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Mitarbeiter und Führungskräfte zunehmend psychisch belastet

Erschöpfter oder gestresster Mann im Homeoffice
Inzwischen stehen Fehltage aufgrund psychischer Belastung hierzulande auf Platz zwei aller Krankheiten. Foto: © marjan4782-stock.adobe.com

“Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt” lautet der Schwerpunkt des Reports “Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – Berichtsjahr 2019”, den die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) wieder im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) erstellt hat. Die Analyse zeigt, dass die Krankenstände in Deutschland wie in den vergangenen Jahren weiterhin rückläufig sind. Bei den “psychischen und Verhaltensstörungen” hingegen nahm die Zahl der Fehltage auch gegenüber 2018 erneut zu: Von den insgesamt 712 Millionen Arbeitstagen, die aufgrund von Arbeitsunfähigkeit ausfielen, gingen 16,5 Prozent auf diese Diagnose zurück. Damit lagen seelische Leiden bei den Fehltagen auf Platz zwei nach Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems mit einem Anteil von 22,3 Prozent und noch vor Krankheiten des Atmungssystems mit 13,1 Prozent. Psychische Erkrankungen stehen mit 41,7 Prozent außerdem weiterhin an erster Stelle der Ursachen für Frühverrentungen wegen verminderter Erwerbsfähigkeit.

Flexibles Arbeiten erhöht Handlungsbedarf der Arbeitgeber

Nach Ansicht der Autoren des Berichts ist der Handlungsbedarf in der Arbeitswelt offensichtlich, zumal die zunehmende Digitalisierung sowohl die kognitiven als auch die emotionalen Anforderungen der Arbeitnehmer erhöhe. Dazu kommt der Trend hin zu flexiblem Arbeiten und Kommunizieren, der schon vor der Corona-Krise eingeleitet wurde. Diese Entwicklung könne zwar die Vereinbarkeit von Job und Privatleben erleichtern und Arbeitswege reduzieren, aber auch zu ständiger Erreichbarkeit und der Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben führen.

Vermehrter Stress durch Arbeitstempo, Druck und Multitasking

Die aktuelle Studie bezieht Daten des BAuA-Stressreports Deutschland, ebenfalls von 2019, mit ein. Er zeigt auf, dass Stressfaktoren bezüglich Arbeitsinhalt und -organisation zwar seit 2012 leicht rückläufig, aber immer noch auf hohem Niveau sind. Die subjektive Belastung hat außerdem teilweise zugenommen. Das bezieht sich vor allem auf die Arbeitsintensität einschließlich Überforderung durch quantitative Anforderungen, die mangelnde Erholung wie allgemeine Müdigkeit, Mattigkeit, Erschöpfung und Schlafstörungen bewirken.

Der Bericht verzeichnet einen Anstieg von jeweils acht Prozent, was die subjektive Belastung durch hohes Arbeitstempo und Arbeiten am Limit betrifft. Der empfundene Termin- oder Leistungsdruck hat um sieben Prozent und das Multitasking um sechs Prozent zugenommen. Stress durch Multitasking liegt bei den Stressoren aus Arbeitsinhalt und -organisation an erster Stelle: 60 Prozent der Befragten sagen, dass ihre Tätigkeit häufig die gleichzeitige Betreuung verschiedenartiger Aufgaben erfordert. Den zweiten Platz mit 48 Prozent nimmt starker Termin- oder Leistungsdruck ein, dicht gefolgt von Monotonie durch oft ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge (47 Prozent), sowie häufige Störungen und Unterbrechungen bei der Arbeit (46 Prozent). Bei der Arbeitszeitorganisation als Stressfaktor zeigt sich, dass der Anteil der Mitarbeiter, die mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten, seit 2006 um drei Prozent auf zwölf Prozent gestiegen ist.

Mitarbeiter haben weniger Tätigkeitsspielräume als vor einigen Jahren

Aus der Analyse geht auch hervor, dass sich der Handlungsspielraum der Berufstätigen verkleinert hat. 2019 konnten 64 Prozent ihre Arbeit oft eigenständig planen und einteilen, während es 2012 noch 70 Prozent waren. Häufigen Einfluss auf die Arbeitsmenge hatten nur noch 29 Prozent gegenüber 32 Prozent sieben Jahre zuvor. Die Studie verweist darauf, dass Tätigkeitsspielräume ebenso wie die Arbeitsintensität, Arbeitszeiten und auch die Führung als Schlüsselfaktoren für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter einen besonderen Stellenwert haben und entsprechend zu beachten sind. Die soziale Unterstützung durch Vorgesetzte sei zwar weiterhin auf hohem Niveau gegeben, aber nach wie vor verbesserungswürdig.

Soziale Unterstützung durch Kollegen verbessert Wohlbefinden

Ein weiteres Ergebnis der Reports: Eine hohe Arbeitsmenge und eine große Unklarheit bezüglich der Arbeitsaufgaben beeinträchtigen das mentale Abschalten vom Job. Dies wirke sich negativ auf das Wohlbefinden aus und gelte als wichtiger Frühindikator für langfristige Gesundheitsbeeinträchtigungen. Soziale Unterstützung durch Kollegen könne dem jedoch entgegenwirken. Die Ergebnisse deuten laut Studie darauf hin, dass soziale Unterstützung direkt als gesundheitsförderlicher Faktor angesehen werden kann.

Vorgesetzte noch gestresster als ihre Mitarbeiter

Diese Erkenntnis dürfte wichtig für Arbeitgeber sein, zumal immer mehr Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, höchstwahrscheinlich auch noch nach der immer noch anhaltenden Krise. Das Ergebnis legt nahe, dass es für Vorgesetzte darauf ankommt, die Kommunikation unter Kollegen und deren soziale Unterstützung zu gewährleisten. Gleichzeitig sind Führungskräfte aber selbst ebenfalls in höherem Maße Stress ausgesetzt und oft überfordert: Bei fast allen untersuchten Stressoren aus Arbeitsinhalt und -organisation – bis auf Monotonie und zu wenig Handlungsspielraum – sind die Werte laut Studie gestiegen und liegen zudem höher als bei Mitarbeitern ohne Führungsverantwortung.

Burnout von Führungskräften erhöht Wechselbereitschaft deutlich

Die hohe Stressbelastung von Führungskräften bestätigt eine weitere Studie: Für den “Global Leadership Forecast 2021” von DDI wurden von Februar bis Juli des vergangenen Jahres mehr als 15.000 Führungskräfte und 2.102 HR-Experten aus über 1.740 Unternehmen befragt. Danach fühlen sich fast 60 Prozent der Führungskräfte am Ende des Arbeitstages erschöpft und ausgebrannt. Im Jahr des ständigen Wandels haben die Führungskräfte an Vertrauen in die Unternehmensführung verloren, was durch Burnout und ein Gefühl permanenter Krise noch verstärkt wird. Das wiederum wirkt sich negativ auf die Bindung aus: Führungskräfte, die sich ausgebrannt fühlen leiden, verlassen ihr Unternehmen dieses Jahr voraussichtlich fast viermal häufiger als nicht Betroffene. Das sei umso gravierender, als auch 86 Prozent des potenziellen Führungskräftenachwuchses sich ausgebrannt fühlen und noch einmal doppelt so häufig Abwanderungsgedanken haben wie die derzeitigen Führungskräfte.

Der Report “Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – Berichtsjahr 2019” (SuGA) steht zum > Download bereit. Zum DDIs Global Leadership Forecast 2021 geht es > hier.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.