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113 Minuten Zeitersparnis durch KI

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113 Minuten – fast zwei Stunden – pro Tag gewinnen Beschäftigte in Deutschland nach eigener Einschätzung durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, das besagt eine neue Adecco-Studie. Das ist doppelt so viel Zeitersparnis wie im Jahr zuvor. Doch dieser enorme Zeitgewinn schlägt sich nicht in einer entsprechend höheren Produktivität nieder. Stattdessen, so geben es viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen laut der Studie an, verbringen sie die gewonnene Zeit mit weniger anspruchsvollen Tätigkeiten.

Woher aber kommt die Diskrepanz zwischen der subjektiv durch KI eingesparten Zeit und den nicht erfolgten Produktivitätsgewinnen? Wir haben die Psychologin Christina Bösenberg, Executive Vice President bei Capgemini Invent gefragt. Sie ist Expertin für Zukunft der Arbeit und Innovation. Bösenberg hält die Zahl von 113 Minuten „für eine gefühlte Realität, nicht für eine präzise Produktivitätsmessung“. Natürlich spare KI Zeit – beim Schreiben, Recherchieren und Analysieren, so Bösenberg. Viele Beschäftigte füllten die frei gewordene Zeit aber mit denselben Aufgaben wie zuvor.

Das aber reiche nicht, um wirklich etwas zu verändern: „Die tatsächliche Produktivität verändert sich erst, wenn Arbeit neu organisiert wird“, sagt Bösenberg. Das erkläre auch den scheinbaren Widerspruch, den viele Beschäftigte empfinden, „wir arbeiten effizienter, aber fühlen uns dennoch überfordert. KI nimmt Routine ab, erhöht aber die kognitive Last – durch mehr Informationsflüsse, mehr Entscheidungen, mehr Geschwindigkeit.“ Für Bösenberg ist die entscheidende Frage, wie die durch KI-Nutzung gewonnene Zeit für neue Aufgaben genutzt werden könnte.

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Erwartungen in Deutschland 

Laut Adecco ist auch in Deutschland KI bereits tief in den Arbeitsalltag eingedrungen. Die große Mehrheit der Befragten sieht das durchaus positiv – neun von zehn Beschäftigten geben an, dass KI ihnen Aufgaben ermöglicht, die sie zuvor nicht hätten erledigen können – weltweit liegt dieser Wert bei 77 Prozent. Fast ebenso viele berichten, dass ihre Tätigkeiten und die dafür benötigten Kompetenzen sich durch den Einsatz von KI bereits verändert haben oder in naher Zukunft verändern werden. Doch es sind – wie bei allen großen Veränderungen – auch Befürchtungen mit KI verknüpft. Immerhin ein Viertel der Beschäftigten in Deutschland hat Sorge, die eigene Arbeit aufgrund von KI verlieren zu könnten. 

Aufgabe von HR 

Wie können Personalerinnen und Personaler den KI-Einsatz und seinen Nutzen steuern und forcieren? Auch darauf versucht die Untersuchung Antworten zu geben: Personalabteilungen sollten die Zeitgewinne durch Künstliche Intelligenz in den Kontext der Unternehmensziele stellen und klare Vorgaben machen, wie Mitarbeitende die freiwerdende Zeit für wertschöpfendere Aufgaben nutzen können, schreiben die Studienautoren und -autorinnen. Dies erfordere passende Weiterbildungsangebote und eine Kultur, die den Wert der Arbeit und deren Beitrag zur Unternehmensstrategie klar kommuniziert. 

Transparenz und Kommunikation 

Nach Ansicht von Christina Bösenberg kommt es auf drei Schlüsselfaktoren an, um Beschäftigten mehr Orientierung und Sicherheit im Umgang mit KI zu vermitteln: Transparenz, Training und Teilhabe. Transparenz bedeute, dass „Mitarbeitende verstehen müssen, wofür KI eingesetzt wird, welche Daten genutzt werden und wo sie Entscheidungen beeinflusst“.  

Das wiederum deckt sich mit den Erkenntnissen aus der Adecco-Studie: Über Ländergrenzen hinweg wünschen sich Beschäftigte eine klare Vorstellung davon, wie sich KI auf die eigene Arbeit auswirkt. Sie wollen auch wissen, wie die Unternehmensstrategie im Hinblick auf KI aussieht. Werden diese Faktoren besser vermittelt, ist der Nutzen groß: In Deutschland gibt immerhin die Hälfte der Befragten an, dass eine bessere Kommunikation der Unternehmensstrategie und der Auswirkungen des KI-Einsatzes auf ihre Arbeit, die eigene Motivation stärken und die Bindung an das Unternehmen verbessern würde.  

KI-Kompetenz 

Zweite Voraussetzung, damit Beschäftigte KI besser einsetzen können, ist für Bösenberg die KI-Kompetenz, die ihrerseits Training erfordert: Dies dürfe kein Nischenthema sein. Konkret bedeutet das für die Expertin Folgendes: „‚Upskilling‘ und ‚Reskilling‘ sollten rollenbasiert und alltagsnah zeigen, wie KI den eigenen Job verbessert – nicht ersetzt.“ Im Zentrum sollten Fragen stehen, wo Zeit gespart werden könne und was die Qualität erhöhe. Auch zum Thema Teilhabe hat Bösenberg einen Rat: „Menschen akzeptieren Technologien, die sie mitgestalten dürfen. HR kann hier viel bewegen – etwa durch Pilotprojekte, Co-Creation-Workshops oder interne ‚AI Ambassadors‘.“ Die klügste Investition sei nicht die „in Technologie, sondern in der Fähigkeit, sie wirksam zu nutzen“.  

„Menschen akzeptieren Technologien, die sie mitgestalten dürfen. HR kann hier viel bewegen – etwa durch Pilotprojekte, Co-Creation-Workshops oder interne ‚AI Ambassadors‘.“

Voraussetzung für wirksame KI-Nutzung  

Um KI wirklich sinnvoll verwenden zu können, müssen laut Bösenberg drei Voraussetzungen erfüllt sein. Es brauche „eine saubere Datenarchitektur“, denn ohne qualitativ hochwertige Daten bleibe jede KI limitiert. Dazu käme die Befähigung, denn „Beschäftigte müssen befähigt werden, KI als verlängertes Gehirn zu nutzen – für bessere Entscheidungen, nicht bloß für Automatisierung.“ 

Als dritte Voraussetzung nennt Bösenberg Vertrauen: Vertrauen ist der neue Produktivitätsfaktor. Nur wer KI transparent, fair und nachvollziehbar einsetzt, wird Akzeptanz und Loyalität sichern. Die Rolle von HR ist dabei zentral: HR wird zum Architekten dieser Transformation – verantwortlich für Skill-Strategie, Lernökosysteme und neue Rollenprofile. Kurz gesagt: HR entwickelt nicht nur Menschen für KI, sondern Organisationen mit KI. 

Ist HR fit für die KI-Zukunft? 

Damit HR all diese Aufgaben auch tatsächlich erfüllen kann, benötigen Personalerinnen und Personaler einschlägige Expertise. Dass HR bereits ausreichend auf die Rolle als Treiber der KI-Transformation vorbereitet ist, sieht Bösenberg derzeit nicht. Viele HR-Bereiche seien in der Experimentierphase – die Tools seien teils da, aber die Routine und auch die Experimentierfreude fehlten. „Jetzt geht es darum, AI Literacy auch im HR zu verankern: also zu verstehen, wie KI Entscheidungen unterstützt, Bias reduziert und People-Daten strategisch nutzbar macht.“ Das erfordere Mut, alte Prozesse zu hinterfragen.“ Die Capgemini-Expertin geht sogar noch weiter: „HR sollte selbst alle HR-Prozesse auf den Prüfstand stellen, um zu schauen, welche durch KI und Agenten effektiver werden können.“  

Diese Erkenntnis ist laut Bösenberg auf dem Weg in die Chefetage: Immer mehr CHRO würden erkennen, dass KI kein reines Effizienzthema ist, sondern das Fundament einer neuen Performance-Kultur. „Die Zukunft des HR ist hybrid – datenbasiert und zugleich zutiefst menschlich.“ KI sei auch längst kein Zukunftsthema mehr – „sie ist mitten in der Arbeitswelt angekommen“.  

Minuten-Messung führt in die Irre 

Mit einem Irrglauben, den die Studie mit dem vermeintlichen Zeitgewinn durch KI nahelegt, räumt Expertin Bösenberg nachdrücklich auf: „Effizienz in Minuten zu messen, greift zu kurz. Was zählt, ist die Wirkung der Arbeit – und die entsteht durch Zielverständnis, Vertrauen und Kompetenz.“ Dem stimmt grundsätzlich auch Peter Blersch zu, Country President Adecco Group DACH: „Künstliche Intelligenz ist kein Zukunftsthema mehr – sie ist mitten in unserer Arbeitswelt angekommen. 93 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sehen KI als Chance und Erweiterung ihrer Fähigkeiten, doch viele Unternehmen stecken noch im Abwarten fest. Wer jetzt nicht investiert, verliert. Die Zeitersparnis von 113 Minuten pro Tag ist kein Selbstzweck – sie ist der Weckruf, Arbeit neu zu denken.“

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Forschung & Lehre sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.