt. Und ein paar Stunden später ein Saal, in dem die Stühle nicht reichen. Vielleicht sind das zwei Seiten derselben Münze: eine Branche, die weiß, dass sie Antworten braucht – und noch sucht, wo sie sie findet.
Eine Kollegin brachte es treffend auf den Punkt: Die ZPE ist für uns auch immer ein Thermometer – sind wir mit unserer Berichterstattung am Puls der Zeit? Nach drei Tagen Köln lautet ihre Antwort: ja. Und ich kann ihr nur zustimmen. Die Themen, die uns in der Redaktion auch beschäftigen: Fachkräftemangel, KI, Benefits, Führung in der Krise waren alle da.
Ach ja – und an jeder Ecke: Slush-Eis.
Rebecca Scheibel ist Redaktionsleiterin Online und verantwortlich für die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft.

