Azubis vertrauen KI mehr als ihren Lehrern

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

KI ist in der betrieblichen Ausbildung längst Alltag: 85 Prozent der Azubis nutzen Tools wie ChatGPT, Claude oder Gemini bereits im Ausbildungskontext. Das zeigt die Studie „Azubi-Recruiting Trends 2026“ des Software- und Testanbieters U-Form in Zusammenarbeit mit der Hochschule Koblenz. Die Studie ist den Studienautoren nach die bislang größte Erhebung zur dualen Ausbildung in Deutschland, ihre Ergebnisse liegen der Personalwirtschaft vorab vor. Über 11.500 Personen haben teilgenommen, darunter knapp 9.500 Schülerinnen und Schüler, Azubis und dual Studierende sowie rund 2.000 Ausbildungsverantwortliche.

KI versus Mensch: Die Lehrer verlieren den Vergleich

KI scheint den Lernprozess der Nachwuchstalente zu verbessern und schneidet gegenüber den Ausbildenden als Lehrerfunktion gut ab. 53 Prozent der befragten Auszubildenden finden, KI könne Themen öfter oder manchmal besser erklären als die eigenen betrieblichen Ausbilder oder Ausbilderinnen. Mit Blick auf Berufsschullehrkräfte steigt dieser Wert auf 74 Prozent. Am schlechtesten schneiden Hochschullehrerinnen und -lehrer ab: 80 Prozent der dual Studierenden sagen, die KI erkläre besser als ihre Professoren und Professorinnen.

Die Rangfolge ist aufschlussreich. Betriebliche Ausbilder und Ausbilderinnen kommen noch am besten weg, weil ihre Stärke in der praktischen Anleitung liegt, einem Bereich, in dem KI-Tools an Grenzen stoßen, heißt es in der Studie. Berufsschullehrkräfte hingegen seien klassischerweise für die theoretische Wissensvermittlung zuständig. Genau das beherrsche generative KI besonders gut: Inhalte erklären, Beispiele liefern, Schwierigkeitsgrade anpassen, Fragen sofort beantworten. Das bestätigen auch die Ausbildungsverantwortlichen selbst: 62 Prozent berichten, dass Azubis bei Fragen zur Ausbildung lieber die KI nutzen, als ihre Ausbilderinnen und Ausbilder anzusprechen.

Azubis zeigen sich bezüglich KI-Skills selbstbewusst

Doch um die KI als Lehrkraft nutzen zu können, braucht es KI-Fähigkeiten. 85 Prozent der Azubis schätzen sich in Sachen KI-Kompetenz als „sehr fit“ oder „eher fit“ ein. Und das, obwohl sie sich den Umgang mit KI größtenteils selbst beigebracht haben.

Nur 15 Prozent der Azubis haben jemals an einer KI-Weiterbildung teilgenommen, die meisten haben sich ihre Kenntnisse durch tägliche Nutzung und Ausprobieren selbst angeeignet. Wichtig: Die Studie misst Selbsteinschätzung, keine tatsächliche Kompetenz. Ob Azubis KI-Ausgaben kritisch einordnen und Fehler sowie Halluzinationen erkennen können, bleibt offen.

Die Unternehmen tun jedenfalls wenig, um die Auszubildenden bei diesem Thema abzuholen. 49 Prozent der Ausbildungsbetriebe stellen nämlich gar keine Lernangebote zum Thema KI für ihre Azubis bereit. Dabei glauben nur 40 Prozent der Azubis, auf solche Angebote verzichten zu können. Schon die „Azubi-Recruiting Trends 2024“ zeigten, dass damals nur zehn Prozent der Ausbildungsbetriebe KI-Inhalte in der Ausbildung vermittelten. Seitdem hat sich wenig bewegt.

Vielleicht, weil die Ausbildenden zunächst selbst KI-fit werden müssen. Bisher haben 39 Prozent der Ausbilderinnen und Ausbilder an einer KI-Weiterbildung teilgenommen, mehr als doppelt so viele wie bei den Azubis. Als KI-fit bezeichnen sich 54 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen.

Info

KI-Nutzung: Was der Berufsbildungsbericht 2026 sagt

Dass die Lücke zwischen Azubi-Praxis und betrieblichem Angebot kein Randphänomen ist, belegt auch der „Berufsbildungsbericht 2026“ des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), erschienen Ende April. Er widmet KI ein eigenes Kapitel und liefert Zahlen, die das Stimmungsbild der Azubi-Studie in einen größeren Rahmen setzen.

Auf Fachkraftniveau nutzen laut Berufsbildungsbericht lediglich rund zehn Prozent der Beschäftigten KI, auf Expertenniveau sind es rund 37 Prozent. KI ist also auch in der Arbeitswelt noch keine Fachkräfte-Realität. Daraus abzuleiten, die Arbeitsaufgaben von Fachkräften seien von KI nicht betroffen, wäre zu kurz gegriffen, hält das BIBB fest. KI verändere auch auf Fachkraftniveau einzelne Tätigkeiten, textbezogene, organisatorische und informationsverarbeitende Aufgaben. Die duale Ausbildung bereitet auf eine Arbeitswelt vor, in der KI-Kompetenz auf allen Ebenen gebraucht wird. Vermittelt wird sie mehrheitlich nicht.

Ein weiterer Befund des Berufsbildungsberichts: In digitalisierten Arbeitswelten verfügten Ausbilder und Ausbilderinnen zunehmend nicht mehr über den notwendigen Wissens-, Könnens- und Erfahrungsvorsprung gegenüber den Lernenden.

Erste empirische Befunde, die der Report zitiert, zeigen zudem: Berufliche Schulen und Weiterbildungsinstitute nutzen KI intensiver als Ausbildungsbetriebe oder Kammern. Ausbildungsverantwortliche beschreiben KI als hilfreich für Materialerstellung und individuellere Lernprozesse, äußern aber Zurückhaltung mit Blick auf kritisches Denken und Reflexionsfähigkeit der Lernenden.

Was jetzt gefragt wäre

Der Bericht des BIBB zeigt, dass Beschäftigte in Betrieben, die sich stark in der Weiterbildung engagieren, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit KI nutzen. Das Institut warnt: „Wenn die Weiterbildungsbeteiligung von Fachkräften deutlich geringer ausfällt als die von Beschäftigten auf Experten- und Spezialistenniveau, steigt die Gefahr, dass KI-Potenziale auf Fachkräfteebene ungenutzt bleiben.“

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt Sina Sommer, die als Beraterin Lern- und Change-Formate konzipiert. Sie berichtet auf Linkedin von einer Diskussion mit Ausbildern, in der der Ruf laut wurde, KI einfach zu verbieten. Ihr Gegenargument: „Verbieten löst das Problem nicht, es verschiebt es nur.“ Stattdessen plädiert sie für ein anderes Aufgabendesign: KI-Output als Ausgangsmaterial nehmen, ihn kritisch einordnen, hinterfragen und weiterentwickeln. Nicht „Lass die KI das machen“, sondern „Was stimmt hier nicht, was fehlt, was würdest du anders entscheiden?“ Das sei die Kompetenz, die in der Ausbildung zähle.

Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Recruiting und Employer Branding. Er verantwortet weiterhin die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.