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Bruchteile von Urlaubstagen: Wann darf man auf- oder abrunden?

Personalwirtschaft: Wie kann es dazu kommen, dass Mitarbeitende Anspruch auf Bruchteile von Urlaubstagen – also etwa einen halben Tag oder ein Drittel eines Tages? 
Kathrin Vossen: Ein Anspruch auf einen Bruchteil von Urlaubstagen kann grundsätzlich in verschiedenen Fällen entstehen. Am häufigsten dürfte der Grund sein, dass ein Arbeitsverhältnis im laufenden Kalenderjahr endet oder beginnt. Dabei gilt nämlich der sogenannte Zwölftelungsgrundsatz. 

Was besagt dieser? 
Die Beschäftigten haben grundsätzlich Anspruch auf ein Zwölftel des Jahresurlaubes für jeden vollen Monat, in dem das Arbeitsverhältnis besteht. Wird zum Beispiel ein Arbeitsverhältnis mit einem 25-tägigen Jahresurlaubsanspruch zum 30. April beendet, besteht ein Urlaubsanspruch von (25:12) x 4, also 8,33 Urlaubstagen.  

Gibt es weitere Fälle, in denen es zum Anspruch von Urlaubstag-Bruchteilen kommen kann? 
Der Urlaubsanspruch kann für die Zeit des Wehrdienstes oder einer in Anspruch genommene Elternzeit gekürzt werden. Auch hier gilt der Zwölftelungsgrundsatz.  

Gilt das für den gesamten Urlaubsanspruch? 
Die gesetzlichen Regelungen gelten grundsätzlich für den gesetzlichen Mindesturlaub, finden aber bei fehlender Regelung im Arbeitsverhältnis auch auf den vertraglichen Mehrurlaub Anwendung.  

Kathrin Vossen arbeitet seit über 14 Jahren als Rechtsanwältin bei der Kanzlei Oppenhoff & Partner Rechtsanwälte. Foto: Oppenhoff & Partner
Kathrin Vossen arbeitet seit über 14 Jahren als Rechtsanwältin bei der Kanzlei Oppenhoff & Partner Rechtsanwälte. Foto: Oppenhoff & Partner

Nun wissen wir, wie es zu Bruchteilen von Urlaubstagen kommen kann. Aber was passiert mit ihnen? Haben Mitarbeitende dann ein paar Stunden frei? 
Wenn halbe Urlaubstage entstehen, weil das Arbeitsverhältnis im laufenden Kalenderjahr endet oder beginnt, ist der Urlaubsanspruch auf volle Tage aufzurunden. Hier beläuft sich der Anspruch also nicht, wie man annehmen könnte, auf 0,5 Tage. Dies ist ausdrücklich im Bundesurlaubsgesetz vorgesehen.  

Und in anderen Fällen? 
Besteht dagegen ein Anspruch auf (mindestens) einen halben Urlaubstag wegen einer sonstigen Kürzung – etwa aufgrund einer in Anspruch genommenen Elternzeit oder eines geleisteten Wehrdienstes –, gilt die Rundungsregel nicht. Der verbleibende Urlaubsanspruch ist dann grundsätzlich in der entsprechenden Summe zu gewähren werden, eine Aufrundung ist aber selbstverständlich freiwillig möglich.   

Darf umgekehrt bei zum Beispiel 27,25 Tagen abgerundet werden? 
Ohne eine anderweitige ausdrückliche gesetzliche, tarifvertragliche oder arbeitsvertragliche Regelung darf keine Abrundung erfolgen. Nach der Rechtsprechung verbleibt es dann bei dem Anspruch auf den bruchteiligen Urlaubstag, auch wenn er weniger als einen halben Tag beträgt. Im Arbeitsvertrag kann eine Abrundungsregel für den vertraglichen Mehrurlaub vereinbart werden, nicht aber für den gesetzlichen Mindesturlaub. 

Was raten Sie Unternehmen, um Missverständnisse oder sogar Rechtstreitigkeiten vorbeugen? 
Um Unklarheiten mit eventuell rechtlichen Folgen zu vermeiden, empfiehlt sich grundsätzlich eine klare vertragliche Regelung zur Behandlung von Bruchteilen von Urlaubstagen. Wichtig ist hier, deutlich zwischen dem vertraglichen Mehrurlaub und dem gesetzlichen Mindesturlaub zu unterscheiden. Das Thema ist komplex. Entscheidet sich ein Unternehmen dazu, vertraglichen Mehrurlaub zu gewähren, empfiehlt es sich meines Erachtens grundsätzlich, professionelle Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen. So können unwirksame Klauseln und ein Rückfall auf die strengen Regelungen zum gesetzlichen Mindesturlaub verhindert werden. 

Rechtsstreit vor dem BAG wegen Bruchteilen von Urlaubstagen

In einem Fall vor dem Bundesarbeitsgericht ging es um die Klage einer Fluggastkontrolleurin im Schichtdienst. Die Urlaubsberechnung ergab für sie 28,15 Urlaubstage im Jahr 2016. Der Arbeitgeber rundete ab und gewährte der Frau 28 Tage Jahresurlaub. Die Arbeitnehmerin war der Ansicht, ihr stehen die restlichen 0,15 Urlaubstage zu. Das Bundesarbeitsgericht entschied ebenso wie Vorinstanz, dass der Urlaubsanspruch der Klägerin nicht auf 28 Arbeitstage abzurunden ist (BAG, Urteil vom 08.05.2018, Az. 9 AZR 578/17). Demnach kommt eine Rundung von Bruchteilen von Urlaubstagen ohne eine gesonderte “Rundungsvorschrift” nicht in Betracht. Weder das Bundesurlaubsgesetz noch der im vorliegenden Fall anwendbare Manteltarifvertrag enthalten eine spezielle Regelung zu Abrunden von Urlaubstagen.

Bereits in einem vorangegangenen Urteil hatte das BAG entschieden: Hat ein Arbeitnehmer Anspruch auf Urlaub, der weniger als einen halben Urlaubstag beträgt, ist der Anspruch weder auf volle Urlaubstage auf-, noch auf volle Urlaubstage abzurunden, sofern nicht gesetzliche, tarif- oder arbeitsvertragliche Bestimmungen Abweichendes regeln (BAG, Urteil vom 23.01.2018, Az. 9 AZR 200/17).

Fazit: Das Bundesurlaubsgesetz erlaubt ein Aufrunden, wenn ein Bruchteil eines Urlaubstages einen halben Tag oder mehr beträgt. Falls der Bruchteil dagegen weniger als einen halben Urlaubstag beträgt, ist der Arbeitnehmer – vorausgesetzt es besteht keine spezielle Regelung zum Abrunden – entsprechend des Bruchteils stundenweise von der Arbeit zu befreien. 

ist freier Journalist aus Biberach/Baden und schreibt regelmäßig News und Artikel aus dem Bereich Arbeitsrecht.

Gesine Wagner ist hauptverantwortlich für die Themen Arbeitsrecht, Politik und Regulatorik und ist Ansprechpartnerin für alles, was mit HR-Start-ups zu tun hat. Zudem schreibt Sie über Recruiting und Employer Branding.