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So unterstützen deutsche Unternehmen ihre Belegschaft in der Ukraine

Wie können Mitarbeitende, die in der Ukraine arbeiten und sich nun im Kriegsgebiet befinden, unterstützt werden? Mit dieser Frage beschäftigen sich derzeit einige deutsche Unternehmen, die Niederlassungen in der Ukraine oder einen Bezug zum osteuropäischen Land haben. Für sie gilt es jetzt, die Mitarbeitenden bestmöglich zu schützen und gleichzeitig abzuwägen, ob der Betrieb eingestellt werden soll. Das ist keine leichte Aufgabe. Vor allem auch durch die oftmals vorhandene geografische Distanz zwischen der Zentrale in Deutschland und den ukrainischen Standorten sowie der unklaren, sich schnell ändernden Kriegslage. Wenn Telefonnetz und Internet einbrechen, kann auch die Technik die Kommunikation mit den Mitarbeitenden nicht erleichtern.

Der Konsumgüterproduzent Henkel hat sich für eine Schließung seiner vier Standorte in der Ukraine entschieden. Das schließt allerdings keinesfalls mit ein, dass die Kommunikation mit den Beschäftigten ebenfalls gestoppt wird. Im Gegenteil: „Wir sind im ständigen Austausch mit unseren Mitarbeitenden vor Ort und haben sie angewiesen, bis auf Weiteres nicht zur Arbeit kommen“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Trotz der niedergelegten Arbeit müssen die rund 600 betroffenen Mitarbeitenden nicht mit einem Wegfall von finanziellen Mitteln rechnen. Sie sind bezahlt freigestellt und erhalten zusätzliche finanzielle Hilfe vom Unternehmen. Darüber hinaus würden „Hilfsaktionen“ organisiert.

Evakuierung in Hotels

Von dem Krieg direkt betroffen sind auch Mitarbeitende des Berliner Jungunternehmens Autodoc, das einen Online-Shop für Pkw- und Lkw-Ersatzteile betreibt. 120 Beschäftigte waren noch vor Kurzem in Charkiw nahe der russischen Grenze tätig, weitere 120 in der Hauptstadt Kiew und rund 800 in Odessa am Schwarzen Meer. Das Unternehmen scheint die Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putins und dessen sich zuspitzenden Konflikt mit der NATO bereits vor Kriegsausbruch ernst genommen zu haben: „Wir haben schon vor Wochen eine Evakuierung unserer Standorte vorbereitet“, sagt ein Autodoc-Sprecher, „und bereits Busse und Hotelunterkünfte in sicheren Regionen angemietet.“ Diese kamen nun – je nach eingeschätzter Sicherheitslage vor Ort – zum Einsatz.

Mit den Bussen seien Mitarbeitende und deren enge Angehörige in die Schutzunterkünfte gefahren worden – beides sei für die Beschäftigten kostenfrei. Ob sie von ihrem Hotelzimmer aus weiterarbeiten möchten, könnten die Mitarbeitenden selbst entscheiden. Zahlreiche von ihnen scheinen die Ablenkung, die eine Weiterarbeit bietet, dankend anzunehmen: „Viele Mitarbeitende machen von der Möglichkeit Gebrauch, remote zu arbeiten“, sagt der Unternehmenssprecher. Die technischen Voraussetzungen dafür seien durch die Pandemie bereits geschaffen, neue Laptops fürs mobile Arbeiten den Beschäftigten nun zusätzlich übergeben worden. Über ein Angebot von psychologischer Unterstützung denke das Krisenteam in Odessa und Berlin derzeit zudem nach.

Auch ohne Niederlassung in der Ukraine gibt es Mitarbeitende, die direkt mit dem Kriegsgebiet verbunden und von den aktuellen Ereignissen getroffen sind. Dessen sind sich einige Unternehmen bewusst und versuchen auch Mitarbeitenden in Deutschland Unterstützungsangebote zu machen. So auch die Deutsche Bahn: Personalvorstand Martin Seiler, gab auf Linkedin bekannt, dass alle Mitarbeitenden des Verkehrsunternehmens, die Familienangehörige in der Ukraine haben, von der Arbeit freigestellt werden. Das Telekommunikationsunternehmen Magenta Telekom bietet laut CEO Andreas Bierwirth allen Beschäftigten mit einem Bezug zur Ukraine „psychologischen Support“ an.

Lohnverzicht als Hilfe für andere

Einen Schritt weiter geht das populärwissenschaftliche Magazin Katapult. Dort verzichten zwanzig Mitarbeitende auf einen Teil ihres Gehalts – ein Mitarbeiter sogar auf seinen gesamten Lohn –, um finanzielle Mittel zu sammeln, mit denen 20 Menschen aus der Ukraine im Unternehmen eingestellt werden sollen. Ein Ziel dabei: Die Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet aufrechtzuerhalten.

„Wir verzichten so lange auf einen Teil unseres Gehalts, bis wir genug Geld zusammen haben, um wieder die komplette Bandbreite unserer Berichterstattung finanzieren zu können“, sagt Chefredakteur Benjamin Friedrich. Er gehe davon aus, dass dies drei bis sieben Monate benötigt. Dem finanziellen Risiko, das man mit diesem Schritt eingehe, sei man sich bewusst. In die arbeitsrechtliche Grauzone begebe sich Katapult damit nicht. „Wenn wir nur noch die Hälfte unseres Gehalts erhalten, liegen wir damit knapp über dem Mindestlohn“, sagt Friedrich.

Die Suche nach neuen ukrainischen Mitarbeitenden war nicht erfolglos. Bisher hätten sich 40 Interessenten gemeldet. Die Bewerbungen würden nun gesichtet werden. Strenge Ausschlusskriterien aufgrund nicht vorhandener Stationen im Lebenslauf gebe es nicht. „Wenn sie journalistische Fähigkeiten und Lust auf die Arbeit mit uns haben, reicht das fürs Erste“, sagt der Chefredakteur.

Beratungsangebot für betroffene Arbeitgeber

Wer anders als die vorgestellten Unternehmen als Arbeitgeber nicht weiß, wie Mitarbeitenden in der aktuellen Lage geholfen werden kann und einen Berater sucht, kann sich unter anderem an die örtliche Industrie- und Handelskammer (IHK) wenden. Die IHK Frankfurt am Main beispielsweise hat eine Hotline für Mitglieder eingerichtet, die in der Ukraine oder in Russland tätig sind. Und das sind nicht wenige. Laut Angaben der IHK Frankfurt befinden sich im eigenen Verband rund 200 Unternehmen aus der ukrainischen Business-Community und 300 aus der russischen. „Die wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Ereignisse können schwerwiegend sein“, sagt Ulrich Caspar, Präsident der IHK Frankfurt. „Die Unternehmen mit Geschäftsverbindungen in die Ukraine bangen nicht nur um ihre Geschäftskontakte, sondern auch um ihre Mitarbeitenden vor Ort.“

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.

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