Führung: Lassen sich Hierarchien im Unternehmen abschaffen?

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Direktor, Präsidentin, Vizepräsident – all das gibt es bei der Schweizer Tochtergesellschaft des Versicherungskonzerns AXA seit Beginn des Jahres nicht mehr. Mit der Abschaffung von Jobtiteln, und damit auch internen Kennzeichnungen von Unternehmenshierarchien, hat die AXA Schweiz Schlagzeilen gemacht. Die veralteten Strukturen passten nicht mehr zur angestrebten Unternehmenskultur, sagte Personalchefin Daniela Fischer gegenüber dem Schweizer „Blick“. Mit dem Streichen der Bezeichnungen allein ist es für sie nicht getan. 450 Jobprofile und 13 Verantwortungsstufen im Konzern wurden neu definiert, berichtet der Blick. Ein neues Lohnsystem für mehr Transparenz bei Boni wurde eingeführt. Durch die Maßnahmen sollen die Mitarbeitenden sich tatsächlich auf der so oft betonten Augenhöhe im Unternehmen begegnen.

Konzern in den Händen der Belegschaft

Ein radikaler Schritt, den auch hierzulande so oder ähnlich bereits Unternehmen erfolgreich gegangen sind. 2023 zeichnete die Personalwirtschaft die IT-Beratung Arineo mit dem Deutschen Personalwirtschaftspreis aus. Sie ist seit dem 1. Januar 2024 ein Stiftungsunternehmen, das komplett in den Händen der Mitarbeitenden liegt. Arineo wird nach dem „Modell der kollegialen Organisation“ geführt. Klassische Chefaufgaben werden dabei auf viele verschiedene Schultern verteilt – nach Stärken, nicht nach Hierachieebenen. „Wenn ein Kundenprojekt ansteht, dann wird ein Projektteam gebildet. Die Einteilung übernimmt jedoch nicht beispielsweise HR, sondern die Mitarbeitenden, die eine passende Prägung dafür haben und die Erfahrung mitbringen,“ erklärte Ralf Mackowiak, Strategy und Business Developer bei Arineo, damals im Interview mit der Personalwirtschaft. Eine Geschäftsführung gibt es im Unternehmen nur, da dies arbeitsrechtlich notwendig ist. Sie versteht sich als beratenden Instanz.

Auf einmal ist der Chef ist weg

Christian Pukelsheim testete das Abgeben von Verantwortung zunächst auf Zeit. Sein Unternehmen, den mittelständischen Scherenhersteller Robuso, führt er in vierter Generation und ging mit seiner Familie kurzerhand ein Jahr auf Weltreise. Der Belegschaft stellte Pukelsheim während seiner Abwesenheit einen Unternehmensberater zur Seite und ließ sie Robuso eigenverantwortlich führen. Dies funktionierte so gut, dass Pukelsheim sich nach seiner Rückkehr aus dem operativen Geschäft zurückzog. „So heißt es schnell: ‚Wenn der Chef jetzt hier wäre, dann…‘ Aber es ist ja nicht so, dass es in Anwesenheit des Chefs keine Probleme gegeben hätte,“ heißt in Pukelsheim Buch „Radikal weg“, das er über seine Erfahrungen schrieb. Mit seiner Abreise, so Pukelsheimers Fazit, wäre die Belegschaft zum schnelleren Handeln gezwungen worden – und hätte schließlich für alles eine Lösung gefunden.

Wir haben Christian Pukelsheim gefragt, was er einer HR-Abteilung raten würde, die mehr Eigenverantwortung im Unternehmen unterstützen möchte. „Eigenverantwortung nur machen, weil es hipp ist, funktioniert nicht,“ meint der Unternehmenschef. Viel entscheidender sei es ein gemeinsames Wertefundament zu schaffen, dass sich durch das komplette Unternehmen zieht.

Hürden müssen überwunden werden

Bei allem Optimismus: Der Weg hin zu Eigenverantwortung und Selbstorganisation erfordert oft langen Atem und ist nicht immer mit durchschlagendem Erfolg gekrönt. Ein Beispiel dafür ist Buurtzorg, ein selbstorganisierter Pflegedienst nach niederländischem Vorbild, wo das Konzept 2006 an den Start ging und inzwischen 14 500 Mitarbeitende hat. Buurtzorg Deutschland wurde 2018 gegründet, 2020 mit dem vdek-Zukunftspreis ausgezeichnet – und meldete 2022 Insolvenz an. Gründer Udo Janning sah dies nicht als Scheitern an, sondern als Zeichen, dass die angestrebte Entwicklung zu schnell war, um die alten Strukturen abzubauen, wie er der Zeitschrift „Häusliche Pflege“ 2022 gegenüber erklärte. Heute gibt es in nur in Münster und München noch zwei kleine Teams in lokalen Modellprojekten. Mut zum Wandel bedeutet eben auch, bei Rückschlägen nicht gleich aufzugeben.

Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

Frederic Haupt war Volontär der Personalwirtschaft.