Das einstige Aushängeschild der deutschen Wirtschaft – die duale Berufsausbildung – bekommt zunehmend rostige Flecken. Neben den vielen unbesetzten Ausbildungsplätzen bereiten die zum Teil drastisch gestiegenen Abbrecherquoten Sorgen. Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stieg zwischen den Jahren 2005 und 2020 die Zahl der Ausbildungsabbrüche im dualen Ausbildungssystem kontinuierlich. Ein Blick auf die mit wachsenden Abbruchquoten immer dunkler gefärbten Deutschlandkarten aus den Jahren 2005, 2010, 2015 und 2020 zeigt eindrücklich, wie groß das Problem inzwischen ist.

Dabei sind die Unterschiede beträchtlich – sowohl regional wie auch zwischen verschiedenen Branchen. Negativer Spitzenreiter bei den Branchen ist der Bildungsbereich – das betrifft besonders Erzieherinnen und Erzieher, aber auch Ausbildungen im Bereich Logopädie oder anderen Berufen, die typischerweise mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten. Fast ein Viertel der Azubis bricht hier die Ausbildung ab. Schlecht sieht es auch aus bei der Ausbildung in der Gastronomiebranche und bei den haushaltsnahen Leistungen.

Was die regionale Verteilung betrifft, sind insbesondere im Nordosten und in der Rhein-Ruhr-Region, aber auch in Teilen von Rheinland-Pfalz die Abbruchquoten sehr hoch. So beendeten beispielsweise in Pirmasens 42,5 Prozent der Jugendlichen ihre Ausbildung nicht. Zum Vergleich: In Eichstätt in Bayern lag die Quote nur bei 11,3 Prozent.
Die Gründe für die großen regionalen Unterschiede sind vielgestaltig, die Zusammenhänge komplex. Das IAB führt die Unterschiede unter anderem auf die jeweilige Wirtschaftskraft und Unterschiede in der Branchenstruktur zurück. Die Verfasserin der Studie, Kerstin Ostermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim IAB, erklärt die Zusammenhänge.

Personalwirtschaft: Frau Ostermann, beim Vergleich der Ausbildungsabbruchszahlen von 2005 bis 2020 sticht der insgesamt extreme Anstieg der Abbruchzahlen ins Auge. Was sind nach Ihren Erkenntnissen die wesentlichen Faktoren für diesen Anstieg? Liegen die Gründe bei den Azubis? Bei den Betrieben? Bei der Entwicklung der wirtschaftlichen Situation?
Kerstin Ostermann: Die Studie betrachtet zunächst nur Zusammenhänge auf Landkreisebene, sodass wir bislang noch nichts gesichert über ursächliche Faktoren sagen können. Dennoch vermute ich, dass es, wie so oft, wahrscheinlich eine Mischung mehrerer Aspekte ist, die den Anstieg erklärt. Durch die im Vergleich zu früheren Kohorten kleineren Jahrgänge, beobachten wir immer mehr einen Arbeitnehmermarkt. Das heißt Jugendliche haben heutzutage mehr Bildungsmöglichkeiten (zum Beispiel zur Uni oder zu einer anderen Ausbildung) natürlich bei entsprechender Zugangsqualifikation. Aber auch der Anteil der Helfertätigkeiten stieg in den letzten Jahren an. Das bedeutet, dass junge Menschen auch leichter Arbeit ohne eine entsprechende Berufsausbildung finden. Solche Helfertätigkeiten werden oftmals sogar besser entlohnt als ihre Arbeit als Auszubildende im Betrieb.
Haben Sie Informationen dazu, wie es mit den Betroffenen nach dem Abbruch der Ausbildung weitergeht?
Knapp die Hälfte der Abbrecher zwischen 2005 und 2020 beginnt eine neue Ausbildung und beendet diese auch erfolgreich.
Welche finanziellen Folgen hat ein Ausbildungsabbruch für die Jugendlichen?
Wir sehen, dass Ausbildungsabbrüche negative Konsequenzen für junge Menschen haben, ob sie nun eine neue Ausbildung beginnen oder nicht. Eine kausale IAB-Studie aus dem letzten Jahr zeigt, dass Ausbildungsabbrechende in den zehn Jahren nach ihrem Abbruch gut 50 Prozent weniger Einkommen erwirtschaften als Personen mit ähnlichen Eigenschaften, aber einer erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung. Andere Analysen zeigen, dass Ausbildungsabbrüche mit einer höheren Wahrscheinlichkeit mit Befristungen und Arbeitslosigkeit zusammenhängen.
In Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen sind laut Ihren Daten die Abbruchquoten niedriger als anderswo, auch der Anstieg seit 2005 ist nicht so hoch. Welche Rahmenbedingungen sind nach Ihren Erkenntnissen dafür verantwortlich?
Auch hier sind noch keine gesicherten kausalen Aussagen möglich. Die Analysen auf Landkreisebene zeigen jedoch, dass eine hohe Wirtschaftskraft und niedrige Arbeitslosigkeit mit einer niedrigen Abbruchsquote zusammenhängen. Die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg zeigten in den letzten Jahren überdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum und unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeitsquoten auf. Die Analysen auf Landkreisebene zeigen ebenfalls, dass ein hoher Anteil an Helferjobs mit einer höheren Abbruchsquote zusammenhängt. Sachsen zeigt in diesem Zusammenhang einen unterdurchschnittlichen Anteil an Helferjobs, das heißt, in Sachsen benötigt man häufiger eine Berufsausbildung, um in den Arbeitsmarkt eintreten zu können als in anderen Bundesländern. Ähnliche Überlegungen könnte man sicherlich auch über die bestehende Branchenstrukturen in den drei Bundesländern treffen, die dann mehr oder weniger Möglichkeiten bieten eine erneute Ausbildung zu beginnen oder als Helfer zu arbeiten.
Sie schreiben in der Studie, dass es auch in Regionen mit einem hohen Anteil an oftmals als „zukunftsorientiert“ geltenden Branchen wie Information und Kommunikation oder technische Dienstleistungen hohe Abbruchquoten gibt. Wie ist das zu erklären?
Die Ergebnisse haben mich auch überrascht. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass „Information und Kommunikation“ als auch „wissenschaftliche und technische Dienstleistungen“ eigentlich Abbruchsquoten leicht unterhalb des Branchendurchschnitts aufweisen. Hier kann ich nur vermuten, dass es sogenannte unbeobachtete Merkmale der Landkreise sind, die den Zusammenhang treiben. Am deutlichsten wird es, wenn man sich die Ergebnisse zur öffentlichen Verwaltung anschaut. Auch hier sehen wir, dass Regionen mit einem hohen Anteil an Stellen in der öffentlichen Verwaltung höhere Abbruchsquoten aufweisen, aber die branchenspezifischen Abbruchsquoten weit unterhalb des allgemeinen Branchendurchschnitts liegen. Nun müssen wir uns fragen: In welchen Landkreisen gibt es überproportional viele Stellen in der öffentlichen Verwaltung?
Und die Antwort darauf ist?
Insbesondere dort, wo Landes- und Bundesregierungen verortet sind. Gleichzeitig weisen diese Städte aber auch viele andere (Job- und Ausbildungs-)Möglichkeiten für die Auszubildenden auf. Dass Jugendliche in ihrer Wahl und im Berufseinstieg lokale Opportunitätsstrukturen einbeziehen, ist bereits aus früheren Studien bekannt. Ähnliches gilt wahrscheinlich für Städte mit vielen „zukunftsorientierten“ Berufen.
Spitzenreiter bei den Abbruchquoten sind der Nordosten Deutschlands sowie die Region Rhein-Ruhr? Können Sie bei diesen doch sehr unterschiedlichen Regionen Gemeinsamkeiten (aber auch unterschiedliche Ursachen) benennen, die mutmaßlich zu diesen Negativrekorden führen?
Im Jahr 2020 führten die Stadtstaaten Bremen (34 Prozent) und Berlin (36 Prozent) die Liste der Bundesländer an, die die höchsten Abbruchsquoten aufweisen, was die Vermutung der attraktiven Alternativen zur Beendigung der Ausbildung stärkt. Geht man weiter runter und schaut, was die Landkreise, die Abbruchsquoten über 30 Prozent aufweisen, an Strukturmerkmalen gemeinsam haben, zeigt sich, dass diese eine überdurchschnittliche hohe allgemeine Arbeitslosenquote aufweisen, eher städtisch geprägt sind und eine gute Anbindung an eine größere Stadt aufweisen, aber selbst keine Großstadt sind. In eine ähnliche Richtung gehen auch die Erkenntnisse zum Zusammenhang dieser Regionen mit dem Anteil an Helfertätigkeiten: Auch hier beobachte ich einen Zusammenhang zwischen mit einem hohen Anteil an Helfertätigkeiten. Wie oben bei den Landkreisen mit den niedrigsten Quoten, könnten tiefergehende Analysen auch die lokale Branchenstruktur betrachten.
Was könnten aus Ihrer Sicht wichtige Hebel sein, um den steigenden Abbruchquoten entgegenzuwirken?
Vor allem gezielte Berufsinformation und Information darüber, was es für Konsequenzen haben kann, keine Ausbildung zu machen. In der kurzen Frist erscheint eine besser bezahlte ungelernte Stelle oftmals attraktiver als die Beendigung der schlechter bezahlten Ausbildung. So verdiente ein durchschnittlicher Auszubildender oder ein Auszubildende im Jahr 2021 netto etwa 1.000 Euro, eine durchschnittliche ungelernte Kraft unter 30 Jahren jedoch gut 2.100 Euro pro Monat. Dieses kurzfristige „Mehr“ ist jedoch ein Trugschluss.
Haben die Abbrecherquoten auch etwas mit dem familiären Hintergrund der Jugendlichen zu tun?
In einer Kausalstudie von 2024 zeigen wir, dass es besonders wichtig ist, die Ausbildungsabbrechenden besser zu informieren, die aus Haushalten kommen, in denen Personen leben, die ebenfalls als ungelernte Kraft arbeiten. Jugendliche aus solchen „benachteiligten“ Haushalten zeigen die mit Abstand stärksten Einkommenseinbußen in den Folgejahren.
Was können Unternehmen dazu beitragen?
In einer IAB-Studie von 2020 wird gezeigt, dass Ausbildungsunternehmen eine wichtige Rolle im Übergang vom Bildungssystem in den Arbeitsmarkt darstellen. So können beispielsweise Unternehmen mit strukturierten Ausbildungsprogrammen die Lohnlücke zwischen Ausbildungsabbrecherinnen und -absolventen reduzieren. In der Studie wird außerdem betont, dass die Qualität der Ausbildung und die Perspektiven im Unternehmen zu bleiben zentral sind, um sowohl Abbrüche zu verhindern als auch abbrechenden Personen andere Perspektiven zu geben.
Info
Best Practice: Was können Unternehmen tun, um Azubis im Betrieb zu halten?
Die wachsende Zahl der Ausbildungsabbrüche und was dagegen getan werden kann, beschäftigt Fachleute und natürlich auch die Ausbildungsbetriebe. Auf LinkedIn schreibt beispielsweise Christian Bergmann, Leiter Personal und Marketing der Friseur-Kette „Klier Hair Group“, was sein Unternehmen tut, um die Jugendlichen bei der Stange zu halten.
Bei der Kette, zu der bundesweit nach seinen Angaben 700 Salons gehören, würden etwa 20 Prozent der Azubis in den ersten drei Monaten die Ausbildung abbrechen – branchenweit üblich seien rund 50 Prozent Abbrecherquote. Bergmanns Rezept: Eine „Kombination aus guter Auswahl und Vorbereitung, qualitativer Ausbildung, umfassender Unterstützung und Betreuung sowie einem positiven Arbeitsumfeld.“ Dazu gehörten realistische Berufsinformationen: „Wir stellen sicher, dass potenzielle Auszubildende ein klares Bild vom Beruf und den Anforderungen haben. Praktika und Schnuppertage haben sich als besonders wertvoll erwiesen, um den Interessenten einen realistischen Einblick zu geben.“ Ein weiterer Faktor ist für den Personaler strukturiertes Onboarding mit einem gut durchdachten Einarbeitungsprogramm, das den neuen Auszubildenden hilft, sich schneller zurechtzufinden. Auch ein strukturierter Plan und definierte Ansprechpartner hätten sich als sinnvoll erwiesen. Bergmann setzt zudem auf „Wertschätzung und Anerkennung: Anerkennung für gute Leistungen und Engagement motiviert und stärkt das Zugehörigkeitsgefühl.“ Das Unternehmen habe beispielsweise ein monatliches „Auszubildender des Monats“-Programm eingeführt, das sehr gut angenommen werde.
Wie geht es nach dem Ausbildungsabbruch weiter?
Die Ausbildungsexpertinnen Anna Schopen und Miriam Schoepp vom KOFA Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V. nehmen sich in ihrer Personalwirtschaft-Kolumne „Wie Ausbildung gelingt“ auch der Frage an, was Unternehmen nach einem Ausbildungsabbruch tun sollten: „Ein Ausbildungsabbruch ist für alle Beteiligten erstmal ein Schlag ins Kontor: Der Azubi ist weg, das Team ist überrascht und der Betrieb hat plötzlich eine Lücke, die geschlossen werden muss.“ Den Abbruch als Lernchance zu betrachten und die Ursachen zu reflektieren ist für die KOFA-Expertinnen der erste Schritt.
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

