Morgens um sieben ist das Smartphone im Spind. Der Azubi steht an der Werkbank. Nur seine Aufmerksamkeit scheint noch im nächtlichen Game zu stecken. Bis zwei Uhr gezockt, danach noch Nachrichten beantwortet, morgens den Wecker mehrfach weitergestellt. Eine zugespitzte Szene, aber eine, die das Problem gut beschreibt: Das Handy lässt sich während der Arbeit weglegen. Die Folgen der Nacht nicht.
Betriebe sollen für konzentriertes Lernen und sicheres Arbeiten sorgen. Doch es reicht nicht, ausschließlich die Gerätenutzung einzuschränken. Denn hinter dem Display warten nicht nur Unterhaltung und Ablenkung, sondern auch sozialer Druck, Vergleiche und manchmal Ausgrenzung. Es geht um einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien. Dafür braucht es Grenzen und Erwachsene, die sich selbst an diese halten.
Wenn aus „nur kurz“ Stunden werden
Wie viel Raum das Smartphone einnimmt, zeigt die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck“: 47 Prozent der befragten 14- bis 29-Jährigen schätzen ihre tägliche Smartphone-Zeit auf mehr als vier Stunden ein. Das sind Selbstauskünfte, keine technisch gemessenen Nutzungszeiten (und keine Angaben ausschließlich zu Auszubildenden). 38 Prozent stimmen in derselben Befragung der Aussage zu, dass sich die übermäßige Smartphone-Nutzung negativ auf ihre Leistung auswirke. Viele junge Menschen erkennen die Schwierigkeiten also selbst. Sie benötigen nicht unbedingt eine weitere Ermahnung, sondern Unterstützung beim Verändern ihrer Gewohnheiten.
Auch die 2026 veröffentlichte Mediensuchtstudie von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gibt Anlass, genauer hinzusehen: In der Erhebung vom Herbst 2025 nutzten 21,5 Prozent der 10- bis 17-Jährigen soziale Medien riskant. „Riskant“ bedeutet dabei nicht automatisch „abhängig“, aber vielleicht auf dem Weg dahin. Gemeint sind Nutzungsmuster mit Warnzeichen wie Schwierigkeiten beim Aufhören oder der Vernachlässigung anderer Aktivitäten, ohne dass bereits alle Kriterien einer Abhängigkeit erfüllt sind. Dazu kommt ein wachsender Trend der Chatbot-Nutzung, vor allem bei jungen Menschen, die bereits eine depressive Symptomatik haben.
Wenn Social Media am Selbstwert kratzt
Im „Feed“, dem laufend aktualisierten Strom von Beiträgen, begegnet der eigene Alltag einer algorithmisch zusammengestellten Auswahl fremder Höhepunkte: vermeintlich schneller Reichtum, makellose Erfolgsgeschichten oder idealisierte Körperbilder. Hinzu kommen verletzende Kommentare, bloßstellende Fotos und Ausgrenzung in Gruppenchats.
Das IW-Gutachten „Nutzung digitaler Medien von Kindern und Jugendlichen“ vom April 2026 beschreibt negative digitale Interaktionen als mögliche Belastung für die psychische Gesundheit.
Was Ausbilder tun können
Wie gehen Ausbildungsverantwortliche nun damit um? Im Gespräch mit den Azubis kann man nachhaken: „Welche Inhalte tun dir gut und nach welchen fühlst du dich schlechter?“ Im gemeinsamen „Workshop“ können Ausbildende mit der Azubi-Gruppe besprechen: „Woran erkennt ihr, dass ein Versprechen im Netz unrealistisch ist?“, „Muss man im Gruppenchat sofort antworten?“ oder „Wann wird ein lustiger Kommentar verletzend?“ Daraus lassen sich gemeinsame Vereinbarungen ableiten. Beispiel: keine Erwartung sofortiger Antworten, keine Fotos von anderen ohne deren Zustimmung und kein Mitmachen bei bloßstellenden Kommentaren.
Nötig sind klare Regeln gegen digitale Herabwürdigung, vertrauliche Meldewege und konsequentes Handeln. Ein fiktiver Fall kann zum Üben dienen: Ein peinliches Foto landet im Gruppenchat – wie reagieren Betroffene, Mitlesende und Ausbildende? Nicht die Betroffenen sollten durch Rückzug das Problem lösen müssen.
Was wir vorleben, zählt
Private Ablenkung hat an Maschinen, beim Fahren oder in anderen gefährlichen Situationen keinen Platz. Auch Kundengespräche und Unterweisungen benötigen ungeteilte Aufmerksamkeit. Hilfreich sind nachvollziehbare Vorgaben: Wann bleibt das Gerät verstaut? Wann darf es als Lernwerkzeug eingesetzt werden? Was gilt in Pausen? Betriebsrat und Jugend- und Auszubildendenvertretung sollten, soweit vorhanden und zuständig, einbezogen werden. Ausbildende können mit den Azubis typische Situationen durchspielen: Du wartest auf Material. Ist das eine private Handypause oder kannst Du währenddessen eine andere Aufgabe erledigen?
Unglaubwürdig werden Regeln, wenn der Ausbilder während der Unterweisung Nachrichten liest oder die Ausbildungsleiterin im Feedbackgespräch auf ihre Smartwatch schaut. Wenn eine berufliche Nutzung notwendig ist, hilft eine kurze Erklärung. Nicht dringliche Nachrichten sollten man warten lassen, denn Aufmerksamkeit ist auch eine Form von Wertschätzung.
Zum Vorbild gehört auch der Feierabend: keine spätabendlichen Aufgaben in der Azubi-Gruppe und klar kommunizierte Antwortzeiten. Wer Azubis zum Beispiel für das betriebliche Social-Media-Marketing einsetzt, sollte Aufgaben und Arbeitszeiten vereinbaren und bei verletzenden Kommentaren Hilfe anbieten. Reichweite darf nicht wichtiger werden als Wohlbefinden und Sicherheit.
Was hinter müden Augen steckt
Müdigkeit und Konzentrationsprobleme vorschnell dem Handy oder PC zuzuschreiben, wäre zu bequem. Vielleicht steckt nächtliches Spielen dahinter. Vielleicht aber auch Prüfungsangst, familiärer Stress, ein langer Arbeitsweg oder eine belastende Schichtplanung. Das Gespräch sollte bei Beobachtungen beginnen: „Mir fällt auf, dass du morgens häufig sehr müde bist und dir Fehler passieren. Wie geht es dir gerade?“ Das öffnet eher eine Tür als die Ferndiagnose „handysüchtig“.
Berichtet ein Azubi vom nächtlichen Spielen, lässt sich konkret weiterfragen: „Was macht das Aufhören schwierig? Die Spielrunde, die Freunde oder das Gefühl, etwas zu verpassen?“ Anschließend wird ein kleiner, selbst gewählter Schritt vereinbart – etwa ein festes Ausstiegsritual. Nach einer Woche folgt die Nachfrage: „Was hat funktioniert, was nicht?“ Unterstützung ersetzt dabei nicht die Erwartung, arbeitsfähig zur Ausbildung zu kommen.
Betriebe sind keine Ersatzeltern und nicht dafür da, private Nächte zu überwachen. Sie müssen aber reagieren, wenn Übermüdung die Arbeit gefährlich macht. Dann gilt zuerst: die riskante Tätigkeit unterbrechen und einen sicheren Einsatz klären. Das Grundsatzgespräch folgt danach.
Gemeinsam ausprobieren, was guttut
Schlaf, Erholung und digitale Selbststeuerung können Teil des Onboardings oder eines Gesundheitsworkshops sein. Zum Beispiel mit der Frage: Was hilft mir, morgens fit zu sein?
Ein freiwilliges Experiment macht das greifbar: nicht notwendige Push-Mitteilungen ausschalten, das Handy außerhalb des Schlafzimmers laden oder einen festen Ausstieg aus der Spielrunde vereinbaren. Jede Person wählt eine Veränderung und berichtet später, ob Konzentration oder Erholung davon profitiert haben. Persönliche Nutzungsdaten bleiben privat; niemand muss Bildschirmzeiten vorzeigen.
Auch im Betrieb kann geübt werden: Für eine überschaubare Lernaufgabe bleiben nicht benötigte Geräte und Benachrichtigungen außen vor – bei Azubis und Ausbildenden. Anschließend wird besprochen, was die Konzentration erleichtert hat. So wird Selbststeuerung zur erlernbaren Fähigkeit statt zur bloßen Forderung.
Wenn gute Ratschläge nicht mehr reichen
Wenn jemand trotz eigener Vorsätze nicht aufhören kann, dauerhaft erschöpft wirkt oder sich zurückzieht, reichen Alltagstipps möglicherweise nicht. Ausbildende müssen weder Therapie leisten noch Diagnosen stellen. Sie sollten vertrauliche Ansprechpartner und professionelle Hilfen vermitteln können.
Dabei müssen Betriebe nicht alles selbst entwickeln. Das BARMER-Programm „Gesunder Start“ für junge Beschäftigte nennt beispielsweise Selbstmanagement, Achtsamkeit und „Leben in Balance“ als wichtige Inhalte. Die konkrete Umsetzung können Unternehmen mit der Krankenkasse klären. Um Mediensucht zu verstehen und Hilfestellung zu geben, gibt es das TK-geförderte Portal webcare+.
Das Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit bietet mit „Ins Netz gehen“ Reflexionshilfen, einen Selbsttest und kostenlose Beratung für Jugendliche und Bezugspersonen. Solche Hinweise können sichtbar und diskret zugänglich ins Onboarding aufgenommen werden. Ein weiteres Präventionsangebot ist JUUUPORT. Dort erhalten junge Menschen bei Cybermobbing und anderen Onlineproblemen vertrauliche, kostenlose Beratung.
Was wir gemeinsam tun können
Gesellschaftlich wäre es zu einfach, die Lösung allein bei der Selbstdisziplin junger Menschen zu suchen, denn die Gestaltungselemente von Apps und Spielen sind auf eine möglichst lange Nutzung angelegt. Medienbildung, verantwortungsvolle Plattformgestaltung, Jugendschutz und erreichbare Hilfen müssen sich hier gegenseitig ergänzen.
Ausbildungsbetriebe können das nicht allein leisten. Aber sie können einen Gegenentwurf vorleben: konzentriertes Arbeiten, respektvolle Kommunikation und Erholung ohne Rechtfertigungsdruck.
Das Ziel ist nicht das widerwillig abgegebene Handy. Es sind junge Menschen, die digitale Angebote verantwortungsvoll nutzen können, ohne sich von ihnen beherrschen oder abwerten zu lassen.
Info
Die Kolumne „Wie Ausbildung gelingt“
Autoren der Kolumne sind Miriam Schöpp, Senior Referentin für Berufliche Bildung am KOFA Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V., und Dirk Werner, Leiter des Themenclusters Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte am KOFA.
