Schon Konfuzius sagte: Wer tut, was er liebt, muss nie mehr arbeiten. Für wen klingt es nicht verlockend, jeden Tag eine Tätigkeit mit Leichtigkeit ausüben, die nicht nur den Lebensunterhalt sichert, sondern auch persönliche Erfüllung und Freude bringt.
Aber kann zu viel Leidenschaft für den Beruf auch dafür sorgen, dass wir unsere eigenen Grenzen übersehen oder sogar ins Burnout geraten? Wie viel Leidenschaft ist zu viel und was können wir tun, um die richtige Balance zu finden?
Zielbild „Beruf als Berufung“ – was steckt dahinter?
Für den Job brennen, das Hobby zum Beruf machen und sich jeden Tag durch die Arbeit selbst verwirklichen – wer wünscht sich das nicht? Aber warum eigentlich? Ungefähr ein Drittel unserer Lebenszeit verbringen wir mit Arbeiten. Da ist es nur logisch, dass für viele der Job zum Teil der eigenen Identität wird.
Wenn wir unsere Arbeit als sinnvoll erleben, fühlen wir uns erfüllt. Unser Beruf kann uns auch dabei helfen, einen Zweck außerhalb des eigenen Selbst zu finden und uns so zu vermitteln, dass wir an etwas Wichtigem mitwirken. Kurz gesagt: Unser Beruf hilft uns, wichtige menschliche Bedürfnisse nach Anerkennung und Selbstverwirklichung, wie schon vom US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow beschrieben, zu befriedigen.
Für viele jüngere Generationen kommt hinzu, dass der Dauerkrisenmodus ihre Perspektiven und Werte nachhaltig verändert hat – und damit auch das, was sie sich von der Arbeit versprechen. Die meisten jungen Menschen bezweifeln, dass sie den Wohlstand vorheriger Generationen erreichen können und haben ihre Überzeugungen dementsprechend angepasst. Und das hat auch zu einem Wertewechsel hin zu immateriellen Werten wie Gesundheit und Selbstbestimmung geführt. Mit der Arbeit möchten sie nicht nur den Lebensunterhalt bestreiten, sondern durch ihn eine Sinnhaftigkeit erfahren und sich durch ihre Tätigkeiten erfüllt fühlen.
Wie viel Leidenschaft für den Job ist richtig?
Wenn wir leidenschaftlich bei der Sache sind, verschwimmen oft die Grenzen zwischen persönlichem Glück und beruflichen Erfolgen. In guten Zeiten ist das großartig, denn wir lieben, was wir tun und fühlen uns motiviert durch unsere Erfolge. Doch in schlechten Zeiten kann das heißen, dass wir berufliche Rückschläge auf uns persönlich beziehen und unser Glück am Level unseres Erfolgs messen. Dann kann es passieren, dass wir so lange brennen, bis wir im schlimmsten Fall ausbrennen.
Denn: Ein sehr hohes Maß an Leidenschaft kann dazu führen, dass wir mehr und mehr Zeit und Energie in die Arbeit investieren, unsere psychologische Distanz zum Job verringern und die eigene Erschöpfung ignorieren oder unterschätzen. Dieser Mangel an Abgrenzung birgt das Risiko einer Work-Life-Imbalance, bei der persönliche Bedürfnisse, Beziehungen und Erholungsphasen vernachlässigt werden.
Wenn die Grenze zwischen wer wir sind und was wir tun verschwimmt und wir unser Wohlbefinden automatisch davon ableiten, wie es derzeit im Job läuft, besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass wir nicht nur dieses davon abhängig machen. Auch unser Selbstwert, wie wir uns im Vergleich zu anderen wahrnehmen und ob wir stolz auf uns selbst sein können, kann so schnell maßgeblich von unserem beruflichen Erfolg oder Misserfolg beeinflusst werden.
Diese Attribution unseres eigenen Selbstwerts und Wohlbefindens auf den Job ist nicht nur ungesund, sondern auch irrational. Denn das Leben besteht aus mehr als unserem Job. Zudem haben wir auf viele externe Faktoren unserer Arbeit, wie zum Beispiel eine schlechte Marktlage, schlichtweg wenig Einfluss. Wir sind nicht unser Job, sondern wir haben einen Job.
Wie schaffen wir die richtige Balance?
Um die richtige Balance zu schaffen, ist es wichtig zu verstehen, dass es eine gute, maßvolle, aber auch eine zwanghafte Leidenschaft gibt. Sind wir überidentifiziert mit unserer Arbeit, kann unsere Leidenschaft zu emotionaler Instabilität, chronischem Stress und Erschöpfung führen.
Um das eigene Wohlbefinden und den Selbstwert zu stärken, ist es daher extrem wichtig zu verstehen, wer wir außerhalb unserer Arbeit sind und dass es mehrere Facetten gibt, die uns ausmachen.
Was helfen kann, uns aus der oftmals unbewussten Identifikation mit dem Job zu befreien, ist zu reflektieren:
- Was macht uns auch außerhalb der Arbeit glücklich?
- Was ist uns alles im Leben wichtig und wie (sehr) wollen wir uns über diese Dinge definieren?
- Welche Lebensziele haben wir über berufliche Ziele hinaus?
Darauf basierend können wir aktiv daran arbeiten, andere Aspekte des Lebens wie persönliche Beziehungen, Hobbys und die eigene Gesundheit in den Vordergrund zu rücken.
Wie können Arbeitgeber unterstützen?
Auch als Arbeitgeber kann man dazu beitragen, Leidenschaft zu fördern, ohne dass daraus Leiden wird. Dabei helfen können unter anderem folgende Strategien:
- Ein gesundes Arbeitsumfeld schaffen, indem Grenzen und Pausen respektiert und eine Work-Life-Balance geschätzt werden
- Ressourcen bereitstellen, mit denen Mitarbeitende die eigene mentale Gesundheit und Resilienz stärken und so chronischem Stress und Burnout vorbeugen können
- Anstatt Leidenschaft durch zusätzlichen Druck zu verstärken, sollten Freiräume für persönliche Kreativität und Beteiligungsmöglichkeiten geboten werden, um eine harmonische und nicht erzwungene Leidenschaft zu fördern.
Fazit
Eine starke Leidenschaft für den Job kann uns glücklicher machen, aber auch zum Risikofaktor werden, wenn unser Wohlbefinden und unser Selbstwert zu stark vom Erfolg im Beruf abhängen. Daher ist es wichtig, unseren persönlichen Sweet Spot zwischen Identifikation mit dem Unternehmen und der Identifikation mit all unseren anderen Facetten zu finden. So können wir Freude und Erfüllung durch die Arbeit erleben, ohne dabei andere Aspekte unseres Lebens zu vernachlässigen oder unsere mentale Gesundheit in Gefahr zu bringen.
