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„Nur wenige Unternehmen haben ihre HR-Strategie auf Nachhaltigkeit ausgerichtet“

Personalwirtschaft: Wie definieren Sie „Green HRM“ und worin grenzt sich das vom Thema ESG ab?
Kai Anderson: ESG ist ein Framework, mit dem die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Handelns eines Unternehmens auf die Welt und die damit einhergehenden Verantwortlichkeiten und Maßnahmen dargestellt werden. Die Aufgaben von HR im Kontext Nachhaltigkeit – also Green HRM – sind zweigeteilt: einerseits liefert Green HRM einen wesentlichen Beitrag zu sozialer Nachhaltigkeit, dem „S“ in ESG. Andererseits kann HR einen Beitrag leisten, die Transformation des gesamten Unternehmens zu mehr Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Wir reden hier von Arbeit an der Unternehmenskultur, Neuausrichtung der Incentive-Systeme und Entwicklung entsprechender Skills und Kompetenzen, wie sie zum Beispiel für die Kreislaufwirtschaft benötigt werden.

Woran könnte es liegen, dass sich HR bisher kaum um nachhaltige beziehungsweise grüne Themen kümmert?
Wir haben Anfang des Jahres eine Studie veröffentlicht, die aufzeigt, dass Nachhaltigkeit immer mehr Einzug in unternehmerisches Handeln und in die Agenden der HR-Bereiche hält. HR ist jedoch noch deutlich davon entfernt, das Thema konsequent zu bespielen und ESG als strategisches Fokusthema zu verankern. Aus unserer Sicht liegt dies daran, dass viele HR-Mitarbeitende weiterhin in ihren Silos stecken und das Thema Nachhaltigkeit ganzheitlich gedacht werden soll, sprich HR-übergreifend. Nur wenige Unternehmen haben ihre HR-Strategie auf Nachhaltigkeit ausgerichtet und mit langfristigen Aktivitäten zur Umsetzung verbunden. Zudem fehlt oft die Vernetzung mit anderen beteiligten Unternehmensfunktionen, wie Corporate Social Responsibility oder einem Sustainability Office.

In welchen Bereichen in HR müssen Personaler künftig „grün“, sprich nachhaltig werden?
Soziale Nachhaltigkeit oder People Sustainability umfasst das gesamte unternehmerische Ökosystem und damit alle Tätigkeiten von HR. Wir haben bei Mercer bereits vor drei Jahren einen Standard definiert, der an die Maslow’sche Pyramide angelehnt ist. Unser People Sustainability Framework zeigt auf, wie HR Nachhaltigkeit ganzheitlich denken kann. Das Fundament bildet die Einhaltung universeller Menschenrechte, das Grundbedürfnis nach Arbeit und die damit verbundene Arbeitsplatzsicherheit. Auf der nächsten Ebene stehen Wohlstand und Gesundheit, also die körperliche und geistige Unversehrtheit, aber auch eine angemessene Vergütung und ein sorgenfreies Auskommen über die Arbeitszeit hinaus, auch im Ruhestand. An der Spitze der Pyramide findet sich die individuelle Weiterentwicklung – ähnlich der Selbstverwirklichung nach Maslow. Diese bedürfnisorientierten Dimensionen werden durch die normative Dimension der Diversity, Equity & Inclusion ergänzt. Eine wirkliche soziale Verantwortung wird nur dann gelebt, wenn die Belegschaft die Diversität der Gesellschaft abbildet und allen die gleichen Chancen in der Organisation zugesprochen werden, unabhängig von Alter, Geschlecht, Ethnie, sexueller Orientierung oder Gesinnung.

Wie spiegelt sich grüne, nachhaltige Personalpolitik in den HR-spezifischen Prozessen wieder?
Eine nachhaltige Personalpolitik zeichnet sich dadurch aus, dass sie eng mit der Nachhaltigkeits-Strategie des Unternehmens verbunden ist. In der Entstehung – oder Überarbeitung – dieser Strategie soll HR stark beteiligt sein. Die Ausrichtung der HR-Strategie bedingt klare Ziele für die HR-Organisation, eine Definition zukünftiger Leistungen und Services seitens HR und die Ableitung entsprechender Voraussetzungen. Hier sollten Schwerpunkte gesetzt werden, in denen die Veränderung greifbar wird. Dies kann zum Beispiel der Bereich Entwicklung und Employability sein oder aktuelle Themen wie mentale Gesundheit oder Inclusive Leadership. Das Thema bietet die Chance, ein neues Kapitel nachhaltigen Personalmanagements für die HR-Mitarbeitenden, aber auch die Empfängerinnen und Empfänger von HR-Leistungen, also alle Mitarbeitenden, aufzuschlagen. Nachhaltigkeit hat das Potenzial zu begeistern, denn die Präferenz für Arbeitgeber die nachhaltig handeln, steigt kontinuierlich.

Ulli Pesch ist freier Journalist und schreibt regelmäßig über das Thema HR-Software in der Personalwirtschaft.