Die Annahme, dass Nachhaltigkeit strategisch an Bedeutung verloren hat, wäre für Unternehmen ein Fehler. Im Gegenteil: Die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Gestaltung der Wirtschaft läuft weiter, Nachhaltigkeitsanforderungen nehmen eher weiter zu und auch die berufliche Bildung ist längst Teil dieser Entwicklung. Seit 2021 gehören „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ zu den Standardberufsbildpositionen aller neu geordneten Ausbildungsberufe sowie für alle bereits vorhandenen Ausbildungsberufe). Auszubildende sollen lernen, die Auswirkungen ihres beruflichen Handelns auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft zu berücksichtigen und nachhaltige Lösungen in ihren Arbeitsalltag einzubeziehen.
Die entscheidende Frage für die betriebliche Ausbildung lautet daher, wie Unternehmen das Thema sinnvoll und gewinnbringend vermitteln können. Denn richtig umgesetzt, kann so zum einen die soziale Einbindung von Auszubildenden gestärkt und zum anderen ihr ökologisches und ökonomisches Bewusstsein vertieft werden. Hierdurch lassen sich der Zusammenhalt im Unternehmen und innovative Ideen im Betrieb fördern.
Thema trifft einen Nerv beim Nachwuchs
Die Gewinnung von Nachwuchskräften gelingt umso erfolgreicher, je besser die Ansprache zu den Erwartungen junger Menschen passt. Ganz oben auf der Wunschliste stehen für fast alle jungen Menschen ein gutes Betriebsklima, eine gute Bezahlung nach der Ausbildung und spannende Aufgaben in der Ausbildung, wie eine aktuelle Jugendbefragung zeigt. Aber auch das Thema Nachhaltigkeit des Unternehmens ist für mehr als zwei von drei Jugendlichen wichtig bei der Wahl eines bestimmten Ausbildungsplatzes. Auch das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) verweist darauf, dass Nachhaltigkeit zunehmend zu einem Faktor der Arbeitgeberattraktivität wird. Bewerberinnen und Bewerber interessieren sich immer häufiger dafür, wie Unternehmen mit Ressourcen umgehen, welche gesellschaftliche Verantwortung sie übernehmen und ob Nachhaltigkeit tatsächlich gelebt wird. Im Wettbewerb um Nachwuchskräfte kann Nachhaltigkeit somit ein entscheidender Faktor sein.
Dabei geht es keineswegs nur um Klimaschutz: Nachhaltigkeit umfasst ökologische Aspekte wie Energieeffizienz, Abfallvermeidung oder Ressourcenschonung. Dazu kommen ökonomische Themen wie Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft oder Zukunftsorientierung sowie soziale Aspekte wie Gesundheitsschutz, faire Arbeitsbedingungen oder Chancengleichheit. Das Netzwerk Q, ein gemeinsames Projekt des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), der Bildungswerke der Wirtschaft und weiterer Bildungseinrichtungen, berichtet in diesem Zusammenhang, dass gerade die soziale Dimension von Nachhaltigkeit für moderne Ausbildung und erfolgreiche Nachwuchsgewinnung eine wichtige Rolle spielt.
Mehr als eine Pflichtaufgabe
Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit inzwischen verpflichtend in allen Ausbildungsberufen verankert ist, setzen die meisten Unternehmen dies aus Überzeugung oder Verantwortung um. Denn sie können wirtschaftlich profitieren und das Betriebsklima stärken. Nachhaltigkeit ist in diesem Sine keine Pflichtaufgabe, sondern bietet Chancen für Ausbildung und Unternehmen. Unternehmen stehen vor vielfältigen Transformationsprozessen – vom sparsamen Umgang mit Ressourcen über neue gesetzliche Anforderungen bis hin zu veränderten Erwartungen von Kunden, Beschäftigten und Geschäftspartnern. Wenn Auszubildende Nachhaltigkeit als festen Bestandteil ihrer beruflichen Handlungskompetenz verinnerlichen, können Sie für das Unternehmen während und vor allem nach der Ausbildung wertvolle Impulse liefern und innovative Veränderungen anstoßen.
Wo Unternehmen ansetzen können
Nachhaltigkeit muss nicht als zusätzliches Projekt neben dem eigentlichen Ausbildungsalltag organisiert werden. Häufig steckt sie bereits in vielen alltäglichen Arbeitsprozessen und Betriebsabläufen. In kaufmännischen Berufen können Auszubildende beispielsweise Lieferketten analysieren, Einsparpotenziale identifizieren oder nachhaltige Beschaffungsprozesse kennenlernen. In technischen Berufen bieten sich Einsatzfelder wie Energieeffizienz, Materialeinsatz oder Kreislaufwirtschaft an. Im Handwerk können nachhaltige Materialien oder ressourcenschonende Verfahren in den Fokus rücken.
Noch spannender wird es allerdings, wenn Auszubildende nicht nur lernen, sondern selbst gestalten dürfen. Viele Unternehmen setzen deshalb auf Azubi-Projekte. Die Aufgaben reichen von der Analyse des Energieverbrauchs über Ideen zur Müllvermeidung bis hin zur Entwicklung nachhaltiger Mobilitätskonzepte oder Verbesserungsvorschlägen für betriebliche Prozesse. Wichtig ist dabei weniger die Größe des Projekts als die Chance, eigene Ideen einzubringen und auch umzusetzen. Auszubildende treffen Entscheidungen und erleben unmittelbar, welche Auswirkungen ihr Handeln haben kann. Das erhöht nicht nur den Lernerfolg, sondern häufig auch die Motivation. Ausbilderinnen und Ausbilder sind dabei wertvolle Lernbegleiter.
Azubis als Ideengeber
Genau darin liegt ein oft unterschätzter Vorteil nachhaltigkeitsbezogener Ausbildungsprojekte. Auszubildende hinterfragen mit ihrem noch vergleichsweise frischen Blick betriebliche Routinen und entdecken Verbesserungspotenziale, die im Alltag leicht übersehen werden. Manchmal sind sie sogar die Einzigen, die fragen, warum bestimmte Prozesse noch genauso ablaufen wie vor zehn Jahren. Genau daraus entstehen oft neue Ideen für den Betrieb. Projekte wie die bundesweiten SDG-Scouts zeigen, dass Auszubildende konkrete Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung von Unternehmen leisten können. Auch verschiedene Kammern unterstützen solche Aktivitäten mit Zusatzqualifikationen für Auszubildende, zum Beispiel über Programme wie die Energie-Scouts der IHK.
Ob Ressourceneinsparungen, effizientere Abläufe oder Verbesserungsvorschläge für nachhaltiges Wirtschaften – viele Projekte liefern Ergebnisse, die über den eigentlichen Lernzweck hinausgehen. Unternehmen profitieren dabei gleich mehrfach: Sie erhalten frische Perspektiven auf bestehende Herausforderungen, stärken die Eigenverantwortung ihrer Auszubildenden und fördern wichtige Schlüssel-Kompetenzen wie Problemlösungsfähigkeit, Teamarbeit und Projektmanagement.
Eine Investition in die Fachkräfte von morgen
Natürlich wird kein Azubi-Projekt allein die großen Herausforderungen unserer Zeit lösen. Wichtig ist vielmehr, jungen Menschen zu zeigen, dass ihre Ideen gefragt sind und etwas bewirken können. Wer erlebt, dass eine eigene Idee Ressourcen spart oder Prozesse verbessert, lernt nicht nur etwas über Nachhaltigkeit, sondern auch, dass Engagement einen Unterschied machen kann. Und genau diese „Selbstwirksamkeit“ dürfte zu den wichtigsten Kompetenzen gehören, die Ausbildung heute vermitteln kann.
Autor
Die Kolumne „Wie Ausbildung gelingt“
Autoren der Kolumne sind
Miriam Schöpp, Senior Referentin für Berufliche Bildung am KOFA Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln e.V., und
Dirk Werner, Leiter des Themenclusters Berufliche Qualifizierung und Fachkräfte am KOFA.
