Künstliche Intelligenz hat bereits jetzt die Arbeitsprozesse und auch Tätigkeiten vieler Beschäftigter verändert. Wenn sich die Art der Arbeit ändert, könnten auch Gehälter durch den Einsatz von KI künftig anders ausfallen. Während manche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer womöglich mit Einbußen rechnen müssen, könnten andere profitieren.
Das sind zumindest die Erwartungen vieler Unternehmen in Deutschland, wie eine aktuelle Auswertung des Ifo Instituts zeigt. Grundlage ist die Konjunkturumfrage vom Juni 2026, für die das Institut über 3.000 KI-nutzende Unternehmen in Deutschland befragt hat.
Jedes zweite Unternehmen erwartet sinkende Löhne
Eine Mehrheit der befragten Unternehmen rechnet damit, dass der Einsatz von Künstlicher Intelligenz die Löhne in den nächsten fünf Jahren drücken wird. Besonders betroffen sind demnach Beschäftigte mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung: Rund jedes zweite Unternehmen rechnet bei dieser Gruppe mit Lohneinbußen. Für erfahrene Arbeitskräfte mit mindestens fünf Jahren Berufserfahrung sind es rund 40 Prozent, die geringere Gehälter erwarten.
Gleichzeitig erwartet jedoch ein Drittel bis die Hälfte der Unternehmen stabile Löhne. „Künstliche Intelligenz wird aus Sicht vieler Unternehmen die Löhne nicht für alle Beschäftigten gleichermaßen beeinflussen“, sagt Ifo-Forscherin Anna Ruffert.
KI: Hochqualifizierte könnten profitieren
Nicht nur die Berufserfahrung entscheidet, wie sich Löhne durch den Einsatz von KI entwickeln könnten. Unternehmen erwarten auch Unterschiede durch die Qualifikation von Angestellten. Demnach könnte insbesondere vom KI-Einsatz profitieren, wer hochqualifiziert ist. Etwa jedes vierte Unternehmen erwartet bei Hochqualifizierten mit langer Berufserfahrung einen positiven Lohneffekt durch KI, bei kurzer Berufserfahrung mit hoher Qualifizierung sind es noch 16 Prozent. Zum Vergleich: Bei Niedrigqualifizierten mit kurzer Berufserfahrung liegt dieser Anteil bei gerade einmal knapp 6 Prozent.
Der Arbeitsmarktexperte Dr. Tobias Zimmermann, der lange bei Stepstone war und inzwischen Head of Talent Intelligence & Attraction beim Tüv Nord ist, sieht in dieser Entwicklung eine wachsende Spaltung am Arbeitsmarkt: „Es wird mehr hochqualifizierte Jobs und damit Aufstiegschancen geben. Am anderen Ende steigt hingegen der Druck.“ Für Unternehmen und HR-Verantwortliche sei die Lohnfrage deshalb gar nicht die entscheidende. Wichtiger sei es ihm zufolge, wie man mehr Menschen für hochqualifizierte Jobs der Zukunft gewinne.
Neben einer attraktiven Arbeitgebermarke brauche es vor allem interne Mobilität und Karrierepfade sowie effizientes und smartes Up- und Reskilling. „Wir müssen den Menschen jetzt den Weg ebnen, weil uns sonst die Spezialistinnen und Spezialisten sowie die Expertinnen und Experten ausgehen werden.“
Dienstleister sehen größte Lohneinbußen durch KI
Auch beim Blick auf die Branchen zeigen sich deutliche Unterschiede bei der erwarteten Lohnentwicklung durch den KI-Einsatz. Am häufigsten erwarten Dienstleister sinkende Löhne für ihre Beschäftigten ohne (Fach-)Hochschulabschluss. Bei Beschäftigten mit kurzer Berufserfahrung liegt der Anteil bei 53 Prozent, und 44 Prozent bei jenen mit längerer Erfahrung. Im Handel sind es 48 beziehungsweise 41 Prozent und im Verarbeitenden Gewerbe 47 beziehungsweise 39 Prozent.
Baubranche zeigt sich am wenigsten besorgt und erwartet Lohnplus für Hochqualifizierte
In der Baubranche hingegen fallen die Zahlen am niedrigsten aus. Hier rechnen 39 Prozent der befragten Unternehmen mit sinkenden Löhnen bei Beschäftigten mit kurzer Berufserfahrung. Bei längerer Erfahrung sind es gerade einmal 31 Prozent.
Die Branche fällt darüber hinaus aus einem weiteren Grund in der Umfrage auf: Nirgendwo sonst sind die Erwartungen für steigende Löhne für Hochqualifizierte so hoch. 24 Prozent der Bauunternehmen, die KI nutzen, rechnen mit einem Lohnplus für Hochqualifizierte mit kurzer Berufserfahrung. Bei mehr als fünf Jahren Erfahrung liegt der Anteil bei 30 Prozent.
Zum Vergleich: Im Dienstleistungssektor liegen die Werte bei 15 bei kurzer beziehungsweise 27 Prozent bei langer Berufserfahrung, im Handel bei 16 beziehungsweise 25 Prozent und im Verarbeitenden Gewerbe bei 16 beziehungsweise 24 Prozent.
KI und Löhne: Wirtschaftliche Folgen sind noch unklar
Ob und wie stark KI die Löhne und die Lohnverteilung tatsächlich verändern wird, ist unter Ökonomen und Ökonominnen bislang umstritten. Dass Löhne durch den Einsatz von KI tatsächlich sinken, wie Unternehmen der Ifo-Umfrage zufolge erwarten, ist wissenschaftlich nicht belegt. Nicola Fuchs-Schündeln, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Professorin für Makroökonomie und Entwicklung an der Goethe-Universität Frankfurt, mahnt in einem Linkedin-Statement zur Zurückhaltung: „Auch wenn gewisse Tätigkeiten leicht von der KI übernommen werden können, heißt das nicht unbedingt, dass die entsprechenden Berufsbilder an Bedeutung verlieren und die Löhne sinken.“
Auch Arbeitsmarktexperte Zimmermann blickt optimistisch auf die Entwicklungen durch den Einsatz von KI in Unternehmen: „KI wird nicht zu einem generellen Jobabbau führen. Bislang lassen sich keine negativen Effekte auf die Beschäftigung zurückführen.“ Was allerdings noch zu wenig Beachtung finde, sei das eigentliche Potenzial der Technologie: „KI kann unsere Arbeit wirkungsvoller, kreativer und menschlicher machen. Hier denken wir noch nicht groß genug“, betont Zimmermann. Damit das gelinge, brauche es neben fachlicher Qualifikation und technischen Anwendungsfähigkeiten auch „kritisches Denken, zwischenmenschliche Kompetenzen und Führungskompetenzen, damit das Miteinander im Projekt mit der Mensch-Maschine-Zusammenarbeit Schritt halten kann“.
Mara Marx ist Volontärin bei der Personalwirtschaft.

