Personalabbau 2026: Warum Zeitarbeiter schneller betroffen sind als die Stammbelegschaft 

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Das Marktvolumen der Zeitarbeit in Deutschland ist 2025 auf 30,6 Milliarden Euro gesunken. Das Drittstaatenverbot für die Arbeitnehmerüberlassung bleibt trotz jahrelangem GVP-Lobbying im aktuellen Koalitionsvertrag unerwähnt. Die geplante Befristungsverlängerung von zwei auf vier Jahre lehnt GVP-Vizepräsidentin Ingrid Hofmann als Rückschritt ab.


Personalwirtschaft: So ziemlich jedes Unternehmen schaut aktuell strenger auf Personalkosten. Was bedeutet das für die Zeitarbeit? 
Ingrid Hofmann:
 Das merken wir sehr schnell. Die Kosten der Zeitarbeitskräfte bekommen Unternehmen am schnellsten herunter, weil die Rückmeldefristen kürzer sind als die meisten Kündigungsfristen der Stammbelegschaft. Wenn wir also von Kunden hören oder in den Medien von großen Abbauprogrammen lesen, dann betrifft das oft auch uns. Wir wissen aber nie, wie stark, denn in manchen Unternehmen wird nur in Bereichen abgebaut, in denen keine Zeitarbeitskräfte eingesetzt sind. 

Da müssen Zeitarbeitsunternehmen ganz schön flexibel sein. 
Ja, vor allem auch dann, wenn es wieder anläuft. Ist der Abbau erst erfolgt, merken manche Unternehmen, dass sie die anfallende Arbeit nicht mit dem vorhandenen Personal schaffen. Da kommen dann auch kurzfristig neue Aufträge herein. Dann geht es wieder in die andere Richtung. Seit der Pandemie ist das schnelle Auf und Ab durchgehend spürbar. 

Fachkräftemangel Deutschland: Bessere Verfügbarkeit von Facharbeitern – aber nur vorübergehend 

Wechseln viele Menschen, die von Abbauprogrammen betroffen sind, aktuell in die Zeitarbeit – etwa aus der Automobilbranche? 
Dass Arbeitskräfte aus konkreten Abbauprogrammen den Weg in die Zeitarbeit finden, kann ich so nicht direkt beobachten. Das liegt daran, dass das zeitversetzt passiert. Der Beginn eines Abbaus und der tatsächliche Austritt eines Beschäftigten können weit auseinanderliegen. Es gibt Übergangsphasen und Auffanggesellschaften. Was wir aber merken, ist, dass vor allem Facharbeitskräfte wieder besser verfügbar sind. Aber das wird nicht anhalten. 

Wie meinen Sie das? 
Den Fachkräftemangel gibt es weiterhin, und wenn die Wirtschaft wieder anläuft, stehen wir erneut vor dem Problem. Die Fachkräfteeinwanderung aus EU-Mitgliedstaaten nutzt die Zeitarbeitsbranche zwar gut, auch wenn es hier oft Schwierigkeiten bei der Anerkennung von Ausbildungen gibt. Doch diese Zuwanderung wird nicht reichen. Deshalb kämpfen wir so sehr dafür, dass das Verbot der Arbeitnehmerüberlassung aus Drittstaaten aufgehoben wird. 

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Qualifikationsanerkennung EU: Spanische Berufsabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt 

Die Anerkennung von Qualifikationen ist also auch innerhalb von Europa schwierig? 
Ja, wir als I. K. Hofmann rekrutieren viel in Spanien, dort arbeiten wir gut mit Berufsschulen zusammen. Die ausgebildeten Facharbeiterinnen und Facharbeiter können problemlos zu uns kommen, aber ihre Ausbildung wird hier nicht anerkannt. Also steigen sie mit Helfertätigkeiten ein, und ich brauche Kunden, die sie weiterqualifizieren, auch sprachlich. Das gelingt in manchen Fällen, das ist machbar, aber es ist teuer und langwierig, wohingegen die Arbeitnehmerüberlassung darauf ausgerichtet ist, schnell Personal zur Verfügung zu stellen. 

Scheitern die Anerkennungen am Ausbildungsniveau, das für deutsche Standards nicht ausreicht, oder schlicht am Prozess und den Behörden? 
Es ist ein bisschen von allem. In anderen Ländern findet Ausbildung stärker rein schulisch statt. Da muss man fairerweise sagen, dass die Qualität unseren Ansprüchen in Deutschland nicht immer genügt. Aber man könnte das Nachholen von Qualifikationen einfacher und schneller gestalten. 

Deutschkenntnisse als Einstellungskriterium: Unternehmen fordern wieder Sprachkompetenz 

Wie groß ist die Bereitschaft deutscher Unternehmen denn, diese Arbeits- oder Fachkräfte weiterzuqualifizieren – in Zeiten des Personalabbaus? 
Sie war vor etwa zwei Jahren noch sehr groß, vor allem Menschen ohne deutsche Sprachkenntnisse zu beschäftigen, denn das ist eigentlich das größere Problem als die Ausbildung. Da wurde beispielsweise ein Spanisch sprechender Angestellter an die Seite gestellt und Sprachkurse finanziert. 

Das ist jetzt nicht mehr so? 
Nein, wir hören häufiger, dass jetzt wieder nur Arbeitskräfte mit Deutschkenntnissen gewünscht sind. 

Zeitarbeit-Drittstaatenverbot: Gesetzentwurf unter Heil gestoppt – Koalitionsvertrag 2025 schweigt 

Bei dem Anliegen, das Drittstaatenverbot aufzuheben, war die Zeitarbeit mit der Ampelregierung eigentlich schon sehr weit. Dann folgte der Regierungswechsel. Wie steht es jetzt um das Thema? 
Ja, wir sind als GVP-Verband seit Jahren im Austausch mit der Regierung, und zu Zeiten von Hubertus Heil als Arbeitsminister gab es sogar schon einen Gesetzentwurf dazu. Im aktuellen Koalitionsvertrag steht dazu gar nichts mehr. Arbeitsministerin Bärbel Bas kennt das Thema, nicht nur durch uns, sondern auch durch die Industrie, die unser Anliegen ebenfalls unterstützt. Aber aktuell haben andere Themen eine höhere Priorität. 

Reformen 2026: Befristung von zwei auf vier Jahre verlängern – GVP sieht keinen Fortschritt 

Wie steht der Verband zu den Reformvorschlägen, die vor der Sommerpause präsentiert wurden? 
Wir sind noch im Analyseprozess und wissen noch nicht, welche Änderungen durch die Gremien kommen. Ich persönlich wundere mich über die geplante Erhöhung der Befristungsmöglichkeit von zwei auf vier Jahre. Wie kann man das als zukunftsweisend empfinden? Eigentlich wollten wir uns davon verabschieden, dass Menschen von einer Befristung in die nächste wandern müssen. Wir stellen die Zeitarbeitskräfte bei uns zum Teil unbefristet ein, aber einem Kunden dürfen wir sie nur maximal 18 Monate überlassen. Dabei wäre doch die Zeitarbeit aus unserer Sicht ein gutes Instrument für Projekte auf Zeit und kurzzeitige Arbeitskräfte. 

Entgelttransparenzgesetz: Branchenspezifische Vergütung erschwert Umsetzung in der Zeitarbeit

Was wird das neue Entgelttransparenzgesetz für die Zeitarbeit bedeuten? 
Auch da fehlt es noch an konkreten Regelungen, sodass wir das noch nicht abschließend sagen können. Wir beschäftigen uns aber durchaus damit, da die Einsätze der Zeitarbeitskräfte unterschiedlich vergütet werden – je nach Branche der Kunden. 

Verbundausbildung Zeitarbeit: Kosten von rund 26.000 Euro pro Ausbildung bremsen breite Umsetzung 

In den vergangenen Jahren hieß es immer wieder, dass sich Zeitarbeitsunternehmen breiter aufstellen müssen. Sie sollen zum Beispiel nicht nur Arbeitskräfte überlassen, sondern auch weiterbilden. Funktioniert diese Neuaufstellung aus Ihrer Sicht? 
Ja, es gibt Initiativen, Verbundausbildungen anzubieten, bei der wir als Zeitarbeitsunternehmen die Theorie übernehmen und die Auszubildenden dann in den Kundenbetrieben praktisch ausgebildet werden. Das sind aber Einzelfälle geblieben. So eine Ausbildung im Verbund, als ich das noch gemacht habe, kostete circa 26.000 Euro, und es besteht immer die Gefahr, dass die ausgebildete Fachkraft dann beim Kunden bleibt. Das kann nicht jedes Zeitarbeitsunternehmen leisten.

Jetzt bilden Sie nicht mehr aus? 
Wir schulen Qualifikationen. Dafür haben wir als Unternehmen beispielsweise Ausbildungszentren in Regensburg und Dingolfing. Hier werden Mitarbeitende für die Kompetenzen geschult, die sie bei unseren Kunden brauchen. So verringern wir die Ausfallwahrscheinlichkeit, also dass Kunden Zeitarbeitskräfte zurückmelden. 

Was für Kompetenzen sind das? 
Da geht es um handwerkliche Fähigkeiten. Wir haben sozusagen eine kleine Fabrik nachgebaut, um Fingerfertigkeiten zu testen und zu verbessern. Außerdem können Staplerscheine oder etwa Schweißerprüfungen absolviert werden. 

Zeitarbeit als HR-Strategie: Personaldienstleister fordern frühere Einbindung in Personalplanung 

Was wünschen Sie sich von Personalabteilungen beziehungsweise den Entleihern? 
Wir wünschen uns, dass wir schon in die Vorbetrachtungen miteinbezogen werden. Teilweise erfahren wir sehr kurzfristig von den Personalbedarfen. Manche Unternehmen haben die Philosophie, dass in jedem ihrer Bereiche zum Beispiel immer zehn Prozent Zeitarbeitskräfte sind. Damit können wir gut planen und auch Großaufträge bedienen. Wenn Engpässe in Sicht oder möglich sind, müssen wir davon wissen, sonst können wir nicht oder nicht sofort helfen. Außerdem würde ich mir wünschen, dass das Thema Zeitarbeitspersonal als viel wertvoller für die Flexibilität eines Unternehmens erachtet wird. 

Das geschieht nicht? 
Zu wenig. Trotz Künstlicher Intelligenz ist es der Mensch, der die Arbeit mit seinem Engagement vorantreibt. Es wird nicht alles vollautomatisiert laufen. Unsere Dienstleistung wird manchmal nicht als das gesehen, was sie ist. Wir arbeiten nicht mit Schrauben, sondern mit Menschen, die beispielsweise vor Ort eine gute Betreuung und Wertschätzung verdient haben, was sich auch in den Preisverhandlungen mit den Einkaufsabteilungen widerspiegeln sollte. 

Info

Das Interview erschien zuerst im Zeitarbeit-Special der Ausgabe 9+10/2026 unseres Magazins.

Gesine Wagner betreut als Chefin vom Dienst Online die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft und ist als Redakteurin hauptverantwortlich für die Themen Arbeitsrecht, Politik und Regulatorik. Sie ist weiterhin Ansprechpartnerin für alles, was mit HR-Start-ups zu tun hat. Zudem verantwortet sie das CHRO Panel.