Immer mehr Ausbildungsverträge werden vor allem im ersten Ausbildungsjahr und in der Probezeit aufgelöst. Innerhalb von zehn Jahren ist der Anteil gelöster Verträge von 24,4 Prozent auf 29,5 Prozent im Jahr 2022 gestiegen. Fragt man die ehemaligen Azubis nach den Gründen für die Vertragsauflösung, nennen sie an erster Stelle, dass sie die Ausbildung nicht in ihrem Wunschberuf beginnen konnten, und an zweiter Stelle Konflikte während der Ausbildung.
Die erste Zeit im Ausbildungsbetrieb
Für viele Betriebe gleicht die Ausbildung junger Menschen einem Hindernislauf – und spätestens, wenn Azubis nach der dritten Woche wortlos verschwinden, werden Scherze über Ghosting und das mysteriöse „Azubi-Bermuda-Dreieck“ lauter. Doch wo genau hakt es? Warum schmeißen so viele Azubis hin? Und was können Betriebe tun, um dem zu begegnen?
- Onboarding: Wie man Azubis im Team verankert
Fangen wir mit dem Onboarding an. Das ist nicht einfach nur der erste Tag, an dem die Azubis begrüßt und dann an ihren Arbeitsplatz begleitet werden. Es ist ein Balanceakt zwischen Orientierung und einer „Willkommen-im-Team“-Message. Ein lockerer Begrüßungstag, vielleicht mit anderen neuen Azubis oder einem entspannten Teamrundgang, wirkt Wunder. Und ein positiv verlaufener „Orientierungstag“ hat schon so manche schüchterne Seele zu einem gut vernetzten Teammitglied gemacht. Das Onboarding ist sozusagen das Betriebscasting – wer sich direkt willkommen fühlt, der bleibt gern für die ganze Show!
(Weitere Tipps zum Onboarding von Azubis finden Sie hier)
- Die Probezeit – Das Herzstück jeder Ausbildung
In der Probezeit steht die Bindung auf dem Prüfstand. Der oder die Auszubildende ist neugierig und motiviert – oft aber auch unsicher. Statt gelegentlicher „läuft-ganz-gut“-Anrufe sind regelmäßige Gespräche wichtig, die klar signalisieren: „Wir haben dich im Blick und sind für dich da, wenn du Fragen hast!“ Ein Azubi sollte spüren, dass er oder sie eine Stimme hat und kleine Unsicherheiten jederzeit ansprechen kann, ohne das Gefühl zu haben, ein großes Problem daraus zu machen.
Besonders gut funktioniert das mit einem erfahrenen Mentor oder einer Patin – idealerweise jemand, der oder die selbst einmal in der Situation war, etwa ein „älterer“ Azubi. So bekommen die neuen Azubis praxisnahe Tipps auf Augenhöhe, können frühzeitig ein Gefühl für ihren Weg entwickeln und mögliche Bedenken teilen. Mit etwas Geduld und Einfühlungsvermögen wird die Probezeit so nicht zur Zitterpartie, sondern zu einem stabilen Fundament für die gemeinsame Zukunft.
- „Warum reden, wenn man auch verschwinden kann?“ – das Thema Ghosting
Jetzt aber zum Knackpunkt der Ausbildung 2.0: dem berüchtigten „Ghosting“. Immer häufiger kommt es vor, dass Azubis ohne Vorwarnung nicht mehr zur Arbeit erscheinen – als hätten sie sich in Luft aufgelöst. Einiges spricht dafür, dass sich manche Azubis in einem Betrieb schlicht nicht gesehen oder wertgeschätzt fühlen. Wenn das Arbeitsumfeld kühl und distanziert ist oder das Gefühl entsteht, dass eigene Anliegen nicht ernst genommen werden, kann das bei einigen dazu führen, dass sie lieber wortlos gehen, als das Gespräch zu suchen.
Regelmäßiges, ehrliches Feedback kann hier sehr hilfreich sein – Azubis sollten das Gefühl haben, dass ihre Meinung gefragt ist, dass sie wirklich „gehört“ werden. Auch hier ist unser Mentor oder die Patin Gold wert: Wenn der Azubi nicht mit der Führungskraft über seine Herausforderungen sprechen mag, findet er vielleicht im Mentorenteam ein offenes Ohr.
Eine bewährte Methode zur Stärkung der Bindung beginnt schon vor dem ersten Arbeitstag: Kontakt zum Azubi bereits vor Ausbildungsbeginn aufbauen. Ein persönlicher Begrüßungsbrief oder ein kleines Willkommensgeschenk schafft Vorfreude und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Wer sich von Anfang an willkommen fühlt, ist in der Regel weniger versucht, wortlos den Betrieb zu verlassen.
Also: Keine Zauberformel, aber viel Menschlichkeit
Ein bisschen mehr menschliche Wärme, klare Kommunikation und das Wissen, dass Azubis von Tag 1 an zum Team gehören, kann schon viel bewirken. Ob Orientierungstag, Check-ins, Mentorengespräch oder kleines Willkommenspaket – es sind oft die kleinen Schritte, die verhindern, dass der Ausbildungsweg bereits nach den ersten Metern endet.
Wie geht man gut mit Konflikten in der Ausbildung um?
Nach dem Onboarding geht es weiter. Ein friedliches Miteinander in der Ausbildung – das ist, wie wir wissen, leichter gesagt als getan. Konflikte schwingen immer irgendwo im Raum, sei es die E-Mail, die „überraschend schroff“ ankam, oder das Feedback, das irgendwie zwischen den Zeilen verletzender klang als geplant. Aber bevor ein Azubi dem Betrieb innerlich die Tür vor der Nase zuschlägt, gibt es ein paar Wege, wie Unternehmen mit einfachen Mitteln für mehr Harmonie sorgen können.
- Reden ist Gold – Regelmäßige Feedbackgespräche
Wer Konflikten vorbeugen möchte, muss reden. Und zwar regelmäßig. Am besten bereits in den ersten Wochen und besonders in der Probezeit, wo noch alles neu und aufregend (und manchmal verwirrend) ist. In Feedbackgesprächen können Azubis ihre Fragen, Unsicherheiten und auch die ersten kleinen Stolpersteine ansprechen. So bleibt Raum für das, was auf der Seele brennt – und das Unternehmen bekommt die Gelegenheit, Missverständnisse und Probleme noch im Keim zu ersticken, bevor sie zu handfesten Konflikten wachsen.
(Weitere Tipps rund um das Thema Mitarbeitergespräche finden Sie hier)
- Achtsamkeit ist keine Floskel – Mitarbeitende und Ausbildende sensibilisieren
Ein gutes Betriebsklima entsteht nicht von allein. Hier hilft ein waches Auge der Ausbilderinnen und Kollegen, die bewusst auf Anzeichen von Unzufriedenheit oder Überforderung achten. Diese Anzeichen sind oft leise: Verhaltensänderungen, ein nachlassendes Engagement oder das berühmte „sich Zurückziehen“. Mit einer ordentlichen Portion Feingefühl und einem wirklich offenen Ohr können kleine Konflikte oft schon im Vorfeld entschärft werden. Manchmal genügt ein wirklich interessiertes „Wie geht’s dir heute?“, um die Azubis zu ermutigen, sich zu öffnen.
- Erwartungen sind keine Geheimnisse – Klare Kommunikation
Wenn’s um Erwartungen geht, führt kein Weg an Klartext vorbei. Was soll der Azubi leisten? Wie läuft der Arbeitsalltag ab? Und was erwartet das Unternehmen? Und das Ganze bitte auch in die andere Richtung: Was erhoffen sich die Azubis? Worauf legen sie Wert? Missverständnisse entstehen meist dann, wenn keiner so genau weiß, was von ihm oder ihr erwartet wird. Wer von Anfang an die Karten auf den Tisch legt, spart sich später schmerzhafte Aha-Momente und schafft ein gemeinsames Verständnis.
- Ohne Mentor kein Erfolg – Patenprogramme etablieren
Da sind sie wieder, die Mentoren und Paten. Die Idee ist simpel und effektiv: Ein erfahrener Kollege oder eine Kollegin oder auch ältere Azubi stehen den neuen zur Seite, als eine Art Betriebskompass für all die kleinen und großen Herausforderungen. Von „Wohin nochmal mit der Urlaubsanfrage?“ bis hin zu tiefgründigen Fragen wie „Ist es normal, dass ich mich in der Mittagspause ein bisschen verloren fühle?“ – Mentoren sind Ansprechpartner für alles, was die Azubis bewegt.
Also: Es sind die kleinen Gesten
Ein konfliktfreies Betriebsklima fällt nicht vom Himmel. Aber mit regelmäßigen Gesprächen, klaren Ansagen, einer Portion Sensibilität und einer engagierten Patenschaft hat man das Rezept in der Hand. Diese Maßnahmen kosten kaum mehr als ein bisschen Zeit und Aufmerksamkeit, doch der Gewinn ist riesig: entspannte Azubis, entspannte Teams und eine Arbeitsatmosphäre, die Konflikte gar nicht erst zum Blühen bringt.
Wie reagiert man auf Ausbildungsabbrüche?
Ein Ausbildungsabbruch ist für alle Beteiligten erstmal ein Schlag ins Kontor: Der Azubi ist weg, das Team ist überrascht und der Betrieb hat plötzlich eine Lücke, die geschlossen werden muss. Doch mit ein bisschen Geschick und der richtigen Strategie lässt sich aus dieser Situation noch das Beste machen – und das Unternehmen kann die Lehrstelle im Idealfall sogar rasch wieder besetzen.
- Abbruch als Lernchance – Ursachen reflektieren
Erstmal Ruhe bewahren und den Abbruch als Möglichkeit sehen, die eigene Ausbildungspraxis auf den Prüfstand zu stellen. Es kann hilfreich sein, das Gespräch mit dem oder der Auszubildenden zu suchen – soweit das möglich ist – und ehrlich nach den Gründen zu fragen: Waren es die Aufgaben? War das Arbeitsumfeld nicht das Richtige? Oder hat es vielleicht einfach zwischenmenschlich nicht gepasst? Wenn klar wird, was zum Abbruch geführt hat, kann der Betrieb gezielt nachbessern und ähnliche Probleme in Zukunft vermeiden.
(Weitere Tipps für Arbeitgeber zum Umgang mit Kündigungen finden Sie hier)
- Rasch aktiv werden – Nachbesetzungsstrategien entwickeln
Sobald der Abbruch feststeht, heißt es: schnell umschalten auf Plan B. Manche Betriebe setzen hierbei auf kurzfristige Ausschreibungen über eigene Social-Media-Kanäle, die Unternehmenswebseite oder spezialisierte Plattformen für Ausbildungsplatzvermittlung. Auch Jobmessen oder Kooperationen mit Berufsschulen und Kammern bieten eine schnelle Möglichkeit, interessierte Kandidatinnen und Kandidaten auf sich aufmerksam zu machen. Wichtig ist, den Ausbildungsplatz zeitnah wieder anzubieten, um Interessierte noch im aktuellen Ausbildungsjahr zu gewinnen. Vielleicht klappt es statt mit einem Ausbildungsvertrag mit einer Einstiegsqualifizierung.
- Netzwerke nutzen – Praktika als Vorstufe zur Nachbesetzung
Für viele Betriebe bewährt es sich, über Praktika nach Talenten Ausschau zu halten. Wer Schülerinnen und Schülern oder Quereinsteigenden die Möglichkeit gibt, über ein Praktikum den Betrieb und die Ausbildung kennenzulernen, findet oft die passenden Kandidaten für eine spontane Nachbesetzung. Praktikanten haben bereits einen Einblick in den Arbeitsalltag und sind so oft eine sichere Wahl, wenn kurzfristig ein Platz frei wird.
- Flexible Lösungen anbieten – Einstiege auch außerhalb des Ausbildungsbeginns
Falls der Abbruch mitten im Jahr passiert und sich keine Nachfolge für den regulären Ausbildungsstart findet, können flexible Lösungen wie ein „versetzter Einstieg“ helfen. Durch eine individuelle Einarbeitung und eventuell Zusatzkurse können neue Azubis den verpassten Stoff aufholen und trotzdem optimal ins Team eingebunden werden. Das bietet auch die Chance, Kandidaten (zum Beispiel Studienabbrechende) zu gewinnen, die kurzfristig in eine Ausbildung einsteigen möchten.
- Enger Austausch mit Berufsschulen und Kammern
Berufsschulen und Handwerkskammern sind wertvolle Ansprechpartner, wenn es darum geht, rasch neue Azubis zu finden. Diese Institutionen kennen oft Jugendliche, die eine zweite Ausbildung suchen oder einen Betrieb wechseln möchten. Durch eine gezielte Anfrage lassen sich oftmals Kandidaten finden, die den freien Platz nahtlos übernehmen könnten.
- Eine positive Abbruchkultur pflegen
Auch wenn es paradox klingt: Eine „positive Abbruchkultur“ zu entwickeln, kann für den Betrieb langfristig vorteilhaft sein. Wer offen mit Ausbildungsabbrüchen umgeht und Verständnis zeigt, sichert sich ein gutes Image und erhöht die Chancen, dass scheidende Azubis nicht mit negativen Berichten über den Betrieb hausieren gehen. Ein respektvoller Abschied hinterlässt oft einen positiveren Eindruck als ein Konflikt, der in Groll endet.
Also: Auf Lösungen statt auf Probleme fokussieren
Ein Ausbildungsabbruch ist zwar nie ideal, aber mit den richtigen Maßnahmen lässt sich die Lücke wieder schließen. Entscheidend ist, dass der Betrieb den Kopf oben behält und pragmatisch handelt – sei es durch Geschwindigkeit, Netzwerken oder flexible Einstiegsmodelle. Wer sich offen für neue Lösungen zeigt, verwandelt eine knifflige Situation schnell in eine neue Chance für Betrieb und Auszubildende.
Info
Die Autorinnen der Kolumne “Wie Ausbildung gelingt” sind Expertinnen des KOFA Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V.
Anna Schopen ist Senior Projektmanagerin mit Themenschwerpunkt Ausbildung.
Miriam Schöpp ist Referentin für Berufliche Bildung.
